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Beim Doc

Beim Doc

Ab und zu sollte es Jeder tun: Einfach mal zum Onkel Doktor gehen. Häufig ist der Onkel Doktor auch, so wie bei mir, einen Tante Doktorin. Wenn gerade nichts Akutes anliegt, was natürlich der günstigste Fall ist, kann man auch rein prophylaktisch mal vorbei schauen. Sie freut sich bestimmt über jede Rechnung, die sie stellen kann. Und die Krankenkassen jammern derzeit gerade über einen Milliarden-Überschuss. Also, nichts wie hin zu den Doktores. Und bekanntlich ist Vorbeugen deutlich besser, als zurückfallen.

Neulich war es bei mir mal wieder soweit. Sehnsucht war es nicht, die mich zu meiner Hausärztin trieb. Ich wollte mir lediglich meine dritte BSE-Impfung verpassen lassen. Es war natürlich nicht die BSE-Impfung, sondern die FSME-Impfung. Aber die BSE-Gedankenbrücke brauche ich einfach jedes Mal, um die FSME-Buchstaben zusammen zu bekommen. Da ich zum Fotografieren gerne und oft in der wilden Natur herum renne, gelegentlich auch mal platt wie eine Flunder vor einem kleinen Blümchen auf dem Bauch liege, fand ich es angebracht, diesen gemeinen Zecken ein Schnippchen zu schlagen und mich gegen FSME zu schützen. Die andere Zeckenseuche, auch Borreliose (die Word-Rechtschreibprüfung hatte hier Badehose als Korrekturvorschlag auf Lager!) genannt, ist hinsichtlich Vorbeugung etwas problematischer. Da hilft nur Kontrolle auf Zeckenbefall und gegebenenfalls, bei einer verdächtigen Rötung, ein Spurt zum Doc.

Ärzte sind mir irgendwie nicht so ganz geheuer. Alleine der Gedanke, dass meine Ärztin mir da eine spitze Nadel in den Arm piekt, ist gruselig. Ich bin immer tapfer. Ich bin ja schließlich ein Mann, hart wie Vanillepudding in der Sahara! Nein, ich jammere nicht, aus diesem Alter bin ich längst heraus! Aber wenn die Nadel meine zarte Haut berührt und so ganz l-a-n-g-s-a-m hineingedrückt wird, dann schaue ich kurz weg. Der Rest ist unproblematisch.

Das allerschlimmste, was Ärzte so auf Lager haben und sie furchtbar unbeliebt macht, sind die manchmal stundenlangen Wartezeiten. Das scheint eine gemeine Zermürbungstaktik der Ärzte zu sein. Sie wollen uns noch kleiner machen, als wir längst sind. Sie wollen sich über uns erheben, in den siebenten oder gar achten Himmel aufsteigen und als Weltwunder, Gottheit bewundert, angebetet werden. Sie wollen jeden Widerspruchsgeist im Keime ersticken, wollen unbedingten Gehorsam erzwingen. Freunde, so nicht! Jedenfalls nicht mit mir! Auch Ihr seid schreiend und nackig auf die Welt gekommen! Und alle haben gierig auf die noch so kleinen Dinge des Lebens gepeilt!

Wenn man dort sitzt, wartend auf das, was kommen wird, vor sich hin grübelt, die anderen Schicksalsgenossen, auch Patienten genannt, betrachtet, dann kommen sie ganz langsam und unaufhaltsam aus den tiefsten Tiefen des Inneren hoch. Da wäre zum einen die Sorge, dass die Bazillenmischung, die hier im Wartezimmer die Luft schwängert, über uns herfällt. Eine Brut, die auf jedem Stuhl in meterdicken Schichten lauert, die sich tief in jede Faser Papier der herumliegenden, tausendundein Mal durchgeblätterten Frauenzeitschriften hineingefressen hat und die uns gierig auf ihre Opfer lauernd angrinst. Wäre es nicht wirklich gesünder als Einsiedler, völlig alleine auf einer fernab gelegenen Insel zu hausen? Sind Ärzte mit ihren gastlichen Wartezimmern nicht die eigentlichen Krankheitsverursacher der Menschheit? Ich höre jetzt einfach auf, darüber nachzudenken. Direkt neben dieser Sorge kommt noch eine müde gähnende, unendliche Langeweile heraus gekrochen. Es ist wirklich unglaublich, was alles in einem drin wohnt. So viel Platz ist da doch nun wirklich nicht neben dem ganzen Innereienkram.

Zuerst schaue ich im Viertelstundentakt auf die Uhr, dann alle zehn Minuten, alle fünf Minuten. Spätestens jetzt nehme ich mir vor, nicht mehr auf die Uhr zu schauen. Die Steigerung des Grauens eines Wartezimmers ist, wenn dort, genau mir gegenüber eine laut tickende Wanduhr hängt. Laut tickende Wanduhren in ärztlichen Wartezimmern sind magnetisch, selbst wenn kein einziges Magnetatom in ihnen verbaut wurde. Es ist eine ganz besondere Art von Magnetismus. Es ist zwanghafter Hinschauenmuss-Magnetismus. Eine gemeine Besonderheit daran ist noch, dass immer dann, wenn ein Patient ins Behandlungszimmer gerufen wird, die Zeiger der Uhr scheinbar eine längere unsichtbare Pause einlegen. Diese Sorte Wanduhr sollte als ganz schlimme Waffe von der UNO geächtet werden.

