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Frauenschuh

Frauenschuh

Unwetter entladen sich über Thüringen und so etwas nennt sich Pfingstfest!

Pünktlich am Freitagabend hat es begonnen. Man glaubt gar nicht, wie viel Wasser in die Wolken hinein passt. Die sehen doch oft so federleicht und unschuldig aus. Sie tarnen sich als Bär, Hase, Pusteblume, Schlange, verbogene Pizza, tanzende Schildkröte, … Und ständig ändern sie ihre Form. Aus einem Walfisch wird ein siebenflügeliger Schmetterling, daraus dann ein verschmitztes Lachgesicht, dann ein Pinguin, der mit einem Nilpferd flirtet, … Aber dann, wir sind uns keiner Schuld bewusst, rotten sie sich zusammen, werden grau, grauer, schwarzmeliert und schauen bedrohlich zu uns herunter. Es dauert nicht lange und sie öffnen blitzartig ihre Schleusen. Ein paar Sekunden später donnert es gewaltig. Genau so war es am letzten Freitag. Das viele Wasser wusste nicht, wohin es fließen sollte und stapelte sich auf Wiesen, Wegen, Straßen und Dächern. Es war so viel Wasser, dass einige Dächer nicht standhielten. Zum Glück gab es nur Blechschäden, würden Autounfallforscher jetzt sagen. Aber das war erst der Anfang. Wenn man gedacht hatte, jetzt ist die ganze Suppe unten angekommen, wurde man am Sonntagabend eines Besseren belehrt. Der Tanz fing von vorne an. Und wie war es zwischendurch? Ziemlich durchwachsen, mal fiel Regen und dann war wieder schlechtes Wetter. Da schwammen die Blauwale auf den Feldern herum, blinzelten ständig gen Himmel und wunderten sich, wenn da doch einmal ein Quadratzentimeter Blaues, ihre Lieblingsfarbe zu entdecken war. Die nichtasphaltierte Welt hatte sich großflächig in eine nasse, schlammige Pampe verwandelt. Furchtbar schüchtern schaute sich die Sonne zwischendurch ein paar Mal den ganzen Schlamassel an.

Für die drei freien Tage hatte ich mir viel vorgenommen. Ausschlafen, das war der einfache Teil der Übung. Ich wollte unbedingt den Orchideen, meinen Orchideen, da  ganz oben auf dem Berg, dort, wo sie zu Hause sind, einen Besuch abstatten. Der war längst überfällig. Aber in diesem Jahr ist die Natur spät dran. Letzte Woche, als ich einen anderen Orchideenberg erklommen hatte, habe ich dies schon feststellen müssen. Ich kann es einfach nicht erwarten. Und deshalb wollte ich wenigstens mal die Lage checken. Ich bin ja bekanntermaßen ein großer Freund von Frauenschuhen. Und wenn man Fan von Frauenschuhen ist, dann muss man, wenn es an der Zeit ist, losziehen, die Frauenschuhe zu besuchen.

Weshalb lösen Frauenschuhe immer solch heftige Reaktionen aus? Das kann sehr verschiedene Ursachen haben. Entweder sind es die Schuhe selbst, weil sie in manchen Menschen einen Schuhshoppingreflex auslösen und weil sie einfach schick aussehen. Es können aber auch die Beine sein, an welchen die Schuhe befestigt sind. Die Schuhe entfalten ihre besondere Schönheit, leiten sie wie von Geisterhand auf die sie tragenden Beine und steigern deren Schönheit ins Unermessliche. Andere Frauenschuhe begeistern durch die Dynamik, die auf die Trägerinnen übergehen soll. Aber all diese Frauenschuhe sind völlig ungeeignet, wenn ich zu meinen Frauenschuhen pilgern möchte. Das liegt nicht nur daran, dass ich, so ganz persönlich und das soll keine Wertung beinhalten, Männerschuhe einfach viel praktischer finde. Der Weg, den zu gehen ich beabsichtigte, ist für diese zarten, leichten, bunten, hübschen, hochhackigen Schuhe einfach nicht gemacht. Er führt steil bergan und über Stock und Stein. Und Stöcke und Steine, die den Weg kreuzen oder verstellen, gibt es dort sehr viele. Man benötigt also ordentliche Wanderschuhe um zu diesen Frauenschuhen zu gelangen.

