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Eine Seefahrt, die ist lustig

Eine Seefahrt, die ist lustig

Kreuzfahrtschiffe gib es in unterschiedlichen Größen. Auf den Riesenpötten, die übers weite Weltmeer fahren, wohnen drei- bis viertausend Passagiere und massenhaft Personal. Das ist nichts für mich. Da verliere ich die Übersicht. Besonders stabil scheint deren Wasserlage auch nicht zu sein. Wenn solch ein Kahn mal umkippt, na Prost Mahlzeit! Eine Flusskreuzfahrt finde ich angenehmer. Deshalb bin ich im letzten Urlaub auch mal mit einem Schiff durch die Lagune von Venedig geschippert. Ich war zwar mit Abstand der zweitjüngste Passagier auf dem Kahn, aber die älteren Herrschaften waren durchaus handzahm. Für eine Woche ließ es sich auf dem Schiff mit hundert Passagieren und dreißig Besatzungsmitgliedern aushalten. Zwischendurch gab es diverse Besichtigungen und hinterher ging es weiter in die Toskana.

Am ersten Tag wurde uns der Kapitän vorgestellt. Er war immer zu Späßen aufgelegt, so wie man sich eben einen Kapitän vorstellt. Die Sicherheitsbelehrung am nächsten Vormittag, die seit der Katastrophe der Costa Concordia auch bei Flussschiffen nötig ist, war eher eine Comedyshow. Man kann alles in einen Satz zusammenfassen. „Wenn etwas passiert hupt es laut, alle rennen aufs Sonnendeck, wo die Schwimmwesten verteilt werden und schwimmen, wenn nötig, immer geradeaus.“. So einfach ist das. Dann fragte uns der Käpt’n „Wozu ist das eine Rettungsboot nötig? Es ist doch nur einsdreißig breit und vierfünfundsechzig lang.“.  Betretene Stille, jeder hofft, … Aber es kommt anders. „Das Rettungsboot ist für den Kapitän und die Dame von der Rezeption mit der Reisekasse.“ Der Kapitän von der Costa Concordia hat es vorgemacht.

Unser Käpt’n ist Niederländer, genauer gesagt Holländer. Das ist ein Unterschied und gut so, meinte er. Was ist das Gegenstück zu einem Holländer? Ein Chinese, ein Australier oder gar ein Schweizer? Ich habe es nicht verstanden. Zwischenzeitlich habe ich eine Vermutung. Holländer tragen Holzschuhe und können demzufolge nicht untergehen. Deshalb werden die Holländer an den Kapitänsschulen bevorzugt eingestellt.

Einen Tag später hatten wir einen neuen Kapitän. Der alte ist nicht etwa abgesoffen, sondern in Urlaub gefahren. Ja, auf solch einem Luxusdampfer bekommt sogar die Besatzung Urlaub! Der neue Käpt’n ist langweilig, bekommt den Mund nicht auf. Er erinnert mich an eine Schlaftablette. Hat er etwa Minderwertigkeitskomplexe? Kann der überhaupt solch einen Kahn steuern? Braucht er meine fachkundige Hilfe?

Bella Bellissima

Bella Bellissima

Den besten Job auf dem Schiff haben der Kapitän und der Bordmusiker. Alle anderen müssen arbeiten. Der Käpt’n muss nur in seiner Kapitänskabine sitzen, wenn das Schiff fährt. Außerdem hat er seinen ersten Offizier. Der steht neben ihm. Er sagt ihm, wo es lang geht, auf welchen Knopf er drücken und welche Hebel er betätigen muss. Liegt das Schiff am Kai, hat er Pause. Wenn ich mal groß bin, werde ich auch Kapitän! Es muss wahnsinnig toll sein, bequem in einem schicken, ledernen Chefsessel zu sitzen. Man wird von allen Passagieren angehimmelt. Dabei genießt man den Anblick von Venedig und träumt von den hübschen Italienerinnen. Ab und zu wird mal an einem Hebel gehebelt. Das Schiff tuckert ganz gemütlich immer schön gerade aus oder es fährt um eine gediegene Links- oder Rechtskurve. Der Fachmann spricht natürlich von Back- und Steuerbord! Das Schiff hat sogar einen Rückwärtsgang und kann richtig seitlich fahren. Zum Einparken ist das praktisch. Warum kann mein Auto das nicht? Was fehlt, sind die Blinker. Es scheint auch ohne Blinker zu gehen. Das allerallerwichtigste Gerät ist die Hupe. Selbst auf den Motor könnte man verzichten. Die Passagiere können ja schieben. Aber ohne Hupe geht das in Italien wirklich nicht.

