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Sommerwerft - Beduinenzelt vorn - Skyline hinten

Sommerwerft – Beduinenzelt vorn – Skyline hinten

Das Theaterfestival Sommerwerft 2013 ist in vollem Gange. Im Zusammenhang mit meinen Überlegungen zum BMI-Problem und zum kollektiven Orgasmus habe ich darüber bereits berichtet.

Am vergangenen Montag war ich wieder dorthin unterwegs. Der Hinweg verlief ohne Störungen durch Aufmerksamkeit heischende Motorradfahrer. Ein Teil der Wahlplakate, die letzte Woche meinen Weg akribisch überwacht haben, ist dem Museumsuferfest vom letzten Wochenende zum Opfer gefallen. Ich schätze, dass die Fehlstellen sehr kurzfristig wieder besetzt werden. Aber das ist nicht meine Sorge.

Die Night of Dance war mein Ziel. Moderner Tanz ist etwas, was ich sehr mag. Zumindest, was das Zuschauen betrifft. Präziser gesagt, ausschließlich, was das Zuschauen betrifft. Das muss ich an dieser Stelle betonen, weil später noch furchtbar gefährliche Momente gierig auf mich lauern. Nun werden natürlich einige vorwitzige Leute sofort augenzwinkernd anmerken „Typisch Kerl! Der will immer nur hübsche Ladys bewundern!“ Recht haben sie! Gegen hübsche Frauen habe ich überhaupt nichts einzuwenden! Aber die Wortkombination „immer nur“, ist doch ziemlich übertrieben. Man muss nehmen, was da gerade kommt! Meistens kommen ja tanzende Tänzerinnen. Also Abwarten und Tee trinken, beziehungsweise einfach weiterlesen!

Drei Probleme gab es am Montag zu bewältigen. Problem Nummer eins war das etwas kühle Wetter und die Tatsache, dass die Frankfurter vom verregneten Museumsuferfestwochenende noch etwas ausgepowert waren. Der Besucheransturm hielt sich in Grenzen. Problem Nummer zwei war meine Dusseligkeit. Um Transportgewicht zu sparen, habe ich meine Kamera direkt in meinem Rucksack verstaut. Zuvor habe ich mein lichtstärkstes Objektiv draufgemacht. Offenblende 1,8 bei ISO 400 schafft die reale Chance, im Dunkeln ein paar einigermaßen brauchbare Bilder zu schießen. Beim ersten Schuss, ich stand noch vor dem Kondomzelt, musste ich feststellen, dass selbst ein bestens aufgeladener Akku nichts nützt, wenn man keine Speicherkarte im Fotoapparat hat. Und die Ersatzkarten lagen daheim in der Fototasche. Kein weiterer Kommentar von mir. Problem Nummer drei waren zwei junge Damen, welche die Zuschauer paarweise ins Zelt führten und ihnen hinter vorgehaltener Hand irgendetwas höchst Verdächtiges erzählten. Bestimmt suchten sie Opfer, die sich auf der Bühne zum Affen machen sollten. „Nicht mit mir, meine Damen!“. Ich hielt mich bewusst im Hintergrund. Aber dann wurden die Besucher doch auf normalem Weg in die Arena gebeten. Glück gehabt! Ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, den Heimweg antreten zu müssen. Bitte keine Kommentare unter der Überschrift „Feigling!“. Das muss nicht noch extra herausgearbeitet werden!

