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Isländische Mausefalle

Isländische Mausefalle

Die Kleinen haben es nicht leicht. Ständig wird obendrauf gehauen. Weil sie so lütt sind, können sie sich kaum wehren. Weglaufen wäre möglich. Wie stehen sie dann da? „Memme!“, „Feigling!“, „Hosenscheißer!“ – das sind noch die humanen Varianten der Rufe, die ihnen nachhallen.

Die Kleinen sind hart im Nehmen. Insgeheim schwören sie jedoch Rache. Die wird furchtbar, gnadenlos und grausam sein. Die Boulevardblätter werden titeln „Rettung für die Welt: Klitzekleiner Zwerg erschlägt riesengroßen Riesen!“. Wenn die Kleinen nur wüssten, wie sie es anstellen können. Die Großen sind doch so groß. Da kommt man kaum heran. Und – sie sind stark!

Dieses Problem hatten schon die Urisländer. Die waren eher klein von Wuchs. Das karge Land, der dunkle Winter, das ständige Islandtief, die Elfen, Trolle und dreizehn Weihnachtsmänner haben ihnen das Leben schwer gemacht. Da blieb nicht viel Zeit zum Wachsen. Der eigentliche Problemfall sind damals die kleinen Mäuse gewesen. Diese Biester hatten einen Hunger, für den das Wort ‚riesengroß‘ einfach nur klitzeklein ist. Schwuppdiwupp war die Ernte vom letzten Jahr weggefuttert. Übrig bleibt nur eine kümmelähnliche Spur ins isländische Nirgendwo.

Aber Isländer wären nicht Isländer, wenn sie nicht schlau wären. Weglaufen kommt nicht infrage. Schließlich sind sie ja erst kürzlich, so im 9. Jahrhundert, auf ihre Insel gekommen. Sie haben, so ganz auf die Schnelle, eine höchst effektive Waffe gegen die verfressenen Mäuse entwickelt. Wenn eine Maus den Köder mit leuchtenden Augen gesehen hat, sich gefräßig auf ihn stürzte und ihn verschlingen wollte, hat es einen fürchterlichen Knall gegeben. Die Isländer sind vor Schreck und lachend allesamt und zugleich aus dem Bett gefallen. Im Kerzenlicht haben sie einen Freudentanz vollführt. Wieder war eine Vielfraßmaus platt wie eine Flunder. Nein, sie war flach wie eine hauchdünne Briefmarke. Und das war dann der Anlass für ihre nächste Erfindung, die isländische Post. Dank der zu Postwertzeichen verarbeiteten Mäuse sind die Isländer nicht ausgestorben. Sie hatten immer zu essen. Sie konnten sich sogar ganz liebe Liebesbriefe schreiben. Der Posttroll hat sie nachts in die Briefkästen gesteckt. Trotzdem haben sie sich nur langsam vermehrt. Ganze 320.000 Exemplare gibt es heute von ihnen. Das ist nicht viel. Wenn man nicht gerade in ihrer Hauptstadt ist, muss man schon ein Weilchen suchen, bis man einen gefunden hat. Aber dafür gibt es auf ihrer Heimatinsel massenhaft Schafe, Trolle, Vulkane, Gegend, Puffins, Erdbeben, Bankenkrise, beheizte Bürgersteige und dickes, fettes, superweiches Moos.