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Burg Fürsteneck

Burg Fürsteneck

Am Wochenende war ich wieder auf Burg Fürsteneck in der Hessischen Rhön. Ich habe dort an einem Fotoworkshop teilgenommen. Das Thema lautete Goldener Herbst. Das hat also gut zur aktuellen Jahreszeit gepasst.

Am ersten Januar hatten wir uns zuletzt gesehen. Das ist eine ganze Weile her. Um so gespannter war ich, wie es ihm geht. Wer Hugo kennt, weiß, dass es ihm gut geht. Das ist ein echter Kerl, den haut nichts um! Ich freute mich und war begierig, zu erfahren, was er sich wieder so alles einfallen lässt.

Am Freitagabend bin ich erwartungsvoll auf die Burg gefahren. Zum Ausladen darf man kurz im Burghof parken. Zuerst ging es zur Anmeldung. Eine kleine Außentreppe hoch und man steht fast in der Rezeption. Ich stolpere allerdings auf der Treppe über meine Beine, über meine eigenen? Ich kann mich gerade noch am Geländer festhalten. „Ey Alter, was soll das?“ Ja, da wartete er längst. Hugo weiß genau, dass ich mich zum Fotoworkshop angemeldet hatte. Hugo ist über alles informiert, reinweg über alles. Geheimnisse gibt es für ihn nicht. Die NSA ist mächtig neidisch. Er erwartet mich. Als ich die Stufen hochkomme, steht sein Fuß, natürlich rein zufällig, im Weg und hätte mich beinahe niedergestreckt. Ja, so ist Hugo eben. Er hat nur bunte Knete im Kopf. Er ist noch jung. Mit seinen etwa fünfhundert Jahren ist er sozusagen noch im vorpubertären Alter. Kleine Jungs machen gerne mal ein paar Dummheiten. Eigentlich kann man ihm nicht böse sein. Zumindest weiß ich nun, dass mein Kumpel Hugo hier ist. „Grüß dich, Hugo!“

Erst einmal habe ich ihn mit Ignoranz gestraft und mich ordnungsgemäß angemeldet. Mit meinem Zimmerschlüssel in der Hand lade ich meine Reisetasche und den Fotorucksack aus dem Kofferraum aus und tobe zu meinem Zimmer namens Mauersegler. Ja, solch schöne Namen haben die Unterkünfte hier. Ich habe schon in der Orchidee, im Burgbrunnen, im Violinzimmer und anderen geschlummert. Diesmal wohne ich also im Mauersegler. Das denke ich zumindest. Aber die Tür will und will nicht aufgehen. „Bin ich zu dumm, eine Tür aufzuschließen?“ Nein, das bin ich nicht. Wenn sich Hugo von innen dagegenlehnt, bekomme ich die Tür natürlich nicht auf. Niemand bekommt sie auf. Als ich das endlich kapiert habe, rufe ich etwas streng „Hugo!“, ahne ein Kichern zu hören und stehe im Zimmer. Bett, Nachtschrank, Tisch, Stuhl, Kleiderschrank, Kleidergarderobe und ein ordentliches Bad. Das ist es, mehr gibt es nicht, mehr brauche ich nicht. Fernseher findet man hier nicht. Das Internet ist auf einem PC, der vor der Rezeption steht, zu erreichen. Außerdem haben die Rechner im Computerraum Zugang zum Internet. Als Fotoworkshopteilnehmer habe ich Glück. Zur Bearbeitung unserer Bilder sitzen wir natürlich im Computerraum. Die Entzugserscheinungen werden sich diesmal in Grenzen halten.

