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Rasender Roland

Rasender Roland

Eisenbahnfahren ist irgendwie aus der Mode gekommen. Fast Jeder hat ein Auto und überlegt es sich dreimal, bevor er die Bahn benutzt. Letztere tut ja auch viel, um ihrem ruinierten Ruf gerecht zu werden.

Mein erstes Auto hatte ich 1990. Bis dahin hieß es immer mit der Bahn fahren. Egal, ob es die Heimfahrt vom Studienort, eine Urlaubsfahrt oder Dienstreise war. Da wurde nicht lange überlegt. Man musste rechtzeitig daran denken, die Platzkarten zu bestellen. Entsprechende Formulare in Postkartengröße gab es am Bahnhof. Die hat man ausgefüllt und per Post an eine zentrale Stelle geschickt. Wenn man Glück hatte, bekam man sie nach zwei Wochen mit der Platzreservierung zurückgeschickt und konnte sich am Fahrkartenschalter seine Platzkarten kaufen. So einfach war das. Und wenn man keine Platzkarte mehr bekam, dann gab es immer ein oder zwei platzkartenfreie Wagen im Zug. Mit Glück bekam man dort einen Platz. Sonst hieß es Stehen.

Heute fahre ich selten mit dem Zug. Meistens sind es Dienstreisen. Alle anderen Fahrten erfolgen mit dem Auto. Dadurch kommen im Jahr mehrere zehntausend Kilometer Fahrstrecke zusammen. Viele Fahrten würden prinzipiell auch mit dem Zug möglich sein. Aber das bringe ich nicht übers Herz. Die Bahn einfach zu unzuverlässig, zu unbequem und unflexibel. Selbst auf der Autobahn im Stau stehen ist angenehmer, als auf einem zugigen Bahnhof dem verpassten ICE hinterher zu schauen. Ich fühle allerdings, dass hier am ganzen System, in dem ich ein kleines Rädchen bin, etwas faul ist.

Im Frühjahr habe ich mir einen alten Dampfzug, den Rasenden Roland, der quer über die Insel Rügen dampft, angeschaut. Diese alte Technik ist schon beeindruckend. Sie strahlt Charisma aus, sie hat ein Gesicht und echten Geruch. Natürlich bin ich mit dem Zug auch einmal gefahren. Ach ist das schön! Mit dreißig Klamotten quer durch den Frühlingswald auf Rügen zu donnern. Dreißig KahEmHa bringt das Teil auf die Waage. Für mich als Urlauber war das wirklich rasend schnell. Mir war in diesem Moment klar, weshalb dieser Zug der „Rasende Roland“ genannt wird.

Mit 30 km/h auf der Autobahn von Thüringen an die Ostsee fahren? Das ist unvorstellbar. Selbst in den bestgepolsterten Autositzen verkrampft bei diesem Tempo mein A… Allerwertester weit vor dem ersten Autobahnkreuz. Und früher wären 30 km/h eine Wahnsinnsgeschwindigkeit gewesen. Kein Zehnspänner, den hatten nicht einmal die Könige, wäre auf Dauer so schnell gewesen. Allerdings hätte man viel weniger Sprit gebraucht. Den Antrieb auf der nächsten Wiese abgestellt und ein Stündchen später wäre er wieder fit gewesen. So einfach und billig war das dazumal. Und: Es war alles echt Bio!

Wie viele Pferde wiehern in den Dampflokomotiven des Rasenden Rolands“? Es sind ungefähr so viele, wie in einem Mittelklassewagen, knapp 150 Gäule. Aber alle sind in bestem Pflegezustand!

Der kleine Umweltschützer in mir hat in der Annahme, dass die vielen Pferdeäpfel ursächlich am Gedeihen der wundervollen Waldlandschaft der Granitz beteiligt sind, ständig nach dem pferdespezifischen Abfall gesucht und geschnüffelt. Leider war diese Suche nicht von Erfolg gekrönt. Stattdessen zieren große, stinkende von den Pfiffen der Lokomotiven und ihrem Geratter akustisch untermalte Qualmwolken die Landschaft. Obwohl ihn doch die Dampfzugbegeisterung packte, hat sich mein kleiner Umweltschützer immer wieder ganz erschrocken umgeschaut, ob nicht etwa ein Großfeuer, verursacht durch Funkenflug die schöne rügensche Landschaft zerfressen würde. Die Notrufnummer 112 kreiste ständig durch seinen Kopf, sodass er sich auf seinen umweltschützerische Lebenszweck gar nicht mehr konzentrieren konnte.