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Ansichtskarten sind out! Briefeschreiben ist verpönt. Heutzutage wird alles am Computer oder mit dem Smartphone erledigt. E-Mail, Twitter, Facebook & Co. sind angesagt. Damit sind wir immer und überall zu erreichen. Außer, wenn wir in den Kommunikationsstreik treten. Das kommt allerdings sehr selten vor. Dann befürchten alle gleich mitleidsvoll, dass den Streikposten eine ganz furchtbare Infektion heimgesucht hat. Hoffentlich ist die nicht ansteckend. Wird er gesund oder rafft sie ihn darnieder? Wann endlich ist er wieder online?

Lernen die Kinder in der Schule überhaupt noch die Schreibschrift? Was soll aus der Menschheit nur werden, wenn es so weiter geht? Heute wird alles in den Computer eingetippt. Die Rechtschreibprüfung passt auf, dass uns keine Schreibfehler unterlaufen. Der Rechner schlägt das richtige Wort vor, bevor wir es fertig getippt haben. Na gut, statt ‚Urinstinkt‘ schlägt er vielleicht auch mal ‚Urinstein‘ oder ‚Urin stinkt‘ vor. Und wir übernehmen das, ohne es zu bemerken. Dann steht womöglich im Brief an die hübsche Blonde „Liebste! Mein Urinstein sagt mir, dass wir Beide…“. Das ist natürlich blöd und ziemlich kontraproduktiv. Wie ich Bill Gates kenne, hat er dieses Problem längst erkannt. Unsere Urenkel werden ihre Liebe mit ‚Loveword 2057‘ offenbaren.

Die Urenkel? Weshalb nicht schon wir? Schließlich leben wir mitten am Anfang des dritten Jahrtausends! Wozu gibt es im Internet die vielen Liebesbriefgeneratoren? Ich habe spaßeshalber zwei davon ausprobiert. Links ist ein mögliches Resultat zu sehen. Weiter unten stehen Weitere.

Das Ergebnis sieht auf den ersten Blick ganz manierlich aus! Jetzt müsste man das nur noch mit roter Tinte auf ein weißes oder rosarotes Blatt Papier pinseln, vielleicht ein Herzchen dazu malen und der Angebeteten unters Kopfkissen schmuggeln. Doch irgendwie ist mir dabei nicht wohl zumute. Wie reagiert meine Frau auf so etwas? Die Gefahr einer Blamage scheint mir einen Hauch zu groß. Ich werde ihr lieber meine ganz persönliche Variante ins Ohr flüstern.

Statt einer mehr oder weniger miserablen Handschrift haben wir heutzutage die Auswahl zwischen hunderten Designerschriften. Eine ist steriler als die Andere. Für die tägliche Kommunikation im so sexy, kreativ und einheitsgrau möblierten Büro ist das sicher eine gute Lösung. Aber der Brief an die Geliebte…  Wenn Mr. Johann W.v.G. der Frau von Stein seine Liebesschwüre per Word mit der Schrift Arial 12 geschrieben hätte, wäre er bestimmt schon nach fünf Minuten abgeblitzt. Das waren Zeiten, damals!

Oh je, was für eine Qual, als ich in der Schule immer schönschreiben sollte. Es war eine nicht enden wollende Qual. Zuerst sollte ich die Buchstaben ordentlich zu Papier bringen. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen. Dann quälte sich die Lehrerin, die mein Gekrakel lesen und bewerten musste. Schließlich flatterte der Bumerang zu mir zurück, traf mich mit voller Wucht. Ich hatte die entsprechende Zensur nervlich zu verkraften. Die Note auf mein Geschmiere hat mich absolut kalt gelassen. Ich war ein MANN, ein Mann im zweistelligen Alter! So etwas war ich längst gewohnt. „Soll die Lehrerin ihren Kram gefälligst selber ordentlich schreiben!“ Unter jeder Klassenarbeit stand ‚Inhalt: 1 oder 2‘ und  ‚Form: 4 oder 5‘. Das ist doch super! Der Schüler hat einen guten Aufsatz, eine perfekte Mathe- oder Physikarbeit abgeliefert! Die Heisenbergsche Unschärferelation wird nicht schärfer, wenn sie mit schnörkellosen Schriftzügen notiert wird. Mein Problem war immer die Beichte zu Hause. Zum Glück ist die Schrift meines Vaters eher nicht von der ordentlichen Sorte. Bei meiner Mutter sieht das ganz anders aus. Sie hat die typische Mädchenhandschrift, ein Schriftzeichen ist schöner als das andere. Mir ist bis heute unklar, wie man solch eine Handschrift bekommen kann.

Buchstaben sind so eigenwillig, frech, zappelig und unverschämt individuell. Jedes einzelne ‚A‘ sieht anders aus. Vom ‚B‘, dem ‚C‘ und den anderen Lauten samt ihrer kleinen Geschwister will ich gar nicht erst reden. Die Letter sind echte Persönlichkeiten. Sie strahlen eine Aura aus, haben Charisma, sind absolut einzigartig. Die können gar nicht gleich sein! Das geht wirklich nicht und die noch so gebildeten Lehrer kapieren das einfach nicht!

Es gibt dicke und dünne Buchstaben, lange und kurze, gerade und krumme, windschiefe nach links und windschiefe nach rechts, zu hoch gehängte und zu tief sitzende und, und, und… Und dann noch alle denkbaren und undenkbaren Kombinationen daraus. Mann steht zu seiner Sauklaue und Frau ebenfalls. Wenn es sein muss, sollte man sich mit seiner typischen Mädchenhandschrift outen! Es gibt Schlimmeres. Den mitleidsvollen Blick und die Bemerkung „Du hast aber eine gute Schrift!“ verkraftet man schon, irgendwie und im Laufe vieler Jahre. Auch solche Menschen können es im Leben zu etwas bringen. Nicht jeder kann Doktor oder Professor werden.

Trotzdem und gerade deshalb ist ein handgeschriebener Brief etwas ganz Besonderes. Er ist nicht nur ein Unikat. Er spiegelt die vorzügliche Achtung, Freude, vielleicht auch Liebe des Schreibers wider. Er zeigt, dass er sich nicht zu schade ist, das Mehr an Aufwand für einen eigenhändig geschriebenen Brief auf sich zu nehmen. Er macht sich sogar über die Rechtschreibung Gedanken. Er kann nicht so einfach einen misslungenen Satz löschen. Er muss dazu stehen oder den Zettel zerknüllen und von vorn beginnen. Er hat sein Köpfchen richtig und höchstpersönlich angestrengt.

Was lehrt uns das? Ganz klar, wir müssen kämpfen. Kämpfen wir für die Erhaltung des individuellen Geschreibsels.

Rettet die Handschrift!

Handschrift

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N.B.: Knaben, die von ihrer Liebsten eine Abfuhr einstecken, gar eine kräftige Klatsche riskieren wollen, dürfen die Muster der Liebesbriefe gerne verwenden.