Los geht es mit dem Abendessen. Das ist eine angenehme Tradition. Der Arbeitstag war lang. Anschließend musste ich noch eineinhalb Stunden fahren. Das schlaucht. Ich treffe Bekannte. Es gibt viel zu erzählen. So ist das immer. Wir besprechen das Samstagprogramm, schauen uns zur Einstimmung schon mal ein paar Bilder an. Nebenbei diskutieren wir die Herbstfotografieproblematik im allgemeinen, besonderen und im speziellen. Dann sitzen wir in der Burgschänke. Die örtlichen Lederhosenbuben begrüßen uns lautstark. Das Bier in der Rhön ist gut. Ich wundere mich, dass mein Glas plötzlich leer ist, und bestelle ein zweites. Da knallt die Tür laut zu. Er ist gegangen, ist wohl müde und will sich zu Hause in seiner Kemenate aufs Ohr hauen. Ich kann mein Bier jetzt alleine trinken.

Am Samstagvormittag fahren wir zur Haunetalsperre. Herbstmotive gibt es hier in Hülle und Fülle. Allerdings vermissen wir die Sonne. Statt dessen überrascht uns ein Nieselregen, der sich zum kräftigen Schauer auswächst. Auf solche unbedeutenden Naturkatastrophen bin ich natürlich kleidungs-und kameratechnisch vorbereitet. Nach dem Regen gibt es neue interessante Fotomotive. Und die Sonne lugt sogar ein klein wenig durch die Wolken. Am Nachmittag geht es auf den Soisberg. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf das Hessische Kegelspiel. Das Kegelspiel sind kegelförmige Vulkanberge. Der Soisberg ist einer dieser zum Glück längst erloschenen Vulkane. Die Burg liegt in Sichtweite genau gegenüber. Die Sonne schaut ab und zu zwischen den Wolken hervor. Im Wald verwende ich das Stativ. Das Licht ist knapp. Selbst bei Offenblende ist die nötige Belichtungszeit zu lang. Auf den Wiesen geht es überwiegend ohne Stativ. Mein Motto lautet, „Fotografieren ist wie ein Duell. Man muss dem Motiv auf Augenhöhe gegenüber stehen.“.  Dieses Stehen heißt so manches Mal, Liegen. Sonst kann ich einem bunten, abgefallenen Herbstblatt, einem Pilz nicht in die Augen schauen. Fotografieren ist Sport. Man muss laufen, das Motiv kommt selten von selbst vorbei. Die Fotoausrüstung, besonders das Stativ sorgen dafür, dass ich bei einer stärkeren Windbö nicht weggeweht werde. Das wird mir wahrscheinlich eher nicht passieren. Auf das Stativschleppen verzichte ich trotzdem nicht. Kniebeuge und Liegestütze vervollständigen, wie beschrieben, das sportliche Programm.

Meine Fotoausbeute entspricht den Erwartungen. Natürlich gibt es den üblichen Schrott. Ich meine unscharfe, verwackelte, über- und unterbelichtete Bilder und Motive, die ich irgendwie nicht vernünftig auf den Chip bekommen habe. Die Nachbearbeitung geht bis in die Nacht. Schließlich wollen wir am Sonntagvormittag unsere Erfolge gemeinsam begutachten. Aber das letzte Oktoberwochenende hält für fleißige Fotografen und andere liebe Menschen eine nächtliche Bonusstunde bereit.

Mensch Hugo!

Mensch Hugo!

Beim Sortieren und Nachbearbeitung meiner fotografischen Jagderfolge kommt dieses Bild zum Vorschein. Mir ist sofort klar, wie es zustande gekommen ist. Natürlich hatte er seine Hand im Spiel. Bei einem Fotoworkshop bin ich furchtbar beschäftigt. Da bleibt wenig Zeit, sich um ihn zu kümmern. Und deshalb bringt er sich einfach in Erinnerung. Ich habe zwischendurch mehrfach gespürt, dass er in der Nähe ist. Mal rennt plötzlich ein von ihm aufgescheuchter fetter Hase durchs Dickicht, mal knackt es verdächtig und ich spüre genau, dass der Knacks nicht von mir stammt. Ein ängstlicher Typ spurtet wahrscheinlich panisch aus dem Wald. Ich kenne ihn schon eine Ewigkeit und weiß, dass er es ganz lieb meint. Ich sage nur „Hallo!“ oder „Hugo, jetzt nicht. Du siehst doch, dass ich mich konzentrieren muss.“ Meistens klappt das auch und ich habe einen Moment Ruhe. Aber wenn er zu lange unbeachtet bleibt, bekomme ich das Motiv einfach nicht aufs Bild. Immer wenn ich abdrücke, bläst ein Wind und alles wackelt. Manchmal schiebt sich unerwartet eine dicke Wolke vor die Sonne und das Licht ist Sche… Da hilft nur, mit ihm ein wenig zu plaudern. Das sieht dann so aus, wie bei den Chaoten, die scheinbar Selbstgespräche führend durch die Stadt laufen oder in der Straßenbahn sitzen. Inzwischen weiß man, dass sie telefonieren. Aber ich habe natürlich nicht telefoniert. Ich habe mich mit Hugo ganz klassisch unterhalten.

