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Henninger Turm 2009

Henninger Turm 2009

Viele Orte haben ein Wahrzeichen, etwas, das eigentlich Jeder kennt. In Ägypten sind es die Pyramiden. An die denkt man sofort, wenn die Rede auf dieses Land kommt. Das ist pure Gewohnheit. Dafür stehen diese Steinhaufen auch schon ein paar tausend Jahre in der ägyptischen Gegend herum. In Rio ist es der Zuckerhut mit seinem Jesusdenkmal, der zum Symbol geworden ist. Wer an Prag denkt, denkt an die Karlsbrücke und die Burg. In Paris ist es der Eifelturm.

In Berlin wurden der Reichstag, Fernsehturm, Brandenburger Tor und Palast der Republik zu markanten Bauwerken, die wir in unseren Gedanken sofort mit dieser Stadt verbinden. Letzteren gibt es längst nicht mehr. Aber seine Historie hat sich in unser Gedächtnis eingebrannt, auch Dank der vielen spöttischen Namen, wie Erichs Lampenladen, Palazzo Prozzo, Ballast der Republik, … Der Abriss und die unsägliche Diskussion um das Für und Wider haben sehr dazu beigetragen, diesem heute Nichtexistenten zur Fortexistenz zu verhelfen. Die Deutsche Geschichte gebar ein Geisterwahrzeichen, ein Zombie. Wird das neue Stadtschloss an diese Tradition anknüpfen können? Zumindest was die Kosten betrifft, bin ich optimistisch. Allerdings wurde der Palast nicht mit Westgeld bezahlt. Oder etwa doch? Eines verbindet beide Bauwerke. Es ist die Frage, ob sie gebraucht werden. Aber da gibt es ja noch viele andere, die diese Frage schmückt.

Der Abriss von Wahrzeichen scheint im Trend zu liegen. Ein ganz besonderes Wahrzeichen in Frankfurt ist der Henninger Turm. Er prägt nicht die bekannte Skyline der Bankenmetropole. Verschämt steht er am südlichen Rand der Stadt. Sein markantes Profil hat ihn zum echten Frankfurter gemacht. Er gehört einfach dazu. Wie viele Frankfurter sind seit 1961 dorthin gepilgert und haben oben in der Kuppelgaststätte eine Limo oder ein Bierchen vom Namensgeber geschlürft? Und nun wird er abgerissen! Auf eines dieser quadratisch, praktischen Hochhäuser in der City könnte man verzichten. Das würde kaum auffallen. Aber der Henninger Turm wird fehlen. Ein 130 Meter hohes Wohnhaus soll an seiner Stelle gebaut werden, so ähnlich wie der Henninger Turm. Ähnlich ist anders, ähnlich wird nie die Aura dieses Turms ausstrahlen.

Der Umgang mit der Geschichte und ihre Denkmale dürfen nicht kommerzgeprägt sein. Wir tragen Verantwortung gegenüber der Nachwelt. Wenn jemand auf die Idee kommen würde, die Cheopspyramide abzureißen und dort ein Siebensternehotel zu bauen, würde ein weltweites Winseln, Jaulen, Schreien den Planeten erschüttern.