Am Sonntagnachmittag, ich ahnte von dem bevorstehenden abendlichen unwetterartigen Dilemma noch nichts, bin ich losgefahren. Mein Parkplatz war ziemlich voll. „Kraxeln die alle zwischen meinen Orchideen herum?“ fragte ich mich höchst besorgt. Nein, das taten sie zum Glück nicht. Es gibt in diesem Ort noch andere Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel ein Eiscafé, mehrere Gaststätten, eine Bratwurstbude, … Sogar historische Gemäuer findet man dort. Hoch zu den Orchideen wandern nur Verrückte und Besessene. Davon gibt es nicht so viele.

Mit voller Ausrüstung, Kamera nebst Zubehör, Stativ, Regenschutz für alle Fälle und natürlich genügend Wasser zur Erfrischung, bin ich los gezogen. Uff, … das treibt den Schweiß aus den Poren. Den Weg kenne ich gut. Zuerst geht es aufwärts, dann scharf links abbiegen, dann rechts halten und an der vermoderten Bank nach links, den Pfad am Berghang entlang. Die umgestürzten Bäume kenne ich alle persönlich. Irgendwie kommt man unten durch oder rechts daran vorbei.

Das erste Helm-Knabenkraut hat mich begrüßt. Ich grüße mit einem Kameraklick zurück. Das funktioniert nur mit 300er Tele, darunter geht es nicht, Verwacklungsgefahr inbegriffen. Ich wollte mein Stativ ja nicht nur spazieren tragen. Dafür ist es einfach zu schwer. Wo sind die Frauenschuhe? Und ist dort Jemand? Höre ich Stimmen? Nein, es ist ein Kuckuck! Ja, Kuckucks gibt es noch! Oder muss es Kuckucke heißen? Meine WinWord-Rechtschreibprüfung erlaubt beides. Der online-Duden mag nur die zweite Variante. Die erste ist für ihn der einzählige Genitiv. Aha, deshalb hat Word nicht gemosert. Okay, Variante eins wird gestrichen. Das ist nicht so schlimm und wir sind wieder ein Stück schlauer geworden. Schlimm ist jedoch, dass mein Portmonee unten im Auto liegt. So ein Mist aber auch. Wie soll ich da reich werden? Ich vergesse aber auch alles, nicht nur das Lottospielen. Der Kuckuck war mein Publikumsjoker.

Nach einer Weile habe ich die ersten Frauenschuhe entdeckt. Aber bis sie ihre Blüten entfalten, wird es noch ein paar Sonnentage lang dauern. Ich gehe weiter des Wegs. Ganz langsam. Links ist ein Abgrund und der Weg ist sehr holprig. Viele Baumwurzeln und Steine warten nur darauf, dass ich stolpere. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht. Endlich, in zehn Meter Entfernung, rechts oben am Berg steht eine blühende Staude Frauenschuhe. Es ist ein toller Anblick. Und die Sonne scheint ausnahmsweise gerade mal. Das Licht ist nahezu perfekt. Die Technik steht und ich fotografiere meine erste Frauenschuhblüte des Jahres. Weiter geht es. Viele Orchideen warten noch, bis sie ihre Blüten entfalten. Sie scheinen zu ahnen, was der Wettergott an diesem Wochenende für Pläne hat. Nur ein paar Mutige zeigen Ihre Blüten. Auch einige, die nah am Weg stehen. Das gefällt mir natürlich gut. Denn im Naturschutzgebiet sollte man auf den Wegen bleiben und die Natur möglichst wenig stören. Der Fotogott hat ja zum Glück Teleobjektiv und Stativ erfunden. Er hätte sie allerdings etwas leichter erfinden können. Das muss jetzt mal kritisch angemerkt werden. Etliche Frauenschuhe und Knabenkräuter lächeln in meine Linse. Zwischendurch sende ich per Handy ein Foto nach Hause. Ich werde in diesem Jahr mindestens noch einmal den Weg hinauf zum Frauenschuhrevier erklimmen müssen. Das steht fest, wie der Kölner Dom!

