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Ab und zu bekomme ich von meinem Arbeitgeber außer der Reihe etwas spendiert. Bei einer Dienstreise ist das beispielsweise ein Mittagessen. Das bezeichnet man auch als geldwerten Vorteil. Prompt hält Vater Staat sein Händchen auf und möchte ein paar Prozente Provision abbekommen. Ich hätte ja nichts dagegen, ihm den Salatteller, der öfter zum Essen gereicht wird, zu spendieren. Der ist in den Kantinen meist etwas abgestanden und matschig. Schnitzel, Kohlroulade, Rehbraten, … und Pommes verputze ich natürlich selbst. Hat man Glück, überweist die Firma einen Pauschalsatz ans Finanzamt.

Wenn ich eine kleine Dummheit mache, also beispielsweise mein Auto im Parkverbot abstelle, bekomme ich von einer netten Dame, meistens eher klammheimlich, einen geldwerten Nachteil verpasst. Ich finde sie ganz spontan überhaupt nicht mehr nett. So etwas ist eine absolute Frechheit. Sie lässt sich dafür, dass sie mich zur Kasse bittet, sogar noch bezahlen! Würde sie mich fragen, bestimmt hätte ich sie zu einem Kaffee, meinetwegen auch zu einem Stück Kuchen, einer Salzbrezel oder einem Mettbrötchen eingeladen. Wir würden angenehm miteinander plaudern und sie wäre auf der Beliebtheitsskala der Menschheit weit oben. Schließlich kann sie in der Zwischenzeit keine Dummheiten in Form von verteilten Knöllchen begehen. Wenn sie dies mit allen Falschparkern so macht, hätte sie ihr Auskommen. Statt Kaffee könnte man ja auch über einen Gutschein für den nahegelegenen Schuhladen verhandeln. Natürlich nur anteilig, also die Sohle vom linken Schuh oder ein Paar Schnürsenkel. Die Masse macht es dann bei ihr. Das dauert freilich ein Weilchen, bis sie ihre Pumps zusammen hat. Es gibt viele Kunden, auch Falschparker genannt, für sie.

Solche Dummheiten mache ich nicht! Außer damals, vor einigen Jahren, als ich das Parkverbotsschild übersehen hatte. Als ich es etwas eilig hatte, fanden das die Ordnungshüter auch nicht gut. Oder doch, schließlich war ich ja ihr Erfolgserlebnis. Wie man wieder sieht, ist alles relativ, sogar Glück und Unglück. Das wusste Einstein und hat die Theorie dazu erfunden. Letztens dachte ich, dieses runde Verkehrsschild mit dem breiten roten Rand ist nicht ernst gemeint. Sonst bin ich hier immer durchgekommen. Also was soll das heute bedeuten? Vorwärts Marsch, einmal geht es schon. Das knappe Dutzend gelangweilter Polizisten, das schon auf mich wartete, war anderer Meinung und ließ sich die Wartezeit mit zwanzig Euro vergolden. Das fanden sie lustiger, als den Stau am Ratwegkreisel zu entwirren.

Wie ist das, wenn ich von einem netten Menschen den Tipp bekomme, eine routinemäßige Dummheit ausnahmsweise nicht zu begehen? Das spart Geld, mein Geld. Ist dies ein geldwerter Vorteil? Muss ich dafür Steuern abführen? Und was ist, wenn ich das heimlich tue und niemandem verrate, dass ich diesen kleinen Verstoß diesmal ausnahmsweise nicht begangen habe? Bin ich ein Steuersünder? Das Schlimmste wäre, wenn ich erwischt und verurteilt würde, um anschließend mit diesem Bayern-Ulli in eine Zelle zu kommen. Dann doch lieber auf der A71 geblitzt werden und den fälligen Obolus entrichten. Mich fünf Jahre lang mit diesem Herrn über Nürnberger Bratwürste unterhalten, überstehe ich bei Wasser und Trockenbrot nicht.

In den Neunzigern war ich zum ersten Mal dienstlich in Nürnberg. In einer Gaststätte unterhalb der Burg hatte ich auf Anraten meines einheimischen Kollegen kühn und keck einen Bratwurstteller bestellt. Als der kam, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Nicht die hungrige Gier, sondern der Schock des Anblicks, hätte mich beinahe niedergestreckt. Ein ganzes Dutzend dieser kleinen Teile lag auf meinem Teller. Ein Dutzend Bratwürste einem Thüringer vorzusetzen, ist mutig. Man sollte in solch einem Fall den Notarzt vorwarnen, dass gleich ein dringender Notfall passiert. Nach der zweiten Bratwurst bin ich normalerweise nudel-, das heißt bratwurstsatt. Aber dann habe ich auch Bratwürste gefuttert, richtige Thüringer Bratwürste. Die in Nürnberg hatte wohl Gulliver direkt aus dem Land der Zwerge mitgebracht! Nach diesem Dutzend hätte ich mir eigentlich noch ein ordentliches Schnitzel kommen lassen müssen. Die Teilchen waren so klein, dass man langsam atmen musste. Sonst hätten die sich quer vor die Nase gesetzt oder wären, wie eine Fliege, vom Luftstrom reingesaugt worden. In der Lunge funktioniert die Verdauung üblicherweise nicht so richtig. Dieser geldwerte Vorteil war ein geldwerter Nachteil.

Wer in nächsten Tagen den einen oder anderen geldwerten Vorteil abfassen möchte, sollte diesen Artikel aufmerksam lesen. Irgendwo im Text gibt es den, in der dortigen Überschrift angedeuteten, Tipp. Alle Leser werden gebeten, spätestens in der kommenden Woche einen geldwerten Obolus abzuliefern. Die Bankverbindung teile ich auf Anfrage gerne mit. Alternativ kann man ja endlich den nächsten Friseurbesuch planen.