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ICE in Richtung Frankfurt Hbf

ICE in Richtung Frankfurt Hbf

Wenn man schon Bahnfahren muss, dann soll es mindestens ein ICE sein, der uns an unser Ziel bringt. Die sind hübsch anzusehen, bequem und schnell. Auch die Technik, besonders die Kippeltechnik ist faszinierend. Wenn sich der Zug in die Kurve legt, fühlt man dich fast wie auf einem Motorrad.

Der kleine Ingenieur in mir sprüht immer vor Begeisterung, wenn er dieses technische Wunderwerk sieht. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass in einem solchem  Geschoss die Klimaanlage ausfallen könnte. Das ist hightech Made in Germany. Dieses Ding muss einfach funktionieren! Es muss auch pünktlich sein. Am ICE können die angeblichen kleineren Verspätungen wirklich nicht liegen. Das hat andere Gründe. Ich vermute die sagenhafte, ausufernde deutsche Bürokratie ist schuld, wenn der Zug mal etwas später sein Ziel erreicht. Bestimmt ist ein Antrag auf die Grünschaltung einer ICE-Ampel nicht ordnungsgemäß, rechtzeitig und mit der vorgeschriebenen Anzahl von Kopien eingereicht worden. Oder haben in der Bankenmetropole am Main die Euro-, Auto-, Klima-, Lasagne- und Bankenkrise direkte Auswirkungen auf den Zugverkehr?

Es könnte natürlich auch sein, dass der Elektriker am Frankfurter Bahnhofsklo die defekte Sicherung nicht findet. Die für den Bahnbetrieb höchstwichtige Einrichtung ist seit vier Tagen lahmlegt. Seine drei Lehrlinge sind zeitgleich in Urlaub, krank und müssen der Freundin in ihrer schweren Stunde der zweiten Abiturwiederholungsprüfung im Fach Heimatkunde beistehen. Dafür hat Elektriker Erwin Strömer, selbst Vater von drei postpubertierenden, volljährigen Kindern, volles Verständnis. Er muss also den Sicherungskasten selbst aufschließen und die Sicherungen checken. Das kann natürlich ein Weilchen dauern. Dreiundzwanzig Sicherungen und ein FI-Schalter wollen genauestens geprüft sein. Wenn ihm doch nur einfallen würde, ob der Sicherungsschalter nach oben oder nach unten stehen muss. Entweder sind hier 21 Sicherungen oder nur zwei ausgefallen. Es ist also ein größeres Problem, dass die Anlage lahmlegt. Irgendwer hat die Bedienungsanleitung verbummelt! Und der Typ vom Dokumentenarchiv ist seit drei Wochen in Ruhestand. Das mit dem FI-Schalter hat er damals in der Weiterbildung sowieso nicht verstanden. Wieso müssen solch wichtige Themen auch ausgerechnet am Morgen nach der Geburtstagsfeier seines besten Kumpels besprochen werden?

Inzwischen muss auch der Zugführer Alwin Schneller in der Schlange warten. Nach über einer Stunde arbeitet das Klostellwerk endlich wieder und liefert Strom zur Beleuchtung von Pinkelbecken und Antrieb des Föhns zum Händetrocknen. Sicherheitshalber hat Erwin Strömer nur ein Becken freigegeben. Er möchte sichergehen, dass die Sicherungen nicht gleich wieder überlastet werden. Übernächste Woche, wenn seine Stifte wieder auf der Matte stehen, will er versuchsweise ein zweites Becken für den Besucherverkehr öffnen. Allerdings deuten die Schlange vor dem benachbarten Damenklo und das Gekreische zweier aufgebrachter Damen auf weitere technische Schwierigkeiten hin. Vielleicht ist es auch nur eine Abflussverstopfung, hofft der Elektriker. Dafür ist sein Kollege, Klempnermeister Achim Struller zuständig. Wenn der in zwei Wochen aus dem Urlaub zurückkommt, wird er wieder alle Hände voll zu tun haben, stellt sich Erwin Strömer schadenfroh grinsend vor. Nach weiteren achtzehn Minuten darf auch der Zugführer das Ventil der Erlösung zum Abbau innerer Drücke öffnen. „Ahhhh, Ohhhh, e-n-d-l-i-c-h …“ denkt er erleichtert, zufrieden und geniest den Augenblick. Das Klolicht flackert schon wieder. Händewaschen, an der Strickjacke abtrocknen, Zeit zum Föhnen ist nicht und ab durch die Mitte! Der Zugabfahrt steht jetzt nichts mehr im Wege. Schnell besorgt er sich noch eine große, gekühlte Cola am Bahnhofskiosk. Man weiß ja nie, wie lange die Verspätung sich ausdehnt und ob die Klimaanlage durchhält. Und der viele Zucker im Getränk ist genau die Dosis Nervennahrung, die er als Bahnmitarbeiter heute noch benötigen wird. Gestern hat das rote Lämpchen rechts oben in seinem Cockpit verdächtig oft geflackert. Das kann nicht Gutes bedeuten. Die Klimaanlage pfeift auf dem letzten, wenn nicht auf dem allerletzten Loch. Die nächste Zuginspektion ist erst in vier Wochen fällig. Ob das dann repariert werden kann, ist fraglich. Angeblich ist der Lieferant für den Frostschutzzusatz der Kühlflüssigkeit für die ICE-Klimasteuerung pleite gegangen. Zum Glück sitzt er vorn, abgeschirmt von den Fahrgästen. Mit den Schaffnern, neudeutsch auch Zugbegleiter genannt, möchte er wirklich nicht tauschen. Jetzt ist nur noch offen, wie die Streckenführung erfolgt. Mainz zu durchfahren möchte der Zugführer unbedingt vermeiden. Krampfhaft überlegt er, ob es nicht besser wäre, kurz vorher scharf nach links in Richtung … Egal, wohin diese Abbiegung führt! Hauptsache es ist eine weiträumige Umfahrung dieses Chaosbahnhofs. „Ich könnte ja mal kurz anhalten und die Weiche von Hand …“, überlegt er. Auf zweigleisigen Strecken dürfte das doch kein Problem sein. Hier herrscht Rechtsverkehr. Unerlaubterweise geisterfahrende Züge sind relativ selten. „Ich rufe nachher mal bei der Fahrdienstleitung an!“ beschließt er sicherheitshalber. „Wenn Müller Dienst hat, geht das bestimmt klar. Der freut sich immer, wenn die Züge fahren, egal wohin!“. Der Zugführer ist froh, wenn er den ersten Chaosbahnhof hinter sich gelassen hat. Ein Halt auf freier Strecke ist ihm tausendmal lieber. Da kann er sich wenigstens an einen Baum stellen, wenn er mal müssen muss.

