Schlagwörter

, , , ,

Leberblümchen

Leberblümchen

Am Sonntag war ich auf der Jagd. Nein, nicht auf der Jagd nach dem Frühling. Der hatte sich mit seinen lauen Lüften über Thüringen und weit darüber hinaus ausgebreitet. Ich war auf der Suche nach den Leberblümchen. Wie ich hörte, sind die ersten Exemplare bereits gesichtet worden.

Aber der Reihe nach berichtet. Dort, wo eine Woche zuvor noch eine geschlossene Schneedecke – Schnee? Was ist denn das? – lag, leuchtet es jetzt frisch und strahlend weiß in den Thüringer Frühling. Es ist kein Schneeweiß, was dort leuchtet. Es ist ein frühlingshaftes Märzenbecherweiß. Meine Befürchtung, dass durch den langen und schneereichen Winter die alljährliche Pracht der Märzenbecher deutlich reduziert ausfallen würde, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Auf großen Flächen leuchtet der Waldboden weiß gepunktet, wobei die Punktzwischenräume stellenweise nicht mehr erkennbar sind. Dazwischen stehen nicht nur Bäume und Sträucher. Horden von Bärlauchsammlern stampften auf der Suche nach den knoblauchartig stinkenden duftenden Gewächsen zwischen den Märzenbechern hindurch. Die Geschmäcker sind verschieden. Manche mögen die derbduftige Ausstrahlung, andere die klare, zarte Waldluft.

Richtig Trouble war am Krötenteich zu beobachten, sogar schon aus der Ferne zu hören. Regelrecht überschäumende Frühlingsgefühle zeigten die kleinen, quakenden Hüpferlinge. Nicht einmal vollbesetzte Publikumsränge, jede Menge schnappschusssüchtiger Paparazzis und Kreise ziehende, laichhungrige Enten störten ihr Liebesspiel. Dazu demnächst mehr auf dieser Welle.

Mein Ziel war das Leberblümchen. Ich brauchte dringend einen Farbtupfer vor Augen und Linse. Sie schienen sich gut versteckt zu haben. Erste Anemonen habe ich stattdessen entdeckt. Die sind auch weiß, aber ich habe mich trotzdem vor Freude auf den feuchten Waldboden gelegt. Für solche Fälle habe ich immer einen Plastikmüllsack dabei. Auf Augenhöhe haben wir uns gegenseitig angestrahlt und nett unterhalten. Ja, ich rede ihnen immer Mut zu, lobe sie und ermutige sie, nicht ungeduldig zu werden, bis ihre scheuen Artgenossen ebenfalls die vielen, schon deutlich erkennbaren Knospen öffnen.

Die Suche nach dem Leberblümchen ging weiter. Wieder am Krötenteich vorbeikommend, beschloss ich, einen Schlenker einzulegen, nicht auf direktem Weg zu meinem Ausgangspunkt zurückzukehren. Das war eine gute Entscheidung. Solche sollte man öfter treffen. Auf einer kleinen Anhöhe, ich hatte zwischendurch ein paar andere, etwas unscheinbare Frühlingsblüher fototechnisch ins Visier genommen, entdeckte ich einen hellblauen, leuchtenden Farbtupfer. „Weggeworfenes Bonbonpapier?“ schoss es mir, wie bereits mehrfach, durch den Kopf. Auf diesen Unrat fällt man leicht herein. Es ist unglaublich, wie viel Bonbons, noch dazu wie viele blau verpackte Bonbons, im Wald gelutscht werden. „Wenigstens das Bonbonpapier hätten sie …“  Ich habe diesen Gedanken nicht zu Ende gebracht. Ich lag auf dem Bauch und habe meinen Fotoapparat in Stellung gebracht, die beste Einstellung gesucht und mich gefreut. Natürlich habe ich das Blümchen, so wie es sich gehört und ich bin ja ein gut erzogener Junge, erst einmal begrüßt, mich vorgestellt und meine Freude über unser Treffen zum Ausdruck gebracht. Gerne lies sich das Leberblümchen portraitieren. Ihre Geschwister standen artig neben ihr.

Solch einen Sonntag lobe ich mir!