Die Verkehrsregeln sind einfach. Meistens herrscht Rechtsverkehr. Manchmal wird kurzfristig auf Linksverkehr umgestellt. Interessant ist auch der Links-Rechtsverkehr. Da sucht man sich aus, wo man langfährt. Das hat Vorteile. Es gibt keine Probleme mit den Geisterfahrern. Alle sind Geisterfahrer. Der allgemeine Konsens ist, dass der Stärkere Vorfahrt hat. Außer, wenn der Andere eine lautere Hupe hat oder schneller ist. Der gewöhnliche italienische Angler schert sich nicht um den Verkehr und will seine dicken Fische mitten in der Fahrtrinne fangen. Man kann ja links oder rechts ihm vorbei fahren. Nur, wenn ein Riesenpott ankommt, macht er Platz. Der verscheucht oder schreddert mit seiner Schraube sowieso sämtliche Fische.

Der Musiker darf jeden Abend seinem Hobby nachgehen und zur Volksbelustigung Musik machen. Das Abendessen dauert meistens recht lange. Die gesättigten Passagiere sind nach einem langen Kreuzfahrttag mit Stadtbesichtigung ausgepowert. Er freut sich über die Abwechslung, wenn mal ein Pärchen tanzt. Das kommt selten vor. Ab und zu gibt es sogar Applaus, wenn es nicht gar zu schräg geklungen hat oder wenn er aufs Singen verzichtet hatte. Jedenfalls hat es sein abendliches Pensum schnell erfüllt.

Auf dem Schiff wird Sicherheit groß geschrieben. An einem Aushang ist aufgeschrieben, was jedes Besatzungsmitglied so zu tun hat, wenn es drauf ankommt. Vier gefährliche Situationen kann es geben. Havarie, Feuer, Evakuierung und Mann über Bord. Ich frage mich allerdings, was die tun, wenn eine Frau ins Wasser purzelt. Lässt man die bis zur nächsten Anlegestelle einfach hinterher schwimmen? Ich habe auf meine Liebste mächtig aufgepasst. Die kann gut schwimmen. Aber das Schiff ist auf langen Strecken im Vorteil, hat mehr Ausdauer. Außerdem schmeckt das Wasser in der Lagune von Venedig bestimmt so, wie es aussieht. Für alle Fälle gibt es irgendwo an Bord noch ein Handbuch für Schiffnotfälle.

Schiffskabinen sind eng, vor allem, wenn die Betten herunter geklappt sind. Aber auf dem Sonnendeck gibt es viel Platz und gemütliche Liegen. Man sollte die Gefahr eines Sonnenbrands und die Mücken einkalkulieren. Gegen innere Austrocknung werden probate Mittel angeboten. Ein Cocktail ist gegen diese Trockenheit bestens geeignet. So ein Tässchen Kaffee war auch nicht zu verachten. Aber am Abend wurde es kühl und man kam nicht drum herum, sich irgendwann in die Heringsbüchse unter Deck einzufädeln. Aber Übung macht den Meister.

Duschen ist ein Abenteuer. Es kann sogar ein recht gefährliches Abenteuer werden. Eines, das der Mann von heute so braucht. Die Dusche hat den Querschnitt eines Viertelkreises. Sieht also aus, wie eine Vierteltorte, nur größer. Nicht viel größer natürlich. Solch ein Schiff ist ja schließlich kein Universum mit Platz in der Unendlichkeit. An der runden Seite der Dusche ist eine Glaswand mit einer schmalen Schiebetür. Auf einem Schiff ist alles auf Sicherheit getrimmt, sogar diese Tür. Da passen maximal Leute, wie ich oder mit nur ganz wenigen Gramm mehr hindurch. Wenn so ein dicker Mops kommt, bleibt er schon in der Tür stecken. Das ist gut so. Da kann er leichter gerettet werden. Würde er sich hinein quetschen, säße er da drin, wie die Wurscht in der Pelle. Noch ein Kilo mehr Wurschtgewicht und das Wasser aus der Dusche könnte seitlich nicht mehr ablaufen. Wenn die Dusche überläuft, die ganze Kabine, das Schiff geflutet wird, passiert dasselbe wie mit der Titanic. Ich erinnere an die Geschichte vom Taucher. „Gluckgluck, weg war er.“ Nur dass ein Taucher wieder hochkommt. Jedenfalls würde man die Wurscht nicht aus der Pelle bekommen, selbst wenn das Schiff nicht abgenippelt ist. Die einzige Lösung wäre, das Schiff auseinanderzuschrauben. Das dauert und es wäre schade um das schöne Schiff. Da futtere ich die Wurscht lieber zum Frühstück. Pelle ab und Wurscht gerettet, besser gesagt, aufgefuttert. Man sieht an dieser Geschichte, wie wichtig die Sicherheitsregeln an Bord sind.

