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Frühlings-Adonisröschen mit Blick zur Burg Gleichen

Frühlings-Adonisröschen mit Blick zur Burg Gleichen

Jeden Morgen renne ich in aller Herrgottsfrühe, total übermüdet, hochmotiviert und voller Tatendrang ins Büro. Den lieben langen Tag über schaffe ich wie verrückt Bruttosozialprodukt und bringe die Menschheit damit ein gutes Stück weiter nach vorn. Abends dann liege ich platt wie eine Flunder vor dem TV und sehne das nächste Wochenende herbei. „Richtig ausruhen! Endlich in aller Ruhe und Gemütlichkeit fotografieren gehen!“ dröhnt es durch meinen Kopf während der Nachrichtensprecher eine Katastrophenmeldung nach der anderen verliest.

Am Samstag scheint die Sonne, Federwölkchen machen das Licht weich und die Luft ist kühl. Aber zum Glück hat der Herr Strick die nach ihm benannte Jacke erfunden. Also ideale Bedingungen zum Fotografieren. Eine leichte Brise ist gerade zu verkraften. Das Licht ist ja annähernd perfekt und damit sind die Belichtungszeiten so kurz, so dass sich die Zahl verwackelter Bilder in Grenzen halten wird.

Das Mittagessen war wirklich gut und ich konnte mich bestens vorbereitet auf den Weg machen. Zu den Drei Gleichen fahren und Burgen fotografieren, war mein Plan. Aber Pustekuchen, es kam anders.

Ich beginne von vorn. Die Drei Gleichen heißen so, weil sie ganz unterschiedlich aussehen. Der Name kommt von denen zu Gleichen. So hießen die damaligen Bewohner. Zu finden sind diese drei Burgen links und rechts der Autobahn A4 zwischen Gotha und Erfurt, egal aus welcher Richtung man gerade kommt. Auf der einen Seite stehen zwei, auf der anderen Seite eine dieser Burgen. Alle sind in Sichtweite der Autobahn und stehen gut sichtbar auf Hügeln.

Die Burg Gleichen bei Wandersleben war mein erstes Ziel. Über diese Burg gibt es eine Sage. Graf Ernst von Gleichen hat im 13. Jahrhundert am Kreuzzug teilgenommen und ist dummerweise in Gefangenschaft geraten. Er hat der Tochter des Sultans die Ehe versprochen und kam durch ihre Hilfe frei. Und da fing das eigentliche Problem an. Denn er war ja schon verheiratet. Aber der Papst hat die Zweitehe genehmigt und alles war somit in Butter. Das stelle man sich einmal vor, der Papst erlaubt eine Zweitehe. Er genehmigt seinen Priestern ja nicht einmal die Erstehe. Zeiten waren das damals! Über diese Sage gibt es sogar ein nettes Musical.

Auf dem Weg nach oben habe ich vor vielen Frühjahrsblühern flach gelegen. Es waren wundervolle Fotomotive. Kurz unterhalb der Burg bekam ich einen Schreck. Ohne Eintritt zu bezahlen werde ich keine Burgfotos schießen können. Mein Portmonee liegt im Auto. Runterlaufen, Geld holen, den Aufstieg wiederholen oder darauf hoffen, dass mich das Burgfräulein an der Kasse gnädiger Weise … Das ist heutzutage eher unüblich. Aber ich habe ja noch einen Joker im Hemdsärmel. Ich bin mit Hugo von Fürsteneck, dem Burggespenst von Burg Fürsteneck bei Hünfeld gut befreundet. Das wird sie beeindrucken … Ja, das hat sie tief beeindruckt. Sogar so tief, dass sie das Burgtor fest verschlossen hat. „Wegen Bauarbeiten bis Ende April geschlossen!“ Eine Jahreszahl stand auf dem Schild nicht drauf. Begeisterung pur!

Ich bin dann – verbotenerweise – einmal den Trampelpfad rings um die Burg getigert. Es hätte ja sein können, dass sich eine geheime Pforte auftut. Nix ist passiert. Was blieb mir übrig, als den Rückweg anzutreten. Es gibt ja noch zwei weitere Burgen zu besteigen. Auf dem Rückweg bin ich dann fast über eine Herde Schlüsselblumen gestolpert.

Und da ging der Stress los. Nicht das Fotografieren war der Stress. Nein, das Fotografieren beruhigt mich immer sehr, ist quasi stressmindernd. Aber mir war sofort klar, dass jetzt meine gesamte Planung für das Blog über den Haufen geworfen werden muss. Die ersten Schlüsselblumen des Jahres, zwei Wochen nach dem letzten Schnee! Ich werde wahnsinnig und liege in demselben Moment auf dem Boden, Aug in Aug mit den Schlüsselblumen. Sie haben mich dann immer weiter ins unterburgige Dickicht gelockt. Der Pfad wurde immer schmaler, das Gestrüpp immer dichter. Wäre ich nur einen einzigen, klitzekleinen Millimeter weiter gekrochen, ich wäre für immer und ewig dort stecken geblieben. Also musste ich vorsichtig wenden und zurück auf den Hauptweg gehen. Schnurstracks bin ich abwärts marschiert.

Unten habe ich eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Kurz vor dem Parkplatz, ich konnte mein Auto schon sehen, bin ich nach rechts abgebogen. Ich wollte nur mal schauen, wie es dort so aussieht. Dort gibt es zum Teil kahle, etwas merkwürdig aussehende Hügel. Ich wollte wirklich nur mal peilen, was es dort so gibt. Ich meine, was dort fotomotivmäßig so los ist.

Und dort war vielleicht etwas los! Massen von gelb leuchtenden Frühlings-Adonisröschen standen plötzlich vor mir – purer Wahnsinn. Und alle zwischenzeitlichen neuen Planungen für das Blog, die mir beim Abstieg von der Burg durch den Kopf gegangen sind, waren in diesem Moment obsolet. Oh, dieser Stress! In meiner Begeisterung für diese Pracht bin ich noch einmal, diesmal unterhalb des Burgbergs um die Burg herum gelaufen. Hinter jedem Hügel, nach jeder Wegbiegung tat sich eine neue gelbe Pracht auf. Die anderen beiden Burgen haben vergeblich auf mich gewartet. Aber schon der berühmte Confusius hat gesagt, „Kommt Zeit, kommt Burgbesuch!“.

Das Bild oben zeigt ein Adonisröschen. Im Hintergrund ist die Burg Gleichen zu erkennen. Die zu besuchen lohnt sich derzeit nicht. Der ganze Burgberg ist von vielen Frühjahrsblühern übersäht. Das lohnt sich auf jeden Fall! Wenn nur nicht das ständige Rauschen der nahen Autobahn wäre. Das macht mich mit der Zeit ganz kirre. Und dann auch noch dieser Stress!