Dann ging es los. Aber war ich im falschen Film? Die beiden Einlassdamen von vor dem Zelt haben gelabert ohne Ende, in einer ausländischen Sprache und ohne Mikrofon und mit einer Labergeschwindigkeit, die nur Frauen beherrschen (*)! Irgendwann verstand ich, dass Englisch die Sprache der Liebe ist. Da habe ich echte Zweifel. Ich sag’s immer auf Deutsch! Das funktioniert gut. Sie erzählten, dass sie aus Finnland kämen, sprachen über die Liebe im Allgemeinen und im Besonderen, … „Mädels! Das ist eine Tanzveranstaltung! Los! Hüpft gefälligst schön herum!“ Nichts dergleichen taten sie. Erst einmal wurde gelabert. Beim Poetry Slam, der war bekanntlich letzte Woche am Dienstag, hätten sie glatt einen halben Punkt bekommen. Mehr wäre es garantiert nicht geworden. Vielleicht und mit Augenzudrücken ein dreiviertel Punkt wegen der schönen rot lackierten Fingernägel der Einen. Es war entsetzlich. Dann begannen sie endlich mehr als den Mund zu bewegen. Ich habe mehrmals auf die Uhr geschaut und gerechnet, wann das Zelt leer ist, wenn jede Minute weitere fünf Besucher gehen. Der letzte Zuschauer wollte ich auf keinen Fall sein. „A Good Friend“ hieß das Stück. Schließlich kam doch noch etwas Nettes. Ich drücke es mal positiv aus. Sie zogen an fast unsichtbaren Schnüren diversen Kram über die Bühne. Der symbolisierte wohl irgendetwas Zwischenmenschliches. Was ein ausgelatschter Turnschuh damit zu tun hat? Jedenfalls schien er gut gelüftet zu sein. Viel war nicht zu sehen, die Köpfe der Leute in den beiden Reihen vor mir haben viel verdeckt. Und dann musste ich mich auch sehr weit nach links zur Seite beugen, weil ausgerechnet neben mir so ein ungelüftetes Knoblauchfresserchen Platz genommen hatte. Ein Höhepunkt war, als sich die Beiden auf offener Bühne fix mal umgezogen haben. Ja, das waren wirklich hübsche BHs, die sie trugen! Was dann kam, war nett anzusehen. Nein, falsch gedacht. Sie hatten etwas übergezogen. Ich meine die Darbietung. Sie hatten sich etwas sehr Lustiges ausgedacht. Es gab Beifall. Irgendwann ging das Drama seinem Ende entgegen. Sie lagen aneinander gekuschelt auf der Bühne. Positiv zu Buche geschlagen haben sind die roten Fingernägel und die Tatsache, dass niemand auf die Bühne gezwungen wurde. Das Minus kam wegen des Knoblauchfresserchens, der glücklicherweise mitten im sekundenlangen Beifallssturm ging. Das haben sie nun davon. Es kann nur besser werden, dachte ich mir.

Das mit dem Denken ist so eine Sache. Die nächste Tänzerin war auch viel nicht besser. Der rote Farbanstrich, den sie sich gleich zu Beginn verpasst hat, war bemerkenswert. Sie war auch ohne Anstrich ein ansehnliches Persönchen. Sie ist hin und her gelaufen, her und hin gepilgert, im Kreis gegangen, hat sich auf dem Boden gewälzt, ist gehüpft. Das alles nach einer eingängigen Musik und gänzlich ohne wortreiche, unverständliche verbale Beschreibungen des Geschehens. Immerhin hat sie nicht versucht, bei mir psychische Schäden zu verursachen. Ich bin ja tapfer. Und ich bin ein Gemütsmensch. Wenn ich schon mal da bin, dann gebe ich den Darstellern eine Chance. Und noch war ja nicht einmal Halbzeit. Also weiter im Programm!

Erst einmal kamen zwei Herren mittleren Alters auf die Bühne. Mir war, der abendlichen Uhrzeit gemäß, plötzlich nach Gähnen zumute. „Die sind aus Brasilien?“ fragte ich mich. „Die kommen doch mit der Schneckenpost direkt aus dem Land der Schlaftabletten!“. Und modisch gekleidet sieht wirklich anders aus. Dann begannen sie zu tanzen. Wenn Männer tanzen, dann besteht die enorm große Gefahr, dass es albern wirkt. Aber genau in dem Moment, wo es hätte beginnen können, albern zu wirken, ging ein tänzerisches Feuerwerk los. Oh Mann! Das war ‘ne Show. Ich war begeistert. Beinahe wäre ich von der Bank gerutscht. Die tanzten nicht nur, die sprangen, flogen, landeten, dass die Fetzen flogen, dass die Bühne krachte, zu bersten drohte. Ich begann zu schwitzen. So etwas war mir ja noch nie begegnet. Es war einfach superoberaffengeil! Es war … leider gibt es dafür in der deutschen Sprache kein passendes Adjektiv. Glatte 10 Punkte habe ich spontan und in Anlehnung an den Poetry Slam gegeben. Der kollektive Orgasmus brachte das Kondomzelt zum Schwingen. Note 1+. Nein! Note 1+++, mindestens!

