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Irgendwie ist seit Wochen, nein seit Monaten der Wurm drin. Immer schießen Andere die Tore. Max Torlos, Coach des FC Bayern Mümmelhausen ist trotzdem froh. Noch tiefer in den Keller geht es bei dem derzeitigen Tabellenstand wirklich nicht mehr. Es kann nur aufwärtsgehen. Schlimmstenfalls halten sie die Tabellenposition.

„Jungs, die Zuschauer sehen genügend Torschüsse. Die freuen sich wie verrückt darüber. Aber es sind die Fans der anderen Mannschaft. Schießt doch einfach auch mal ein Tor. Dann kommt vielleicht mal ein Fan von uns zum Spiel!“ „Haben wir überhaupt noch einen Fan?“ „Ein Tor wird nicht ausreichen, Trainer.“ „Stimmt nicht, ein Tor mehr als der Gegner reicht völlig!“ „Na, du hast gut reden! Wie hätten wir letzten Samstag neun Tore machen sollen? Wir sind ja fast nie an den Ball ran gekommen!“ „Da musst du eben schneller rennen! Wo ist das Problem?“ „Du stehst ja neben dem Platz. Wir müssen anderthalb Stunden lang dieser blöden Murmel hinterher hetzen!“ „So geht es nicht weiter! Ein bisschen solltet ihr euch schon anstrengen. Alles kann ich ja nun nicht selbst machen! … Oder soll ich die bestechen?“ „Wäre mal ‘nen Versuch wert.“ „Du spinnst wohl! Bei meinem Gehalt ist so was nicht drin.“ „Wir können ja einen Hut rumgehen lassen.“ „Quatsch mit Soße! Schießt gefälligst ein paar Tore! Sonst gibt es ein Extratraining!“ „Nicht das noch, Trainer!“

Freitagabend bekommt Max Torlos Besuch. „Ich habe uns mal eine Flasche Korn mitgebracht. Wir müssen reden!“ sagt Erwin Scheffig, seines Zeichens Präsident des Fußballclubs Mümmelhausen. Schwer angeschlagen verabschiedet Max den Präsidenten weit nach Mitternacht. Eigentlich verträgt er nämlich keinen Schnaps. Und dann hatte Scheffig auch noch den Korn in seiner Tasche. Als die Flasche fast leer war, ist er mit der Sprache herausgerückt. „Wenn wir nicht bald ein paar Punkte, ich meine Pluspunkte, in der Tabelle sehen, suchen wir uns einen neuen Trainer. Aber du schaffst das schon, Prost!“

Total verkatert steht Max Torlos bereits vor dem Mittagessen auf dem Platz. Er braucht Ruhe, er benötigt frische Luft. Zwei große Flaschen Mineralwasser stehen bereit. Er hat Durst, wie eine mexikanische Bergziege. Der eine Satz von Scheffig geht ihm einfach nicht aus dem Kopf. Es ist der einzige Satz von gestern Abend, an den er sich erinnern kann. Seit Stunden überlegt er, was er machen soll, damit es endlich wieder ein wenig aufwärtsgeht. Tore schießen? Da ist Sache der Spieler. Mehr trainieren? Das geht nicht. Die Spieler sind vom Job ausgepowert. Außerdem hat er die strenge Order, den Platz zu schonen. Der könnte bei der miesen Rasenqualität gesperrt werden. Max überlegt, ob da überhaupt ein Grashalm wächst. Den müsste man vorsichtshalber einzäunen, sonst geht der auch noch ein. „Oder sollte ich bei der nächsten Vorstandswahl für das Amt des Präsidenten kandidieren, gegen Scheffig antreten? Dann bin ich alle Sorgen los und Scheffig steht auf dem Platz und muss zusehen, wie die Jungs den Ball ins Tor kriegen.“

Er sieht, wie Micha Flieger, sein erster und einziger Torwart lässig über das Spielfeld schlendert, genau auf ihn zuhält. Micha hat sich richtig schick gemacht. So hat Max Torlos ihn bisher nie gesehen. „Hey, wie geht’s?“ begrüßen sie sich. „Na ja, es gab schon bessere Zeiten. Wie siehst du denn aus? Hast du vor dem Spiel ein Date?“ „Ich kann doch nicht immer nur in den verlotterten Sportklamotten herumlaufen.“ „Na na, so schlimm sehen die längst noch nicht aus.“ „Baujahr 2011, sage ich nur. Wenn Emmi die nicht flicken würde, stände ich nackig auf dem Platz.“ „Da hätten wir wenigstens ein paar Zuschauer.“ entgegnet Max Torlos grinsend. Aber das Grinsen vergeht im schlagartig. Sein Kopf brummt. Und Micha eröffnet ihm, dass er heute zum letzten Mal zwischen den Pfosten steht. „Ab Montag arbeite ich oben in Niedersachsen. Meine Firma will das so. Da ist nichts mehr mit jede Woche Trainieren und jedes Wochenende Spielen.“ „Und wer soll das Tor hüten, wenn du weg bist?“ „Bin ich der Trainer? Das ist nicht mein Job!“ Max überlegt. „Fällt Micha aus, habe ich keinen Torwart. Aber ist das wirklich so schlimm?“ Und dann sagt er „Wann hast du eigentlich zum letzten Mal einen Torschuss abgewehrt? Ich erinnere mich nur, dass du immer nur dumm gekuckt hast, wenn einer auf deinen Kasten gezielt hat!“ „Scheinst mich ja nicht zu brauchen. Ich habe heute nachmittag sowieso noch etwas Wichtiges vor. Mach‘s gut Alter. Man sieht sich.“ Und weg ist Micha.