Das Klo in der Badzelle der Kabine ist ein echtes Hightech-Erlebnis. Wenn man die Klappe öffnet, denkt man, da hat schon einer … Nee, das ist nur klares Wasser. Dann setzt man sich und den Rest der Geschichte muss ich nicht beschreiben.

Jetzt kommt der Gag. Das Klo hat einen Knopf zum Draufdrücken. Das ist so ähnlich, wie bei jedem gewöhnlichen Klo. Aber wenn man da draufdrückt, macht das Klo einen Pups rückwärts. Jedenfalls hört sich das so an. Nur ist dieser Pups viel lauter, als der durchschnittliche DIN-Pups. Er klingt eher so, wie man sich einen Rinder- oder Elefantenpups vorstellt. Nur eben lauter und rückwärts. Wie eine Kuh oder ein Elefant pupst, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Alle, die mir bisher begegnet sind, haben sich wirklich anständig benommen. Besonders anständig waren die Rinder, die sich als Gulasch auf meinem Teller gerekelt haben.

Jedenfalls ist das Klo auf dem Schiff nach dem rückwärtigen Riesenpups wieder mit frischem, klarem Wasser gefüllt. Ich frage mich jetzt, was passiert mit diesem Rückwärtspups. In der Lagune von Venedig ist er jedenfalls nicht gelandet. Das hätte ich gerochen. Oder wird er zu Pupslikör verarbeitet, wie das am Weltrohkosttag schon einmal erörtert wurde?

Ich kann mich nicht von dem Gedanken, irgendwann mal Kapitän zu werden, trennen. Zweimal habe ich beobachtet, wie das Schiff vom Kai losgefahren ist. Da kam ein Hafenmensch mit einem kleinen, nicht mehr so ganz frischen Fiat angefahren und hat die Taue, mit denen das Schiff an Venedig angebunden war, losgemacht. Der Kapitän stand mit der Fernbedienung von seinen Fernseher in der Hand an der Reling. Damit hat er das Schiff gesteuert. Erst schob es sich ganz langsam seitlich von der Kaimauer weg. Dann fuhr es rückwärts, bis es gemütlich wenden konnte. Nun ging die Reise erst richtig los. Aber in aller Ruhe. Das Schiff ist regelrecht über das Wasser geschwebt. Der Kapitän hatte die ganze Zeit seine Fernbedienung in der Hand. Einmal auf den ARD-Knopf drücken, bedeutet nach rechts, ZDF nach links, NDR vorwärts und Bayern III heißt rückwärts. RTL ist der Nothalt. So einfach ist das! Nein, Kommando zurück! Beim zweiten Mal habe ich es erst richtig gesehen. Die Fernbedienung war ein Handfunkgerät mit dem er dem Bootsmann, der am Ende des Schiffes stand, irgendwelche Anweisungen gegeben hat. Gesteuert hat er das Schiff über einen Kasten mit vielen Knöpfen und Hebeln, der an der Reling beiderseits anmontiert war. Als das Schiff dann auf Kurs war, hat er die Klappe des Kastens geschlossen und ist in seinem Häuschen verschwunden. Nach solch einem anstrengenden Start brauchte er erst einmal Ruhe und ein Käffchen. Der erste Offizier stand immer direkt neben ihm und hat ihm etwas ins Ohr geflüstert. Schließlich darf der Käpt’n nichts falsch machen.