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Mein Supermarkt hat sich mal wieder etwas genial Blödes ausgedacht. Nein, teurer ist es nicht geworden, zumindest nicht über das normale Maß hinaus. Betriebsferien machen sie auch nicht. Es ist schlimmer, viel schlimmer. Ein normaler Mensch würde auf solch eine Idee niemals kommen.

Seit Jahren gehe ich dort regelmäßig einkaufen. Da gibt es eigentlich alles, was ich so benötige. Nur Obst und Gemüse sollte man hier nicht kaufen. Das ist eher von der etwas unreifen oder angegammelten Sorte. Aber dafür gehe ich sowieso immer zu meinem Gemüsestand am Schweizer Platz. Der türkische Obst- und Gemüsehändler hat immer das allerbeste zur Auswahl. Alles ist frisch, sauber, reif, nie angegangen, gedrückt oder so. Gerne gebe ich hierfür ein wenig mehr aus. Und einen deutlichen Tick freundlicher wird man dort auch bedient. Äh, wird man im Supermarkt überhaupt bedient? Höchstens am Wurst- und Käsestand und an der Kasse. Die Kassiererin, neuerdings sitzen dort auch Männer, hat einfach keine Zeit für Freundlichkeiten. Hektisch muss sie einen Kunden nach dem anderen abfertigen. Die Warteschlange hat die starke Tendenz zum länger werden, besonders dann, wenn ich ankomme. Erst bei Überlänge kommt Verstärkung für die Kassiererin. Dann geht ein wahrer Sturm auf die neu eröffnete Kasse los. Da fallen auch mal unfreundliche Worte. Die Kassiererin sagt nichts, außer „Guten Tag!“, „Danke!“, „Möchten sie den Bon?“ und „Auf Wiedersehen!“. Na gut, die Endsumme nennt sie noch. Zu mehr hat sie einfach keine Zeit. Manchmal hört man nicht einmal diese Worte. Entweder, weil die Hektik, die Warteschlange besonders groß ist oder weil sie die deutsche Sprache nur in Ansätzen beherrscht. Heute werden vor allem Billiglöhner eingesetzt. Das sind häufig Ausländer. Die können sich am wenigsten wehren, sind auf jeden Cent angewiesen.

Das Schlimmste im Supermarkt sind die Automaten zur Rückgabe der Pfandflaschen. Abends, wenn ich einkaufen gehe, kann ich sofort dran, an das Maschinchen oder ein Flaschensammler versucht umständlich sein Sammelergebnis des ganzen Tages abzugeben. Oft passiert das Zweite. Die Hälfte der Flaschen nimmt der Automat nicht an. Entweder, weil die hier nicht im Sortiment sind, weil die nur der andere Automat annimmt oder weil der Automat spinnt. Letzteres kenne auch ich zur Genüge. Es ist immer dieselbe Flaschensorte, die klemmt. Einem großen Supermarktkonzern kann man natürlich nicht zumuten, seine Geräte in Schuss zu halten. Wenn ich dann endlich an der Reihe bin, meine Flaschen in den Schlund des Monsters einwerfen zu dürfen, ist garantiert der Container für die zusammengeknüllten Einweg-Plastikflaschen voll. Das passiert mir mindestens zweimal im Quartal, mindestens. Ist an diesem Gerät eine Gesichtserkennung dran? Wenn der Supermarktmensch endlich gekommen ist, den Container umständlich ausgeleert hat und den Automaten neu startet, kommt meine nächste Flasche garantiert wieder heraus und will von diesem Gerät einfach nicht gefressen werden. Also rufe ich diesen Menschen wieder und er notiert die Anzahl meiner widerspenstigen Flaschen auf einem Bon und nimmt sie von Hand entgegen. Aber ich wehre mich ausdrücklich gegen die Bezeichnung widerspenstige Flasche. Diese Flaschen können nun wirklich nichts dafür, dass dieser Automat nicht ordentlich funktioniert. Er ist es, der widerspenstig ist! So, das musste mal gesagt werden.

Am liebsten gehe ich abends gegen 21 Uhr einkaufen. Da hat man zwischen den Regalen freie Bahn, kommt ruckzuck voran. Der Stressfaktor ist gering. Dann stehen zwar überall Paletten mit Waren herum und irgendwelche Hilfshelfer räumen umständlich die Regale ein, aber das stört mich weniger. Ebenso stört mich der Typ, der mit seinem vollautomatischem, manuell bedienbaren Reinigungsmaschinchen den Dreck auf dem Boden gleichmäßig befeuchtet und der immer genau da entlang will, wo mein Einkaufswagen zwischendurch mal parkt, relativ wenig. Ich vermute, der ist durch Spätkunden, wie mich, mehr genervt.

Am liebsten gehe ich bei Regen einkaufen. Natürlich ist es mit dem Regenschirm nicht so prickelnd durch den Abend zu laufen. Dafür ist die Luft schön frisch. Und der Regen wäscht wenigstens mal die üblicherweise extrem speckigen Schubstangen, der im Freien stehenden Einkaufswagen ab. Sonst macht das ja niemand!

Dieser Supermarkt, mein Supermarkt hat am Wochenende in einer Nacht und Nebel Aktion alles, aber auch alles umgeräumt. Kein Regal steht an seinem gewohnten Ort. Alle Waren liegen jetzt an völlig anderen Plätzen. Wie soll ich jetzt schnell meinen Kram einkaufen? Wegen jeden Teils renne ich suchend durch den ganzen Laden. Ewigkeiten dauert es, bis ich etwas gefunden habe. Jahre wird es dauern, bis ich mir das wieder eingeprägt habe. Und dann wird garantiert wieder alles gründlich umgeräumt!

