Schlagwörter

, , , ,

Vor wenigen Tagen bin ich nach der Arbeit zum Frankfurter Weihnachtsmarkt getigert. Mir war einfach danach, den Duft und Klang von Weihnachten zu spüren. Ich benötige Inspirationen für ein paar Kleinigkeiten, die meine Geschenke abrunden sollen. Irgendwie ist mir das alles noch zu eckig.

Am Eisernen Steg geht es los. Der große Weihnachtsbaum auf dem Römer strahlt von Weitem. In diesem Jahr sieht er etwas sonderbar aus. Die obere Hälfte funkelt in kaltweißem Licht. Untenherum leuchten die Lampen in warmweiß. Hat das Geld für eine Vollausstattung mit LED etwa nicht gereicht? Hatte der Händler Lieferengpässe? Es schaut jedenfalls ungewohnt aus. Aber es gibt wirklich Schlimmeres. Das Schlimmste ist das Gedränge. Müssen ausgerechnet heute alle Frankfurter auf den Weihnachtsmarkt strömen? Es ist ein wahnsinniges Geschiebe und Gewimmel. Mitten drin eine Omi mit ihrem Enkelkind im Kinderwagen. Das Kind sieht nur eine Wand dunkler Mäntel, die sich wallend vorbeischieben. Jeden Moment könnte jemand über den Wagen stürzen. Der Sprössling schaut ängstlich. Er traut sich nicht einmal, empört zu schreien. Soll ich es für ihn tun? Ihm muss der Weihnachtsmarkt als etwas sehr Bedrohliches vorkommen.

An allen Ecken riecht es anders. Bonbonstände verbreiten ein angenehmes Aroma. Vor den unendlich vielen Glühweinständen stehen trunkene Menschentrauben. Duft heißen Glühweins liegt in der Luft. An manchen Buden könnte man meinen, die Glühweinmaschine ist schon mehrere Monate lang ununterbrochen in Betrieb. Irgendein unterschwellig muffigsüßes Bouquet streicht an meiner Nase vorbei. Ich habe keine Zeit, mich darauf zu konzentrieren. Ich muss aufpassen, niemanden mit Glühweintasse in der Hand anzustoßen. Eine Ladung des heißen Weihnachtsstöffchens auf den Klamotten kann ich nicht gebrauchen.

Beinahe wäre ich mit einem verängstigten Hund kollidiert. Seine Schnauze ist genau in Höhe meines rechten Knies. Au Backe, wenn der sich bedroht fühlt und durchdreht. Ich fühle mich auch bedroht. Durchdrehen ist in diesem Gedränge keine gute Option. Die Gefahr, dass ich Jemanden ins Knie beiße besteht nicht. Hoppla, fast wäre ich auf einen Hamster getreten. Es ist eine Art Mops – das bratwurstknabbernde Frauchen. Der Hamster ist auch eine Art Mops, gleicht einem dicken, asthmatischen Wolf en mi­ni­a­ture. Oder ähnelt er eher einem verunglückten vietnamesischen Minihängebauchschwein? Wie kann man solche armen Würste hier an der Leine laufen lassen? Aus der Froschperspektive, besser gesagt aus der Mopsperspektive, aus der Perspektive des Tiers, nicht der des Frauchens, erscheint so ein Weihnachtsmarkt noch schrecklicher, als er tatsächlich ist.

Überall erklingt eine andere Weihnachtsmusik. Das ist ein schönes, grausiges Durcheinander. Aber es scheint allgemein Zustimmung zu finden. Ringsumher stehen futternde, schwatzende Menschentrauben. Meine Inspiration habe ich noch nicht gefunden. Also heißt es für mich, weiter gehen, quer durch die Menschenmassen.

So, der Römer ist mühsam überquert. Meine Pudelmütze steckt längst in der Tasche. Mir ist richtig warm geworden, obwohl ich nichts geleistet habe. Das nächste Ziel ist erreicht. Auf dem Paulsplatz bilden hunderte Buden mehrere parallele Gassen. Das ist übersichtlich. Leider gibt es hier keine Verkehrsregeln. Wenigstens Rechtsverkehr wäre angebracht. Einbahnstraßenschilder würden puren Luxus bedeuten. Ich schlendere durch die Reihen. Dabei kollidiere ich immer wieder mit irgendwelchen Leuten. Alle schauen etwas weihnachtlich genervt. Aber ein Weihnachtsfest ohne ausführlichen, vielleicht sogar mehrmaligen Weihnachtsmarktbesuch ist natürlich nicht erlaubt. Das könnte der Rotmantel womöglich übel nehmen.

