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Ich will es nicht leugnen. Ich war mal ein kleiner Junge. Ich war ein ganz, ganz lieber, kleiner, süßer Junge. Zumindest meistens, manchmal war auch ich ein richtiger Lümmel. Aber das ist alles schon lange her. Es war im letzten Jahrtausend.

Im zarten Alter von drei Jahren kam ich in den Kindergarten. Der war in einer alten, gelben Villa untergebracht. Das Gebäude erschien mir riesengroß. Rings herum gab es eine niedrige Mauer mit einem Zaun oben drauf. Auf dem Hof befanden sich ein Sandspielkasten, eine Spielwiese, eine Rutsche, … alles, was im letzten Jahrtausend zu einer richtigen Kita dazugehört hat. Direkt neben der Kindergartenvilla stand eine Schulhortvilla. Dort wurden nachmittags die Schulkinder der ersten bis vierten Klassen betreut.

Am späten Vormittag kamen die Schüler aus ihrer Schule anmarschiert. Sie gingen an unserem Kindergarten vorbei in Richtung des Schulhorts. Wenn wir auf dem Hof spielten, riefen sie durch den Zaun

Kindergarten – Schweinebraten,
hat die ganze Welt verraten!

Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen! Das war die absolute Frechheit! ‚Schweinebraten‘ war ja gerade noch zu verkraften. So ein Stück Fleisch ist schließlich eine leckere Angelegenheit. Aber die ‚Welt verraten‘, das kam für uns natürlich nicht infrage! Sofort rannten wir zum Zaun. Wir haben uns auf die Mauer gestellt und durch den Maschendrahtzaun gerufen

Erste Klasse – Nuckelflasche!
Zweite Klasse – Untertasse!
Dritte Klasse – Luftballon!
Vierte Klasse fliegt davon!

Unsere Kindergartenerzieherinnen haben uns natürlich sofort vom Zaun weggescheucht und geschimpft. Wenn sie mal nicht zur Stelle waren, so eine Kindergartentante hat ja immer mal etwas ganz Wichtiges zu tun, fand sich bestimmt ein Kind, das dies später verraten hat. Da waren wir logischerweise furchtbar sauer. Diese Empörung haben wir mit diesem Spruch zum Ausdruck gebracht

Petze, Petze ging in den Laden,
wollt für ‘n Sechser Käse haben,
Sechser Käse gab es nicht,
Petze, Petze ärgert sich.
Ärgert sich die ganze Nacht,
hat vor Schreck ins Bett gemacht.

Vor allem die letzte Zeile hat an der Ehre der Petze genagt. In unserem Alter hat natürlich niemand mehr ins Bett gemacht. Höchstens unseren Puppen und Teddybären kann das Mal passiert sein. Und das auch nur, wenn sie sich nicht wohlgefühlt haben, gar erkrankt waren. Für diese Fälle gab es einmal wöchentlich im Fernsehen beim Abendgruß des Sandmanns eine kostenlose Beratung. Frau Puppendoktor Pille mit der großen, klugen Brille wusste auf alle Fragen der Puppen- und Teddymuttis und –vatis die passende Antwort. Es gab immer sehr grundlegende und wichtige Tipps und Lebensweisheiten. Wir Kinder sollten uns die Hände regelmäßig waschen, viel an der frischen Luft spielen, unsere Essensportionen aufessen, die Zähnchen täglich putzen, … Das wurde uns anhand der Puppen- und Teddykinder verklickert. Deren Wohlergehen war das angebliche Ziel der Sendung. Aber über den Umweg der Puppen und Teddys waren auch wir Kinder über alle Fährnisse des Lebens und die passenden Vermeidungsstrategien im Bilde. Zum Gebrauch von Computer, Facebook und anderen Annehmlichkeiten und Lasten der Neuzeit gab es keine Ratschläge. Das war längst noch nicht im Fünfjahrplan der wichtigen Erfindungen der Menschheit aufgeführt.