Hugo geht es gut. Er hat Stress, wie wir alle. Die Globalisierung macht ihm zu schaffen. Er ist für drei Burgen zuständig. „Es gibt einfach kein verlässliches Personal mehr!“ jammert er immer wieder. „Alles bleibt an mir hängen!“. Und dann schimpft er über die Ignoranz der Menschen. Niemand nimmt ihn ernst. Alle denken, sie sind ja so modern, aufgeklärt und vernetzt. Aber er zeigt es ihnen, zumindest den schlimmsten Fällen. Denen fällt, rein zufällig, der Autoschlüssel herunter und sie müssen unters Auto kriechen. Manche stolpern, die Tür knallt ihnen direkt vor der Nase ins Schloss oder die Schranktür klemmt neuerdings. Die Zimmerpflanzen welken unerwartet und trotz perfekter Pflege. Etliche fühlen sich in ein Funkloch gesetzt und bekommen ihre Liebste einfach nicht ans Telefon. Das Bier im Kühlschrank ist plötzlich und ohne Vorwarnung alle. Ich hatte ja schon erwähnt, dass Hugo gerne mal ein Bierchen trinkt. Seine Fantasie ist grenzenlos.

Am Sonntag, nach dem Mittagessen, fahre ich wieder heim. Ich habe kurz gehupt. Das ist unser Zeichen. Das heißt „Tschüs! Machs gut, Alter!“ Da weiß er, dass ich mich aufs nächste Mal freue. Nach Weihnachten wird es wieder soweit sein. Das Dinner for All steht auf dem Programm und wird mich uns neue Jahr bringen. Da hat Hugo dann viel zu tun. Die Burg wird brechend voll sein. Aber das sind erfahrungsgemäß keine Ignoranten. Die freuen sich auf Hugo. Hugo von Fürsteneck ist das Burggespenst. Wegen einer kleinen, klitzekleinen Untat geistert er seit 500 Jahren rastlos herum. Er hat damals dem Burgherrn beim Rasieren, absichtlich, natürlich total aus Versehen, er konnte ja überhaupt nichts dafür,…

Wer wissen möchte, wie das mit den Gespenstern so ist, sollte sich das Lied „Vom Leben als Gespenst“ von Anna Depenbusch mal anhören. Es ist auf der unherbstlichen CD „Ein Sommer aus Papier“ zu finden. Ich höre es gerne und denke dabei jedes Mal an meinen Kumpel Hugo.

Hugo von Fürsteneck ist auch in Facebook präsent. Präsent ist stark übertrieben. Es gibt ihn, mehr auch nicht. Schließlich ist er unsichtbar, wie seine Fotoalben in Facebook. »Dieser neumodische Kram ist wirklich nichts für mich!«, schimpft er, wenn ich ihn darauf anspreche. Meine Freundschaftsanfrage ignoriert er konsequent. Ein echter Lausejunge ist das, mein Kumpel Hugo!

Update (4. September 2014):
Heute hat Hugo meine Freundschaftsanfrage positiv beschieden. Jetzt sind wir auch FB-Freunde. Wer ist schon mit einem echten, lebendigen Gespenst befreundet!