Manchmal denke ich, da oben in meinem Oberstübchen knirscht es im Getriebe ein klein wenig. Jedes Mal, wenn ich diese Wege entlang laufe, fällt mir ein, dass es hier ja noch ein ganz unscheinbares Orchideelein gibt. Eines, das ganz und gar nicht, wie eine Orchidee aussieht. Es tarnt sich zwischen dem Gestrüpp, im Laub vom letzten Jahr. Es ist … Man findet es nur am Wegrand, maximal zwei Meter von den eigenen Füßen entfernt. Weiter weg kann man ihn nicht entdecken. Es sind Zufallstreffer, weil er so gut getarnt ist. Ich kenne die Stellen, wo ich suchen muss. In diesem Jahr …  Aber das ist eine andere Geschichte, die erzähle ich in ein paar Tagen. Heute wird noch nichts verraten.

Ich bin schon oft hier oben entlanggelaufen. Jedes Jahr, immer im Mai, besuche ich zwei- oder dreimal dieses Revier. Obwohl es immer denselben, zugegebenermaßen wundervollen Anblick bietet, komme ich solange meine Beine mitmachen, immer wieder hierher. Nicht nur wegen des tausendundersten Orchideenfotos. Wegen dieser wundervollen Orchideen, wegen der Natur, wegen der Schönheit, wegen … Wegen meiner büroluftgeplagten Innereien. Die müssen immer mal durchgelüftet und mit schönen Bildern tapeziert werden. Es ist die Besessenheit, die ich oben anfangs erwähnt hatte, die mich da hoch treibt. Es ist eine Passion, eine Leidenschaft.

Außer den Orchideen, die hier am Berghang unter den Bäumen wachsen, gibt es weit mehr zu sehen. Diesmal hat mich ein gefährliches Untier angegrinst. Mutig, wie das tapfere Schneiderlein, habe ich zurück gelächelt und es abgeschossen, natürlich nur mit meinem Fotoapparat. Ich bin ja schließlich kein Untiermörder! Pilze gibt es auch schon. Auch hierüber werde ich in den nächsten Tagen berichten.

Der Abstieg ist einfach. Es geht bergab. Weil es sich so leicht laufen lässt, genieße ich die Gegend. Beim Aufstieg hatte ich mit mir selbst zu tun. Da war mir die Gegend egal. Da hieß es nur, durchhalten, immer genügend Luft schnappen, vorwärts Marsch, dem Ziel entgegen! Aber jetzt habe ich sogar Zeit, an mir selbst herunter zu schauen. Ich verzichte auf eine Zustandsbeschreibung. Immerhin hatte ich mich vor meinen Fotomotiven niedergekniet, gar hingelegt. Die Waschmaschine wird schwer zu tun haben.

Während ich zu Hause vor meinem Laptop sitze, die Ausbeute meiner Orchideenbilder begutachte, entlädt sich draußen in der sonntäglichen Pfingstnacht ein Unwetter. Ich hatte den Zeitpunkt meiner Tour perfekt abgepasst. Auch am Pfingstmontag war kein Fotografierwetter, wenn man nicht gerade auf Regenbilder steht. Das ist eigentlich auch keine schlechte Idee. Regen gehört ja irgendwie zu unserem Leben dazu. Auch wenn er wenig beliebt ist, zumindest dann, wenn man nicht gerade Wetterfrosch, Gärtner, Landwirt, Regenpfeifer oder Waldbrandfeuerwehrmann ist.