Besser ging nun nicht mehr. Das war mir klar. Sollte ich jetzt lieber gehen? Schließlich wartet morgens immer mein Bürostuhl auf mich und es war schon spät. Nein, ich bin tapfer, ich halte aus, vielleicht kommt noch etwas Schönes. Das möchte ich nicht verpassen! Eine Russin mit Video-Projektion war angesagt worden. Eine Tänzerin mit weißem Umhang bewegte sich vor einem schwarzen Hintergrund. So ging es los. Das sah gut aus. Es hat meinen Puls wieder auf Normalniveau gezogen, zumindest vorübergehend. Tanz war das eher nicht. Ich würde es in die Schublade rhythmische, durch Musik gesteuerte Bewegung einordnen. Aber es war sehenswert! Das Ganze schien dann allerdings und bei genauerer Betrachtung einen leicht anzüglichen Charakter zu bekommen. Verstanden habe ich das nicht. Völlig unklar ist mir bis jetzt, weshalb die Dame unter ihrem offenen, weißen Flatterhemd einen durchsichtigen BH trug. Muss ich wegen dieses Fummels einen Punkteabzug geben? Oder wollte sie einen Pluspunkt provozieren? Ist so etwas vor Mitternacht eigentlich zulässig? Ich habe sie disqualifiziert. Aber nur, weil ich einfach nicht weiß, wie ich dieses videountermalte, amourös anmutende, barbusige Auftreten werten kann. Oh Mann, oh Mann!