Es trifft mich noch Schlimmer, als bisher beschrieben. Wenn ich mal nicht so viele verschiedene Dinge benötige, dann verzichte ich auf den eigentlich obligatorischen Einkaufszettel und versuche mir die drei bis fünf Artikel einzuprägen. In meinem fortgeschrittenen Alter, wenn ich den ganzen Tag im Büro vor dem Computer gehockt, die klimaanlagenverseuchte Luft eingeatmet, das schönste Wetter durch das Bürofenster genossen habe, dann benötige ich ab und zu etwas Gehirnjogging. Dazu ist so ein virtueller Einkaufszettel im persönlichen Oberstübchen ganz gut geeignet. Solange ich mir fünf Dinge merken kann, solange ich hinlaufe zum Supermarkt und sie dann auch alle finde, solange muss ich mir um mich noch nicht so viele Sorgen machen.

Ich gehe immer nach Einkaufszettel einkaufen, entweder dem aus Papier oder dem im Kopf. Erstens vergesse ich dann nicht so vieles und zweitens kaufe ich keinen unnützen Kram ein. Das hat nur Vorteile. Irgend so ein alberner Fernsehfritze hat ja neulich mal ein Buch über die Psychologie der Einkaufszettel und Einkaufszettelschreiber veröffentlicht. Der hätte mal zu mir kommen sollen! Da wäre sein Buch doppelt so dick geworden.

Aber nun wird es kompliziert. Die ersten zwei Artikel finde ich nach dreimaligem zickzackartig durchlaufenem Parcours durch den Laden, wenn auch eher zufällig. Aber beim dritten fangen die Gedächtnisprobleme an. Ich habe mich über diesen Supermarkt inzwischen so geärgert, dass alle Speicherplätze in meinem Gehirn gelöscht und mit Ärgern neu besetzt wurden. Das Wichtigste stand garantiert an letzter Stelle. Ich habe meine Liste so sortiert hatte, dass ich möglichst schnell durch die Regale kam. Ich konnte ja nicht ahnen, was hier passiert ist. Jetzt ist alles anders. Mit ganz viel Glück fallen mir zwei der benötigten Dinge beim entnervten mehrmaligen Marsch durch die Regalreihen wieder ein. Wenn es Pling macht in meinem Kopf, dann hechte ich an die Stelle, wo ich das Produkt vermute, dann an die nächste Stelle und so weiter quer durch den Laden. Irgendwann werde ich dann fündig. Aber das fünfte Teil, natürlich das allerwichtigste Teil, will und will mir einfach nicht einfallen. Ich gebe auf. Selbst während des Wartens in der langen Schlange an der Kasse, komme ich nicht darauf, was ich eigentlich noch einkaufen wollte.

Mit einer Portion Wut im Bauch, einem dicken fetten Hass auf diesen Laden im Kopf, mit dem nicht einzuhaltenden Vorsatz, dieses Geschäft nie wieder zu betreten, laufe ich langsam heim. Schnell laufen geht nach diesem Stress nicht mehr. Ich muss erst wieder zu mir kommen. Vorsichtig, nach allen Seiten blickend stelle ich mich an den Straßenrand. Nur jetzt keinen Fehler machen. Ich möchte ja nicht unter die Räder kommen. Auf der anderen Straßenseite gehe ich weiter. An der Bushaltestelle prangt ein überdimensionales Plakat und wirbt mit einer hüpfenden Bikinidame für ein Internet-Reisebüro. Der Bus kommt auch gerade in diesem Moment, aber ich gehe weiter. Erstens fährt der in die entgegengesetzte Richtung und zweitens brauche ich für die restlichen dreihundert Meter bis nach Hause keinen Bus. Das schaffe ich selbst in meiner gegenwärtigen Verfassung noch zu Fuß. „Pling Plong“ klappert die sich schließende Bustür. Und genau in diesem Moment, mit dem „Pling Plong“ im Ohr und dem Blick auf die Bikinidame vom Reisebüro-Plakat schießt mir „Butter!“ durch den Kopf. Ist ja echt logisch, dass mir das jetzt einfällt. Hurra! Ich weiß jetzt, was ich im Supermarkt nicht mehr wusste. Mein Gehirn ist der altersschwächlichen Vergesslichkeit noch nicht anheimgefallen. Ich bin glücklich und beschließe spontan, morgen früh meinen Schnittkäse aufs nackige Brot zu legen. Die Bikinidame hat ihre Oberfläche ja schließlich auch nur quadratmillimeterweise mit Stoff bedeckt. Einmal geht das schon, das mit ohne Butter, meine ich natürlich. Die eingesparten Kalorien werden sich freuen. Jetzt umkehren und noch eine Runde durch den Supermarkt drehen? Nein! Niemals! Das kommt nicht infrage!

Ich hasse Supermärkte, die meisten zumindest und am allermeisten, die, welche ihre Regale mal wieder umgeräumt haben. Ich gehe immer in dieselben Geschäfte. Da weiß ich wenigstens so einigermaßen, wo was liegt, solange die nicht umräumen. Am liebsten sind mir die Discounter, bei denen weltweit alles an derselben Stelle abgelegt wird. Das hat man inzwischen kapiert. Da muss man nicht lange suchen. Da findet man. Da ist man schnell durch. Das ist wie bei google. Die Namen dieser Märkte sind bekannt, die brauche ich nicht zu nennen. Mein Supermarkt gehört definitiv nicht dazu!