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Neulich musste es mal wieder sein. Ich hatte es nun schon zwei Wochen lang hinaus gezögert. Jetzt kam ich nicht mehr drum herum. Selbst ich hatte eingesehen, dass ich nicht mehr schön aussehe.

Also trabe ich nach Feierabend los, um meinem Friseur einen Besuch abzustatten. Normalerweise kommt man dort ohne Anmeldung relativ schnell dran. Ich hasse dieses Anmelden. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Preis im Verhältnis zu meinen Haaren, angemessen ist. Bei mir muss es schnell gehen, waschen, schneiden und fönen, wenn das dann überhaupt noch nötig ist. Basta, das war es schon. Ich brauche keinen Schnickschnack, kein Haarwasser oder solch Kram. „Nein danke!“ Spätestens heute Abend wasche ich mir die übrig gebliebenen Fusseln sowieso noch einmal, damit dieser furchtbare Friseurgeruch heraus kommt. Das ist doch nicht zum Aushalten.

Erst einmal muss ich etwas warten. Das ist normal. Ein Viertelstündchen soll es etwa dauern, bis ich drankomme. Gut, das ist zu verkraften. Ich setze mich in einen etwas speckigen Ledersessel. Zuvor suche ich in dem Wandregal nach einer Zeitschrift, um mir die Zeit etwas zu vertreiben. Ich sehe eine Zeitschrift mit dem Titel Vogue. Ich weiß ja nicht einmal, wie man das ausspricht. Das Titelbild suggeriert, dass es ein Heft mit vielen Frauenbildern ist. Nackige werden die hier nicht ausstellen, denke ich mir. Das ist ein seriöser Laden. Wahrscheinlich geht es um Mode und Pilates. Was ist das eigentlich? Bestimmt irgend so ein Modekram zum gesund werden und Geldausgeben, egal. Dann sehe ich noch Hairdreams. Ja, meine Haare sind ein echter Traum, vor allem die, welche da ganz früher mal gesprossen sind. Brigitte woman, Gala und die Freizeit Revue finde ich noch, jeweils ungefähr die letzten zehn Ausgaben. Also nichts Brauchbares, nur Schrott! Zumindest aus Sicht eines Kerls. „Interessieren Sie sich für Autos?“ fragt mich ein junger Mann, der hier ebenfalls wartet und mein verzweifeltes Suchen nach Lesestoff wohl beobachtet hat. Er reicht mir eine abgegriffene, drei Monate alte Autozeitschrift rüber. Eigentlich interessiere ich mich nur für ein Auto, nämlich das, welches ich gerade besitze. Alle anderen stören nur. Vor allem interessieren mich diese Autozeitschriften überhaupt nicht. Aber besser, als der andere Kram, sind sie allemal. Zumindest aus der Sicht eines Kerls. „Danke!“ sage ich freundlich und nehme Platz.

Ich blättere mehr gelangweilt als interessiert die Autozeitschrift durch. Einen Artikel über Oldtimer lese ich tatsächlich. Wenigstens etwas Interessantes steht in dem Blatt. Dann finde ich eine kleine Notiz. Die besagt, dass die Polizei bundesweit am 10. und 11. Oktober einen Radarmarathon durchführen wird. Den Termin muss ich mir unbedingt merken. Ich habe ihn gleich in meinem Terminplaner eingetragen. So ein Friseurbesuch ist doch wirklich eine spannende und nützliche Angelegenheit! Eine Frau hätte diese wichtige Information in ihrer Vogue natürlich niemals gefunden und wäre blindlings in die zehn erstbesten Radarfallen hineingedüst! Flensburg lässt grüßen!

Ich werde gebeten, mich auf den Behandlungsplatz zu setzen. Es geht los. Ich werde hübsch gemacht. Ich bekomme eine Halskrause aus Papier und einen schicken Umhang verpasst. Den haben in diesem Monat bereits zweihundertvierundachtzig Passagiere getragen. Zumindest sieht er so aus. Dann muss ich mich umständlich nach hinten beugen und die Haare werden gewaschen. Der Rest der Behandlung ist der übliche Standard. Ich würde es ja selbst machen. Aber es soll hinterher einigermaßen passabel aussehen. Deshalb muss eine echte Fachfrau ran. Das Schlimmste aber ist immer das Gespräch, das die Friseuse denkt, mit mir führen zu müssen. Reicht es nicht, wenn ich eine klare Ansage mache? „Rundschnitt und kurz!“ Ich antworte auf die ständigen Fragen nur kurz mit „Hm.“, „Ja.“, „Endlich Sommer, …“ und so weiter. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis sie schnallt, dass ich hier nicht zum Vortrag halten angetanzt bin. Ich musste den ganzen Tag über quatschen, immer mal mit meinen Kolleginnen und Kollegen, was ich ja wirklich gerne mache. Das betone ich, weil nicht ausgeschlossen ist, dass die mal hier im Blog vorbei schauen. Dann durfte ich eine Stunde im Meeting sitzen, was sich zu einer zweistündigen Konferenz entwickelt hat. Und geschätzt zwanzig Telefonate waren es heute wieder. Mein Kontingent an gesprochenen Wörtern ist fast aufgebraucht. Und nun das noch! Aber dank meiner konsequenten Anti-Laberstategie verstummt sie nach einer Weile. Ich verstehe nicht, weshalb ihr Gesichtsausdruck so finster geworden ist. Meine Frau muss ich nachher auch noch anrufen! Das mache ich natürlich gerne. Aber da kann ich doch meine Worte jetzt nicht verschwenden!

Okay, das Ergebnis ist genehmigt. Bezahlen muss sein. Und ein Trinkgeld gibt es auch. Schließlich kann ich mich jetzt endlich wieder ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, in die Öffentlichkeit wagen.

Oh, sehe ich jetzt schick aus! Ich bin bestimmt der schönste Mann weit und breit. Das muss ich nachher unbedingt erwähnen, wenn ich mit meiner lieben Frau telefoniere.

Dieser Artikel musste einfach unter den Tags ARTig und StreetArt eingeordnet werden! Er schreit regelrecht danach!