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Zeugenbefragung

Zeugenbefragung

Neulich war ich zu einer Kriminalwanderung eingeladen. Das Weingut Zahn im nördlichsten deutschen Weinanbaugebiet Saale-Unstrut hatte geladen. Der Thüringer Autor Rüdiger Sticherling hat extra für das Weingut einen Krimi geschrieben und während der Wanderung verfolgten wir die Spur des Täters. Zwischendurch gab es feine Dinge zu essen und Wein zu trinken. An jeder Station wurde ein Kapitel aus dem Krimi vorgelesen. Die Spannung stieg von Stunde zu Stunde, von Glas Wein zu Glas Wein. Leider war der Himmel furchtbar traurig. Laufend hat es geregnet. Es war die Zeit, als die Flüsse begannen, Hochwasser zu führen.

Am Abend, bei einem schönen Essen, wurde dann die Tat aufgeklärt. Ohne unsere fachkundige Mithilfe hätte Kommissar Boltenhagen, so hieß der Ermittler im Kriminalroman, den Fall niemals gelöst. Aber mit uns als Experten an der Seite war das natürlich ein Kinderspiel!

Der Kriminalfall, den es aufzuklären galt, war eher von der absolut harmlosen Sorte. Die drei Fragezeichen hätten ihn an der ersten Spur längst aufgeklärt. Wir waren nicht so fix.

Aber, wir leben im dritten Jahrtausend! Da müssen in einem Krimi wenigstens eine, besser zehn bis dreiundsiebzig Leichen vorkommen! Und ohne Einsatz des SEK ist das ja nun auch nichts Richtiges. Nicht einmal eine wilde Verfolgungsjagd mit sich zwanzigmal überschlagenden, in einer gewaltigen Explosion endenden Ferraris hat es gegeben! Und die obligatorische Liebesszene wurde uns auch vorenthalten! Die süßen Blicke zwischen einer gewissen Elvira und ihrem großgewachsenem Generalmajor schwebten quasi  backstage, also außerhalb der Performance durch den Äther. Stattdessen durften wir uns an verschiedensten Sorten Wein vergnügen. Hatte man angenommen, wir würden in unserem Rausch nicht merken, dass es ein ganz minimalistisches Verbrechen, eines ohne Leichen war? War der Täter so ein Depp, dass man die Aufklärer besoffen machen musste, damit sie ihn nicht schon vor der Tat einfangen? Ganz so schlimm war es wirklich nicht. Wo hätte man so schnell Leiche, Ferrari und liebestolle Kommissarin herbekommen sollen? Und wie hätte Kommissar Boltenhagen seiner Ehefrau Gertrud erklären sollen, wie die Lippenstiftspuren seiner neuen Hilfsermittlerin auf sein Unterhemd gekommen sind?

Der erwanderte Fall kann in die Kategorien Diebstahl, Erpressung und versuchte Sabotage in Verbindung mit Rufschädigung eingeordnet werden. Hinzu kommt Alkoholmissbrauch des Täters. Denn immerhin hatte er auf seiner Flucht mindestens drei Flaschen Wein, na wenigstens den guten Wein aus dem geschädigten Weingut, getrunken. Mediziner untersuchen jetzt, wie es sein konnte, dass er einen so großen Alkoholkonsum überleben konnte. Mindestens 5,23 Promille Alkohol wurden in seinem Blut festgestellt. Bei der Blutabnahme hat er die Taten frech grinsend sofort gestanden. Jetzt sitzt er in U-Haft.

Die Kriminalwanderung 2014 ist bei mir bereits fest eingeplant.