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Prora - Südansicht

Prora – Südansicht

Auf Rügen, in der Nähe des Badeortes Binz steht parallel zum Ostseestrand, direkt hinter der Düne ein unglaublich langes, sechsstöckiges Gebäude. Insgesamt ist es wohl knapp 5 Kilometer lang. An ein paar Stellen gibt es Zwischenräume. Aber die fallen kaum auf. Es wirkt unendlich lang, leicht geschwungen, regelmäßig und völlig deplaziert. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde hier in Prora, Stein auf Stein ein Erholungsheim für 20.000 Urlauber unter dem Motto ‚Kraft durch Freude’ errichtet. Für damalige Maßstäbe war es wahrscheinlich revolutionär, einfachen Menschen einen Urlaub an der Ostsee zu ermöglichen. Der Hintergrund war natürlich in der nationalsozialistischen Ideologie begründet. Dann kam der Krieg und Deutschland hat andere, fatale Prioritäten gesetzt.

Gegen Ende des Kriegs wurde hier ein Lazarett eingerichtet. Dann kam die Rote Armee. Später war dieser Komplex eine NVA-Kaserne, die von der Bundeswehr nach der Wende stillgelegt wurde.

Seit etwa zwanzig Jahren stehen die Gebäude leer. Nur ein NVA-Museum und ein Prora-Geschichtsmuseum sind hier jetzt noch zu Hause. Letzteres ist ganz interessant und lehrreich. Nach NVA stand mir noch nie der Sinn. Zeitweise haben hier kleine Firmen und etliche Künstler residiert. Aber davon sieht man nur noch wenig. Der Rest steht leer und verfällt. Alles ist verschlossen und steht unter Denkmalschutz. Die Fensterscheiben sind kaputt. Vögel fliegen ein und aus. Birken wachsen auf den Dächern. Regenrinnen? Die kann man längst vergessen. Meine Prognose lautet, dass alles in fünfundzwanzig Jahren nur noch ein Schuttberg ist. Das spart den Abriss, die Denkmalbehörde stellt ein Schild auf ‚Achtung! Denkmal!’ und wir pilgern staunen daran entlang, am größten Schuttberg der Welt, am Schutt der Geschichte.

Nein! Es wird ganz anders kommen. Wie immer werden ein paar reiche Dumme gesucht. Leute, die mit Geld schmeißen, sobald sie hören, dass es via Sonderabschreibung die Möglichkeit zum Steuersparen gibt. Koste es, was es wolle, nur keine Steuern zahlen! Dafür sind andere zuständig. Für solche Leute werden einige Gebäudeteile saniert. Das bedeutet, dass sie vollständig entkernt und zu Luxuswohnungen umgebaut werden. Der Ostseeblick ist inklusive. Dafür muss man sich nur die Kiefern, die auf der Schutzdüne wachsen, wegdenken. Die werden wegen des Hochwasserschutzes garantiert nicht gefällt. NVA-Betonstraße, Dauerbaustelle, Proraruine, Neugierige und Touristen, halbseidene Gestalten, die nachts versuchen in die Gebäude einzusteigen und verfallene Garagen bilden die Infrastruktur. Die Frage ist, wer zieht hier mal ein? Soviel Geld, wie man mir dafür bieten müsste, ist europaweit noch gar nicht gedruckt worden. Im Sommer ist es für zwei, drei Wochen hier bestimmt schön. Mit dem Auto ist man schnell in zivilisierten Orten. Aber der Winter geht mindestens von Oktober bis März, mindestens. Da ist es an der Ostseeküste etwas ungemütlich.

 Spruch an der Wand (Künstleratelier):

Wir, die guten Willens sind,
Geführt von Ahnungslosen,
Versuchen für die Undankbaren,
Das Unmögliche zu vollbringen.

Wir haben soviel mit so wenig
So lange versucht, daß wir jetzt
Qualifiziert sind, fast alles
Mit Nichts zu bewerkstelligen.