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Neulich benötigte ich ein Kabel für meinen Computer. „Nichts leichter als das!“, denke ich in meinem nicht mehr ganz so jugendlichen Leichtsinn. In diesem Laden, der nach der Liebesgöttin Venus benannt ist, gibt es doch alles und vor allem alles supergünstig. Oder ist es der Meeresgott Neptun? Hinterher wusste ich, dass der Name des Kriegsgottes Mars am besten passen würde. Jedenfalls stehen wir jetzt auf Kriegsfuß zueinander, ich und dieses verrückte Planetensystem.

Frankfurt ist eine schöne Stadt, zumindest an vielen Ecken. Die Einkaufsmeile Zeil gehört für mich definitiv nicht dazu. Dort ist immer ein totales Gedränge. Man muss sein Portemonnaie festhalten. Vorsichtig atmen, damit man nicht so viel unappetitlichen Gestank irgendwelcher Fressbuden inhaliert, ist angesagt. Man sollte aufpassen, dass man nicht über Penner, Bettler, Massen an Fahrrädern oder Verkäufer von schlecht gemachtem Unnützem stolpert. Wenn die Musiker richtige Musik machen können, gebe ich gerne Mal einen Euro in die Kasse. Aber solche Künstler trifft man leider zu selten. Ich mag Straßenmusik. Das ist die musikalische Variante von Graffiti.

MyZeil heißt ein recht neues Kaufhaus. Als es im Bau war, ist eine große Kanonenkugel aus dem Planetensystem angeflogen gekommen und mitten durch das Gebäude geflogen. Das muss mächtig gekracht haben. Dieser Durchschuss, wie ich ihn nenne, ist später verglast und somit der Nachwelt erhalten worden. Richtig schön finde ich das nicht. Der Nutzen hält sich in Grenzen. Doch man findet in diesem Einkaufstempel Schlimmeres.

Ich schätze, dass es in diesem Kaufhaus etwa hundert völlig unterschiedliche Geschäfte gibt. Genau weiß man das nicht, weil dauernd umgebaut wird. Neue Läden entstehen, alte ändern ihren Standort oder ziehen ganz aus. In den oberen zwei Etagen ist dieser Computerkabelladen, den ich besuchen wollte. Das hatte ich bereits erwähnt.

Wenn ich dieses Gebäude betrete, frage ich mich immer „Wohin will ich eigentlich? In welchem Stockwerk ist mein Laden?“ Das ist noch der einfache Teil aller Fragen. Dazu gibt es Schilder. Viel schwerer ist die Antwort auf die Frage, „Wie komme ich dorthin?“ An dieser Stelle ist mir klar, weshalb ich so selten zu diesem Laden marschiere. Ich hasse dieses blöde Suchspiel.

Es gibt Rolltreppen, etliche sogar. Aber man weiß nie, wohin die rollen. Einige und das sind mir die Sympathischsten, fahren in die nächste Etage. Genau das erwartet man von einer Rolltreppe. Da weiß man, wo man ankommt. Allerdings gibt es welche, die tuckern gleich mehrere Etagen hoch oder auch ganz nach oben. Man jagt auf der Suche nach dem richtigen Fahrgestell wie ein Blöder durch den Laden. Meistens landet man zu hoch und sucht zwangsläufig nach der Rolltreppe, die genau diese eine Etage nach unten fährt. Aber dazu rennt man sich quer durchs Kaufhaus erst einmal die Füße wund. Bestimmt haben irgendwelche Marketingexperten wieder etwas Geniales herausgefunden. Kurz bevor die Leute herzinfarktisch und nervenkollabierend zusammenklappen, schleppen sie sich in den nächsten Schuhladen. Dort tätigen sie einen riesigen Umsatz. Mein Herz ist stark, das Nervenkostüm gesund. Da haben sich diese Experten verrechnet. Außerdem weiß ich, dass mir der Gang in ein Schuhgeschäft nicht guttut. Ich meine, rein nervlich bin ich da etwas empfindlich. Deshalb versuche ich, das zu vermeiden.

Mein Computerkabelladen ist oben. Zielgerichtet stehe ich auf dieser elendig langen Rolltreppe, die ganz hochfährt. Da habe ich ausnahmsweise Glück gehabt, dass ich zufällig durch die richtige Einflugschneise sause. Das Geschäft ist schnell gefunden, es gibt hier fast nur das eine. Über dem Eingang ist ein großes Schild, auf dem sein Name steht. Jetzt geht die Sucherei los. So ein Kabel ist ja eine recht triviale Angelegenheit. Das sollte geschwind zu finden sein. Die erste Verkäuferin, die nach mehrfacher Nachfrage das Sortieren irgendwelcher Dinge unterbricht, erklärt mir, dass ich mal »da drüben, um die Ecke auf der anderen Seite« nachschauen solle. »Da gibt es auch Verkäufer, die Bescheid wissen.« Na solche sind mir ja die Liebsten! Ich war wohl ausgerechnet an die Falsche geraten. Denn da drüben gab es weder Verkäufer noch Kabel. Ich bin also umsonst durch den halben Laden gerannt. Ratlos überlege ich, welche Möglichkeiten es jetzt gibt. Ich stehe gerade vor einer Rolltreppe, über die viele Kunden aus den darunter liegenden Abteilungen nach oben kommen. Nun suche ich das nach unten fahrende Brüderchen dieser Treppe. Pfiffig, wie ich bin, ist es schnell gefunden. Es befindet sich gleich daneben.