Wenn diese unheimlichen, knacksigen Laute aus dem Lautsprecher ertönen, wenn das Herz vor Aufregung und Hoffnung kurz aussetzt, zu schlagen, wenn krächzende Worte einen Namen nennen, rät man krampfhaft, ob diese Laute dem eigenen Namen irgendwie ähnlich sein könnten. Doch ein anderer Wartender springt, wie von einer Tarantel gestochen auf. Er sammelt seinen in der Zwischenzeit verteilten Kram zusammen und läuft erhobenen Siegerhauptes in Richtung des Behandlungszimmers. Gleichzeitig fallen allen anderen Personen im Wartezimmer enttäuscht wieder in sich zusammen. Nur der kleine Junge, der seine Mutter seit Ewigkeiten nervt, scheint gerade jetzt vollauf damit beschäftigt zu sein, die abgebildeten Personen in der Apothekenzeitschrift mit Masern zu infizieren. Als angehender Arzt verpasst er allen in dieser Zeitschrift sodann mit der Kugelschreibermine eine tief sitzende Injektion. Als die Zeitschrift als solche selbst mit viel Fantasie nicht mehr zu erkennen ist, kommt zum Neunhundertneunundneunzigtaudsendneunhundertneunundneunzigsten Mal die spannende, alles entscheidende und die Mitpatienten noch weiter zermürbende Frage „Mama, wann sind wir denn endlich dran?“. Alle Patienten in diesem Wartezimmer würden dieser Nervensäge gerne den Vortritt lassen. Aber die Reihenfolge bestimmt der Arzt!

Irgendwann, im Laufe aufkeimender absoluter Resignation, reift mein Entschluss, die Stapel der fleddrigen Zeitschriften nach etwas Brauchbarem zu durchforsten. Die Situation erinnert mich an meinen letzten Friseurbesuch. Nur ist es diesmal noch ein paar Zacken schärfer. Weniger die Auswahl der Zeitschriften, als die gesamte deprimierende Situation. Völlig gelangweilt, desinteressiert und vom speckigen Papier angeekelt, wird eine Zeitschrift nach der anderen durchgeblättert. Die Zeit rinnt wie erkaltete Lava bergauf.

Dann endlich, wenn man von der elenden Warterei weichgeklopft ist, wie ein Wiener Schnitzel, längst nicht mehr davon ausgeht, in diesem Jahrzehnt zum Arzt vorgelassen zu werden, fest damit rechnet, hier die letzten Tage seines Lebens versauern zu dürfen, alle Hoffnungen begraben hat, wird man aufgerufen. Der Schreck sitzt mit einem Schlag so tief, dass man es beinahe nicht schafft zu reagieren. Der Lebensmut, die Hoffnung kehren jedoch jäh zurück. „Ja, in zwei Stunden könnte ich bei gutem Verlauf des zweiminütigen Arztgesprächs hier raus sein!“

Nein, nein, nein! Ganz so schlimm ist es mit dem deutschen Gesundheitssystem noch nicht bestellt. Bestimmt geben sich viele Ärzte, Ärztinnen, Schwestern und Brüder die allergrößte Mühe, ihre Patienten gut zu behandeln, im doppelten Sinne des Wortes. Trotzdem täten sie gut daran, selbst ab und zu mal in die Patientenrolle zu schlüpfen. Gerne übernehme ich den Part des gottähnlichen Herrn über Zeit, Nerven und Gesundheit. Nur pieken werde ich niemanden. Das steht fest! Aber Fiebermessen kann ich wirklich gut.

Bei meiner Hausärztin habe ich zum Glück noch nie sehr lange warten müssen. Selbst, wenn ich mal unangemeldet mit einem dicken Schnupfen in der Nase vor der Tür stand, bin ich dran gekommen. Klar, dass ich in solch einer Situation nicht damit rechnen kann, ohne Umweg übers Wartezimmer behandelt zu werden. Aber die Zeit war bisher immer überschaubar. Und damit sie nicht auch noch langweilig wird, liegen in ihrem Wartezimmer Unmengen von Zeitschriften unterschiedlicher Couleur. Da ist bestimmt für jeden Geschmack mehr als eine Zeitschrift vorhanden. Ich kann mir gut vorstellen, dass Manchem die Wartezeit sogar zu kurz ist. Wie schade, wenn man den spannenden Artikel nicht zu Ende lesen kann. Also könnte man die Zeitschrift einfach, klammheimlich in der Tasche verschwinden lassen. Das ist aber gar nicht nötig, wie das oben abgebildete Schild beweist.

Meine FSME-Impfung habe ich gut verkraftet. Die Zecken haben bei mir keine Chance mehr, ätsch! Jetzt könnte ich noch eine AMSJ-Impfung, eine Antimückenstichjuck-Impfung gebrauchen. Liebe Mediziner, erfindet so etwas doch einmal. Ich würde Euch spontan für den Friedensmedizinnobelpreis vorschlagen und bin mir sicher, dass da etwa die halbe Menschheit mitmacht!