Klimbim, viel Unnützes, Kerzen, mächtig und unangenehm riechende Seifen, Staubfänger verschiedenster Art, Haushaltsartikel, Mützen und Handschuhe sind die wichtigsten Artikel der weihnachtsmarktlichen Non-Food-Abteilung. Zwischendurch immer wieder Glühwein, Glühwein und Glühwein. Und zur Abwechslung mal eine Glühweinbude. Dann ein Stand mit Köhlerküssen. Früher, als ich ein kleiner Junge war, hießen die Negerküsse und waren genauso lecker. Das geht heutzutage nicht mehr. ‚Köhler‘ ist der Name der Herstellerfirma. Nur weil diese Küsschen so gut schmecken, viel besser als die Küsse anderer Hersteller, erwähne ich den Namen dieser Leckerei. Letzte Woche, da war ich bereits einmal hier, habe ich mir solch ein süßes, klitzekleines Kalorienbömbchen gegönnt. Heute bin ich eisern. Ein Stand mit riesigen Tüten voller Popcorn ist am Ende dieser Gasse. Wer soll die vertilgen? Sie würden sich als biologisch abbaubare Füllung für die Weihnachtspäckchen mit empfindlichen Geschenken gut eignen. Hinterher bekommen die Meerschweinchen der Nachbarin das Zeug zum Nestbau und zum Futtern.

Nun unternehme ich einen Abstecher in die Paulskirche. Das mache ich in jedem Jahr so. Dort zeigt der BBK Frankfurt Arbeiten seiner Künstler, also im Wesentlichen Malerei, Grafik und Plastik. Das ist immer nett anzusehen, keine Spitzenkunst. Doch es gibt interessante Werke. Mir macht es Spaß, hier reinzuschauen. Je kälter es draußen ist, desto intensiver schaut man sich die Kunstwerke an. Diesmal ist es temperaturmäßig erträglich. Ein paar Visitenkarten habe ich eingesteckt, um später im Internet noch einmal zu schauen.

Die nächste Gasse wird angepeilt. Es gibt – na was – das Übliche. An manchem Stand bleibe ich stehen. Ich suche die Inspiration. Eine, für die ich möglicherweise Geld ausgeben würde. Besser und preiswerter wäre das Nachbauen. Ich markiere also den DIY-Weihnachtsmann. Überall liegt viel Kitsch herum. Es ist teurer Kitsch, der garantiert noch vor Weihnachten in irgendeiner Ecke landet oder der Lieblingskollegin, vielleicht auch dem Chef beim Julklapp untergejubelt wird. Das gibt eine Freude! So soll es sein! Bald ist Weihnachten!

An einem Stand für Glasartikel beobachte ich eine Kundin. Der Verkäufer biete ihr etwas an, stellt aber fest, dass er das Teil gar nicht mehr vorrätig hat. Ist das sein Trick? Stattdessen schwatzt er ihr ein doppelt so teures „handgeblasenes Weinachtsengelchen“ auf. Den Gag hat die Dame nicht kapiert. Ich scheine wohl den Anflug eines Lächelns zu zeigen. „Waren sie nicht schon einmal hier?“ spricht mich der Verkäufer an. „Jetzt bin ich also dran.“, denke ich innerlich stöhnend. „Mal sehen, was er mir aufschwatzen will.“ Schnell gibt er der Dame das Wechselgeld raus. „Nö!“, sage ich. „Das muss einer von meinen drei Doppelgängern gewesen sein.“ Wenn sich vier Leute zum Verwechseln ähneln, nennt man die dann auch Doppelgänger? Müssten die nicht ‚Vierfachgänger‘ oder wenigstens ‚Vierlinge‘ heißen? Ich weiß es nicht. „Ich bin mir nur nicht sicher, welcher von diesen Doppelgängern ich bin.“ „Ja, das ist die Frage der Fragen!“ entgegnet der Verkäufer lachend. Ja, wo er recht hat, da hat er recht. Der ist ja ein richtig schlaues Kerlchen! „Das Problem ist nur, dass einer von denen ein ganz heimtückischer Kleptomane ist. Der lässt sich in ein Gespräch verwickeln und schwuppdiwupp ist der Ladentisch leer und die Kasse hat Beine bekommen.“ „Aber Sie sind doch bestimmt einer von den Anderen?“ „Wer weiß, das ist jetzt, wie russisches Roulette! Wenn Sie nachher Feierabend machen, sehen sie die Bescherung oder auch nicht.“ Zum Glück interessieren sich zwei junge Frauen für irgendwelchen Kram von ihm und ich kann meinen Weg fortsetzen.

Nach einer halben Stunde stehe ich auf der Zeil, Blickrichtung Roßmarkt und marschiere gemütlich heim. Es war ein erfolgreicher Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Einer Inspiration bin ich nicht begegnet. Aber ich habe viel Geld gespart. Keinen einzigen Cent bin ich losgeworden. Das macht mir von den tausenden Weihnachtsmarktbesuchern so schnell niemand nach! Ob der kleptomanische Doppelgänger meinem freundlichen Verkäufer einen Besuch abgestattet hat?

Ganze 9385 Schritte bin ich gelaufen. Knapp unter der magischen Zehntausendergrenze. Ich hätte nicht gedacht, dass es heute so viele werden. Aber mein vollelektronischer, computergesteuerter, NSA-überwachter Schrittzähler ist unbestechlich und genau wie eine Wettervorhersage. Meine korrigierte optimistische Schätzung liegt mindestens bei zwanzigtausendunddrei. Das macht Mut und ersetzt die beste Brigitte-Diät. Zu Hause leiste ich mir ein ordentliches Abendbrot: Wurststulle und Kräutertee.

War das ein harter Tag heute!