Mit den Handwerkern ist es manchmal so eine Plage. Sie sind monatelang bestellt, haben hoch und heilig versprochen, zu kommen. Sie wollten sogar und ausnahmsweise mal pünktlich sein und dann kommen sie einfach nicht. Da musste Zozoro aus Japan eilig selbst Hand anlegen und den Hausflur mit einem frischen Kalkanstrich versehen. Dummerweise hatte er in der Hektik vergessen, einen Arbeitsanzug überzuziehen. Und dann war die Zeit knapp. Die Sommerwerft wartet auf seinen Auftritt. Da hat er eben als Bleichgesicht seine Performance abgeliefert. Nach dem harten Arbeitstag konnte er sich wirklich nicht mehr schnell bewegen. Zeitlupe ist im Vergleich zu ihm mehrfache Schallgeschwindigkeit, Mach 3 mindestens. Und wer könnte so schön leidend aussehen, wie er. Ja, es war ein großer Hausflur, den er kalken musste. Das hat man ihm angesehen. Sein gekalkter Brustkorb war enorm, hatte regelrecht Überbreite. Sein Bauch, ich meine die Stelle, wo normalerweise einer hingehört, war nur eine dürre Stelle. Die Ärmchen waren vom harten Tageswerk stark abgemagert. Optisch beeindruckend war das magische Dreieck aus seinem zarten Kinnbart und den Achselhaaren. Seine Frisur landet in der Kategorie Extrem-Vokuhila! Vorn fünf Millimeter, hinten fünfundfünfzig Zentimeter. Seine gepuderten Brustwarzen haben mich irgendwie an die tänzelnde Dame der vorhergehenden Nummer erinnert. Obwohl, dieses Flachland stand dazu in krassen Gegensatz. Aber sein Tanz war sehr ausdrucksstark. So viele Möglichkeiten leidend auszusehen, hätte ich mir niemals vorstellen können. Ja, ich lästere furchtbar viel. Dabei fand ich diese Sé­an­ce gar nicht mal schlecht. Hat mir sogar ganz gut gefallen. Lustig war dann die kalkige Staubwolke, die aufstob, als er sich doch mal etwas heftiger bewegt hatte. Man sah ihm an, dass er sich ärgerte, nach der anstrengenden handwerklichen Tätigkeit nicht wenigstens noch unter die Dusche gehuscht zu sein. Er schien unter diesem Gedanken regelrecht zu leiden. Aber dann, zum Schluss hin, wurde er gar stürmisch! Das Temperament schien mit ihm durchzugehen. Es war beeindruckend, wie er sich wutentbrannt und verletzungsfrei auf den Boden warf. Das Ganze wurde musikalisch untermalt. Ein Geiger hat zart an seinem etwas klein geratenen Kontrabass gezupft, gefiedelt, geklopft, ge… ach was weiß ich, was der noch alles getan hat. Eine weitere Musikantin hat im Takt den Oldenburger Landboten zerrupft und Murmeln in eine Schüssel fallen lassen. Dann nahm sie ein Akkordeon zur Hand. Das war ein Fehler. Sie konnte nur Gitarre spielen und hat laufend versucht an den Akkordeontasten wie an den Saiten einer Gitarre zu klimpern. Das sollte wohl so sein, wie mir langsam aufging. Jedenfalls hat sich der Tänzer im Takt der Geräusche bewegt. Oder wurden die Geräusche nach seinen Bewegungen produziert. Das ist völlig egal. Es hat gepasst. Ebenso war der Applaus angemessen und wirklich langanhaltend. Ich vergebe spontan die Note 1. Es war knapp. Bei der produzierten Feinstaubmenge hätte eigentlich ein Punkteabzug erfolgen müssen. Aber der perfekt gekalkte Hausflur hat es wettgemacht! Hatte er eigentlich die grüne Umweltplakette? Die Sommerwerft liegt mitten in der Frankfurter Umweltzone. Hoffentlich muss er nicht nachträglich disqualifiziert werden!

Gestern habe ich auf meiner Lügenwaage gestanden. So ein blödes Ding! Sie zeigt wirklich unerhörte Werte an. Wenigstens bleiben sie zweistellig. Sonst hätte ich sie wutentbrannt durchs geschlossene Fenster entsorgt! Oder hat der Zeiger, als ich draufstieg, heimlich eine Ehrenrunde gedreht? Beim zweiten Versuch habe ich genau aufgepasst. Es gab keine Ehrenrunde! Na, Gott sei Dank! Was kann der denn dafür?

Ich grüble immer noch, welchen BMI ich anpeilen sollte. Der Japaner scheidet aus. So möchte ich wirklich nicht aussehen. Der etwas kräftigere Brasilianer plus ein paar klitzekleine, fast unsichtbare Pfündchen, wäre ein Fernziel, so etwa fürs nächste Jahrtausend. Kurzfristig werde ich mit jedem Pfund erst einmal persönlich sprechen und die Beweggründe seiner Existenz erfragen. Dann sehen wir weiter. Bis dahin versuche ich der Versuchung, zu versuchen meinen Kühlschrank zu unerlaubten Gelegenheiten zu öffnen, einfach aus dem Weg zu gehen.

Mein Smartphone hat endlich funktioniert. Ich meine die Tracking-App. Die hatte neulich eine Macke, wollte nicht, so wie ich wollte, hat die Satelliten einfach nicht gefunden. Typisch Computer. Aber ein Neustart hat geholfen. Typisch Computer. Dabei läuft das Teil überhaupt nicht mit Windows! Das verstehe, wer will. Jedenfalls ist das dabei heraus gekommen:

Tabelle

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Fazit:
Aller Anfang ist schwer! Ich auch.

(*) Wegen dieser Bemerkung bekomme ich bestimmt ordentlich Kloppe. Immer drauf, ich hab‘s verdient!