Max Torlos hat einen Plan. Er schwingt sich auf seinen altersschwach quietschenden Drahtesel und eiert in Richtung der Kreisstadt. So richtig wohl fühlt er sich mit dem Fahrrad auf der viel befahrenen Bundesstraße nicht. „Wenn jetzt etwas passiert, bekomme ich wegen des Restalkohols bestimmt großen Ärger.“ Aber schon auf halber Strecke, dort wo die neue Autobahnauffahrt ist, biegt er zu der Pommesbude ab. Tatsächlich, er hat nicht verrechnet. Toni Hamburg sitzt auf einer Bank vor der Frittenbude. Vor ihm liegt eine übergroße Portion Pommes mit Majo. In der Hand hält er einen überdimensionalen Pappbecher mit Cola. „Hey, du siehst ja aus wie das pralle Leben!“ „Purer Stress, hab drei Kilo abgenommen. Mein Chef verlangt Überstunden. Hab da nicht mal eine Mittagspause.“ „Man sieht es. Du schaust wirklich aus, wie Haut und Knochen. Wie viel wiegst du eigentlich?“ „Willst du es in Pfund, Kilo, Zentner oder Tonnen wissen?“ „Zentner wäre okay.“ „Knapp 4, klingt doch nicht viel, oder?“ „Passt schon. Hast du heute nachmittag mal zwei Stündchen Zeit?“ „Brauchst ‘nen Stürmer, ich meine einen, der auch mal ein Tor macht?“ „Nee, einen Torwart!“ „Ich und Torwart?“ „Ja, du. Da ist die Hälfte vom Tor gedeckt, ohne dass du nur einen Muskel bewegst. Und wenn du dich auf den Gegner fallen lässt, so ganz zufällig, natürlich, dann trauen die sich nicht mehr so nah an unser Tor ran.“ Der Deal ist perfekt.

Max Torlos radelt heimwärts. Ein Problem muss er noch in den Griff bekommen. Die Trikotgrößen hören bei Größe XXL auf. Und das ist viel zu eng für Toni. Aber Emmi, die gute Seele des Vereins, richtet das. Sie verspricht, spätestens zehn Minuten vor Spielbeginn ein Dress zum Fußballplatz zu bringen. „Wie machst du das bloß?“, fragt Max noch. Und Emmi erklärt ihm, dass sie die Trikots von Micha und den zwei Kranken zu einem Trikot zusammennäht. „Das Dress von Micha braucht ihr ja nun nicht mehr.“ „Aber wenn die Verletzten… Die simulieren doch sowieso nur… Vielleicht…“ Max Torlos ist unsicher. Emmi beruhigt ihn. „Die schauspielern so perfekt, dass du dir keine Sorgen machen musst, dass sie in dieser Saison noch einmal auflaufen können. Ekki hat mit seiner Neuen totalen Stress und ist voll ausgelastet. Man munkelt, dass bald die Glocken läuten. Manfred liebäugelt mit der Mannschaft vom Nachbarort und traut sich nur nicht, es dir zu beichten.“ „Was du so alles weißt!“ staunt Max.

Der Trainer instruiert seine Männer. „Heute will ich Tore erleben! Heute gewinnen wir! Ich möchte niemanden sehen, der sich beim Zweikampf abhängen lässt. Denkt daran, wir haben in dieser Woche fast zwei Stunden lang trainiert. Ihr seid fit! Also, immer drauf aufs gegnerische Tor. Die sollen sich wundern. Die denken garantiert, der FC Bayern Mümmelhausen ist eine Schlafmützenfabrik. Da haben die sich gewaltig geirrt. Heute gewinnen wir! …“ Max redet sich in Rage. Da streift sein Blick seinen Stürmer, den der in der letzten Saison mal ein Tor gemacht hat. Er stutzt einen Moment. „Sag mal, kriegst du ein Kind?“ Erst einmal herrscht betretenes Schweigen im Walde. „Meine Schwester hatte gestern Geburtstag.“, gibt der Stürmer kleinlaut zu. „Davon kriegt man doch keine Kinder!“ grölt es durch die Kabine. „Nee, aber die hatte so leckere Sachen gebrutzelt! Da konnte ich nicht widerstehen! Und sie hat mir auch noch was eingepackt.“ „Man, da musst du dich eben mal zusammenreißen! Was machst du? Du lässt dich gehen und frisst wie ein Müllschlucker! Dabei wirst du dick und fett! Das nennst du Teamgeist!“ Schon wieder läuft Max auf Hochtouren. Da meldet sich Fred. Ganz schüchtern wirft er ein, dass da noch jemand fehlt. „Oder stellst du dich ins Tor?“ „Papperlapapp! Der Torwart kommt gleich.“ „Die sacken uns heute ein. Die wollen es zweistellig. Habt ihr gehört, was die in ihrer Kabine gesungen haben? Und dann stehen sie auf Platz drei der Tabelle. Und wir bohren ein Loch ins Untergeschoss! Ohne Torwart sind wir sofort erledigt.“ „Haben wir schon mal einen richtigen Keeper gehabt?“ fragt der Stürmer. „Wartet ab, der Torhüter kommt gleich. Ich habe einen Neuen verpflichtet. Einen, der wirklich die Torschüsse parieren kann. Einen Profi!“ sagt Max etwas stolz. Doch auch er macht sich Sorgen. In wenigen Minuten ist Anstoß. Weder Emmi noch Toni sind zu sehen. „Los raus, wir müssen auf den Platz!“ ordnet er fassungslos an. Er ahnt, was da heute auf die Mannschaft zukommt.

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Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Zwischen Alltagswahn und Fankurve

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.

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Im Deutschen Fußballverband überlegt man gerade, in den unteren Ligen mit weniger Spielern pro Mannschaft anzutreten. In zahlreichen Vereinen gibt es einfach zu nicht genügend aktive Fußballer.