„Hier gibt es Computer!“ stelle ich mit Kennermiene fest. Wo es Computer gibt, können die Computerkabel nicht mehr weit sein. Erst einmal finde ich USB-Sticks en gros. Die brauche ich momentan nicht. Jetzt stehe ich interessiert in der Fotoabteilung. Das dauert bei mir immer ein Weilchen. Ich muss mir alles genau anschauen, auch wenn ich es bereits hundertmal gesehen habe. Das ist eine typische Männerkrankheit. Das weibliche Pendant dazu bricht in Schuh- und Klamottenläden als Epidemie aus. Mein neuer Fotoapparat liegt in einer verschlossenen Vitrine. Aber er ist mir derzeit zu teuer. Bis nach Weihnachten wird er da wohl noch schlummern müssen. Ich bin gespannt, ob meine Ungeduld und meine alte Kamera so lange durchhalten. Dann finde ich Festplatten, Tastaturen und Computerspiele. Pech, oder soll ich sagen Glück, dass ich diesen Kram im Moment nicht benötige.

„Ein freier Mitarbeiter!“ hallt es in meinen Kopf. Er ist ansprechbar, aber Experte für Software, wie sich herausstellt. Er schickt mich schon wieder quer durch den Laden. Zumindest hat er eine grobe Ahnung vom Stadtplan dieses Computerkabelladens.

Es hat nur noch eine halbe Ewigkeit gedauert, bis ich selbst die Kabelabteilung aufgespürt habe. Dort liegt mein Kabel! Oder nehme ich lieber dieses hier? Was ist der Unterschied? Der Preis alleine kann es ja nicht sein. Sie sind gleich lang. Die Stecker scheinen identisch zu sein. Ich lese die Bedienungsanleitung und bin so schlau, wie zuvor. Mein ratloser Blick streicht durch die Regalreihen. Ich finde einen Infostand. Nur drei Kunden warten vor mir. Zehn Minuten später weiß ich, dass das preiswertere Kabel meines werden wird. Wo ist die Kasse? Natürlich ist sie am Ausgang. Wo ist der Ausgang? Dort ist er. Das Bezahlen geht fix. Auf mein Geld wollen die hier nicht warten. Ich bestehe auf einer Plastiktüte. Irgendein Bonus muss sein! Schließlich war ich fast eine Dreiviertelstunde wegen eines Neunneunundneunzig-Kabels unterwegs. Das ist ein echt mieser Schnitt! Die Strapazen mit den Rolltreppen sind da noch gar nicht eingerechnet.

Nun geht das Rolltreppenrätsel Neuem los. Es gibt nämlich auch etliche nach unten führende Fahrtreppen. Das chaotische Rolltreppensystem ist auch in diese Rolltreppen integriert. Die haben wirklich kein Mitleid mit ihren Kunden. Echte Barbaren sind das! Aber sie haben sich verrechnet. Ich bin nicht bereit, auf allen Etagen an all den Geschäften vorbei zu hasten. Nein, so etwas mache ich nicht mit. Ich stehe in diesem Moment vor dem Fahrstuhl. Der kommt überraschend schnell, entlädt mehrere Kinderwagen samt Kindern und ihre Eltern sowie eine Omi mit Rollator. Er nimmt mich mit hinunter. Dämlich, wie ich manchmal bin, drücke ich den untersten Knopf. Schließlich will ich nach unten. Ich lande im ersten Untergeschoss. Da stehe ich und habe den unmittelbaren Fluchtweg in die Tiefgarage vor der Nase. Was soll ich in der Garage, wenn ich zu Fuß gekommen bin? Also fahre ich per Rolltreppe wieder hoch. Und, oh Wunder, ich komme direkt in der richtigen Etage an. Nun nichts wie raus hier!

Fix und fertig erreiche ich mein zu Hause. Mich quält den gesamten Heimweg über die Frage, wieso dieser Computerkabelladen ausgerechnet ganz oben einziehen musste. Im Erdgeschoss hätte er sich genauso gut angefühlt. Sollen doch die anderen Geschäfte dort oben wohnen. Die brauche ich nie. Bis auf diesen Bilderladen in der zweiten Etage. Die Bilder sehe ich mir durchaus mal auf meiner Suche nach der passenden Rolltreppe zur Aufheiterung an. Ebenso schaue ich in den Fotoladen im ersten Stockwerk. Allerdings habe ich in diesem Laden noch nie etwas gekauft. Mein Fotohändler ist am Roßmarkt zu Hause. Da wird man wesentlich besser bedient. Das ist mir bei solch wichtigen Sachen, wie der Fotografie, unverzichtbar. Meinen Fotokram kaufe ich definitiv nicht in einem Computerkabelladen, der mich immer so ärgert.