Die Geschichte des ICE ist lang. Erste Versuche gab es bereits damals zwischen Nürnberg und Fürth. Irgendwann hat die Bahn begonnen, in Frankfurt Feldversuche durchzuführen. Die Verteilung der Fahrtgeräusche zwischen den damals immerhin schon viergeschossigen Hochhäusern, der Einfluss der Wärmestrahlung einer Großstadt auf die Klimatisierung des Führerstands und die flächenmäßige und räumliche Verteilung der Ausflüsse aus der Zugtoilette ins Gleisbett in Abhängigkeit von der Zuggeschwindigkeit und dem Wasserstand des Mains sollten erforscht werden. Die Versuche sind längst, genauer gesagt vor 76 Jahren und völlig ergebnislos abgeschlossen worden. Mangels müssen müssender Fahrtgäste wurden gelbe Limonade, wie sie auch heute noch bekannt ist und Tennisbälle abgelassen. Trotzdem konnten die Messreihen zu dem Abflussproblem nicht aufgenommen werden. Die Tennisbälle haben sich nicht vorschriftsmäßig verhalten und sind ständig weggehüpft. Aber weil es so schön war, die Strecke am Main in aller Gemütlichkeit im ICE-Tempo der Dreißigerjahre entlang zu düsen, lässt man die alten Züge heute immer noch ab und zu fahren. Die Erinnerung an diesen Duft, ein Gemisch aus Öl, Dampf, Qualm und Schweiß, soll auch den Bewohnern der Wolkenkratzermetropole im Gedächtnis bleiben.

NB:

Die Toilettenanlage am Frankfurter Hauptbahnhof ist offensichtlich an eine Privatfirma verpachtet. Die Gefahr, dass die Bahn hier mit ihren Personal- oder anderen Problemen tätig wird, ist also gering. Dass ein Lockführer eigenmächtig die Fahrtroute bestimmt, ist sicher völlig ausgeschlossen. Auch vermute ich, dass die Bahn für die dringenden Probleme ihres Personals geeignete Örtlichkeiten vorhält.

Ganz viele Eisenbahner arbeiten hervorragend, geben alles, damit wir so gut und schnell wie möglich unsere Ziele erreichen. Und dann müssen diese Eisenbahner auch noch solche Geschichten wie hier in diesem Blog über sich ergehen lassen! Die können doch nun wirklich nichts dafür. Und bekanntlich stinkt der Fisch vom Kopf her. Eigentlich müsste die Geschichte heißen „Eisenbahners Grube, saß da und schlief, …“.

Für die Prüfung von Toilettenspülungen werden heute künstliche „Kotwürste“ nach DIN 1385 bzw. EN 997 als Testkörper verwendet. Wikipedia schreibt, dass es diese Probekörper nicht zu kaufen gibt – schade. Sie werden aus Kunstdarm und anderen (!) Materialien hergestellt. Ich möchte dies nicht weiter kommentieren.