Verabschiedet hat sich die Frau Doktor immer mit dem Spruch

Hast du Kummer, hast du Sorgen,
schreib gleich morgen
an Frau Puppendoktor Pille,
mit der großen, klugen Brille!

Irgendwelche superschlauen Eltern sind daraufhin auf die Barrikade gegangen. „Eine Brille kann nicht schlau sein!“, meinten sie. Natürlich macht ein Nasenfahrrad nicht intelligent. Aber es reimt sich doch so schön! Schließlich hat man beschlossen, die letzte Zeile ein wenig zu ändern.


mit der großen, runden Brille!

hieß es irgendwann. Wir armen, armen Kinder mussten das also ausbaden!

Auch damals gab es Werbung im Fernsehen. Die Werbesendung hieß dazumal ‚Tausend Tele Tips‘. Das war vor der großen Rechtschreibreform. Deshalb gab es nur ‚Tips‘ mit einem ‚Pe‘. Und tausend Tips waren es ebenso wenig. Wir Fernsehzuschauer wurden von Beginn des Fernsehzeitalters an gnadenlos beschi…

Ich erinnere mich noch an zwei Werbespots. Bei dem einen ging es darum, dass man mit dem Auto nicht zu schnell und vor allem alkoholisiert fahren sollte. Das war bereits damals ein Problem. Deshalb wurde ein Zeichentrickfilmchen mit diesem Spruch vorgeführt:

Ein Bier, ein Schnaps, ein Schnaps, ein Bier,
Kraftgefühl, wer kann mir?
Kein Pflichtgefühl, kein Augenmaß,
stark enthemmt, feste Gas!
Kurve rechts, Kurve links,
dann ein Baum: <bedeutungsvolle Kunstpause> aus der Traum!
Rettungswagen, Polizei,
Krankenlager, Schererei!
Alkohol getrunken – Unglück im Nu!
Bedenke vorher, den Schaden hast du!
Die Rechnung zahlst du in diesem Falle.
Du schädigst dich, du schädigst alle!

Den Text werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich bin auch noch nie alkoholisiert Auto gefahren. ‚Null Promille‘ lautet meine Devise! Nur selten bin ich ein wenig zu schnell unterwegs.

Der zweite Werbespot kommt mit einem Lied daher.

Baden mit BaDuSan, BaDuSan, BaDuSan…

Ich singe es lieber nicht vor. Sonst rennen alle Leser weg, ganz weit weg. Und ich werde als rostige Mülltonne abgestempelt. Das möchte ich natürlich weder für meine Leser noch für mich selbst. BaDuSan war ein Schaumbad für Kinder. Es war in Plastikflaschen, welche die Form von Enten, Schiffen, Fischen, … hatten, abgefüllt. Diese farbigen Behälter haben sich, wenn sie leer waren, ganz wunderbar als Spielzeug in der Badewanne geeignet. Ich war ein begeisterter Badewannenmitschiffchenundentenundfischenspieler.

Beim Spielen mit den Freunden mussten wir natürlich abzählen, wer irgendetwas tun soll. Beispielsweise, die anderen Kinder suchen. Da wurde gerne dieser Abzählreim genutzt.

Eene meene mopel,
Wer frisst Popel?
Wer frisst Dreck?
Der ist weg!
Weg bist du noch lange nicht,
sag mir erst, wie alt du bist!

Antwort: sechs

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.

Und ruckzuck war die Wahl entschieden. Das mit dem ‚Popel‘ und dem ‚Dreck‘ war natürlich nur wegen des Reims. Und, weil wir es toll fanden, solche Wörter, heimlich, ohne dass es Erwachsene mitbekamen, auszusprechen. Kinder waren auch damals schon ein wenig schlitzohrig. Heute grinsen die Kinder darüber nur müde. Die kennen ganz andere Wörter und Redewendungen. Ihre Eltern würden sofort und total hektisch die feuchten Reinigungstücher zwecks prophylaktischer und gründlicher Desinfektion ihrer Lieben zücken. Popel und Dreck, das geht in dieser reinlichen Zeit gar nicht mehr!