Schlagwörter

, , , , , ,

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Jedes Mal, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, führt mich der Weg in den großen Buchladen. Der ist genau dort, wo sich die Einkaufsmeilen kreuzen. Eigentlich suche ich im Moment kein spezielles Buch. Aber gucken kann man ja mal. Meine Straßenbahn ist mir sowieso gerade vor der Nase weggefahren. Da habe ich etwas Zeit gewonnen.

Ich ärgere mich regelmäßig, dass die Abteilungen für Esoterik, Kochbücher und dazu passende Schlankheitskuren sowie ähnlicher Kram immer größer werden. Haben die Menschen nichts Vernünftiges mehr im Sinn? Ist das dem Zeitgeist geschuldet? Eigentlich müssten in jedem Haushalt mindestens fünfundzwanzig Kochbücher und siebzehn Schlankheitsberater herumstehen. An die vielen Kochrezepte, die jedermann aus Zeitungen und Zeitschriften ausschneidet oder bei Kochshows im Fernsehen mitschreibt, will ich gar nicht erst denken. Die kullern sowieso irgendwo herum, wo wir sie weder vermuten noch jemals wiederfinden. Gibt es überhaupt so viele Rezepte, wie Kochbücher? Müssten wir alle nicht längst mindestens Dreisterneköche sein? Das würde echt langweilig werden. Wir hätten viel weniger zum Meckern.

„Och, schon wieder Nudelsuppe!“ wäre total out. Stattdessen säuseln wir

„Ohhh, wie lecker, ein Süppchen á la Posemuckel mit Krummnudeln aus dem vollen Korn, Selleriefäden und Brühe vom Jungborstenvieh, verfeinert mit einem süßen, pimentbestäubten Sahnehäubchen und krossen Würfeln von weißem Brot nebst halbtrockenem ‘93er Knobelsbacher Katzenkräuselriesling vom Südsüdwesthang des Mt. Ekelsberg bei Kleinkleckersdorf an der kleinen Klutsche.“ Selbst die berühmt-berüchtigten Imbissketten müssten sich anstrengen, um mit ihren lauwarmen, weichlichen Brätlingskäseschrippen wenigstens einigermaßen im Niveau mithalten zu können. Aber das alles ist wohl eher in die Kategorie Tagtraum einzuordnen. Hunderttausend Tonnen Kochbuch heben die Klasse dieser Schnellimbissetablissements nicht einmal um einen Millimeter an. Und wir selbst kochen auch die wenigsten Rezepte nach. Klassik siegt über Innovation, Trend und Experimentierfreude.

Mein Weg führt mich in den Bereich mit den Büchern zur Fotografie. Der wird immer kleiner, ich muss suchen. Na gut, der Markt scheint gesättigt. Die Verkaufszahlen für Digitalkameras unterschiedlicher Art gehen ja angeblich nach unten. Wer sich für technischen Kram interessiert, ist auch eher Kunde bei den bekannten Internetportalen. Publikationen über Kunst im Allgemeinen oder Speziellen findet man nur wenige. Die sind unendlich teuer und deshalb auch kaum begehrt. Was ist Kunst überhaupt? Etwa das, was in diesen Büchern steht? Dafür entdeckt man Reiseführer und Wörterbücher in großen Mengen.

Einen schönen Wandkalender kann ich noch gebrauchen. Aber die überhöhten Preise, die man verlangt, möchte ich nicht bezahlen. Die 12 Bilder werden nach einem Jahr sowieso entsorgt. Ja, ich weiß, die armen Fotografen, die mit dem alljährlichen Verkauf von Kalenderbildern ihr Leben fristen, sind auf jeden Cent angewiesen. Die bekommen vom Verkaufspreis höchstens einen halben, maximal einen dreiviertel Groschen ab. Der große Rest ist Verlagsgewinn. Also hoffe ich, leider vergebens, auf Sonderangebote. Die gibt es bestimmt Ende Mai, kurz bevor die tausend Kalender für die nächste Saison in die Regale kommen. Eine Leidensgenossin, die neben mir steht und mit verträumtem Blick einen Katzenkalender durchblättert, seufzt enttäuscht, als sie den Preis sieht. Ganz lapidar sagt sie zu ihrem Begleiter, dass der Kalender vom vorletzten Jahr wohl noch ein weiteres Mal recycelt werden muss. Irgendwann passen Kalendarium und Jahr wieder zusammen. Das ist ein echt epochemachender, ökologisch durchdachter Gedanke. Dahinter steckt bestimmt auch eine kluge, regelrecht geniale Geschäftsidee! Wenn ich ein paar Tage jünger wäre … Aber wahrscheinlich würde dann die Kalendermafia Amok laufen und mich möglicherweise abmurksen. Nein, da bleibe ich lieber bei meinen Leisten. Oder ich bastele mir meinen eigenen Kalender? Bilder finde ich in meinem Archiv mehr als genug.

Als ich das Kalenderregal enttäuscht umrundet habe, stehe ich plötzlich mitten in einem eingezäunten Areal. Hier sieht es aus, wie auf dem Flughafen vor den Abfertigungsschaltern mit den mobilen Absperrbändern. Es ist nur ein wenig kleiner. Wahrscheinlich landen im Buchladen noch keine 380er Airbusse. In der Mitte steht ein Tisch mit einer etwas schlappen Blume drauf. Zwei große Rollwände mit Buchladenwerbung bilden den rückwärtigen Abschluss. Das Licht ist muschebubu, ein Spot ist auf den Tisch gerichtet. Und am Eingang zu diesem Ladenbereich schlängelt sich dicht gedrängt eine vielleicht fünfzehn Meter lange Menschentraube. Warten die auf mich? Soll ich mich hinter den Tisch stellen? Wo bleibt der Applaus? Warum kreischen die Damen nicht augenblicklich? Wenigstens fällt auch keine in Ohnmacht, als sie mich sehen. Das beruhigt mich ungemein. So etwas würde mich wahrscheinlich mächtig aufregen. Wiederbelebungsversuche, Blaulicht, Notarztwagensirene, medizinisches Personal mit Einmalmütze und Mundschutz, Geruch von Desinfektions- und Betäubungsmitteln, Operation am offenen Herzen direkt zwischen den Bücherregalen, links Krimi und rechts Midlife-Crisis, Blutlachen, … Und ich bin an alldem schuld! Nein, das möchte ich nicht durchleben. Bestimmt lauern sie auf jemand anderes. Ich drängle mich seitwärts an dieser Schlange vorbei. Niemand nimmt von mir ernsthaft Notiz. Einige besorgte Blicke treffen mich. Ich ahne die Gedanken „Will der sich etwa vordrängeln? Na warte, dann kannst du aber etwas erleben!“ Ich stehle mich davon. Weiter hinten im Laden lese ich auf einem Plakat, was hier demnächst stattfinden wird. Schon in knapp zweieinhalb Stunden kommt einer von den sieben Zwergen, der größte und älteste, der mit den vielen Falten, der kratzigen Stimme und der ledernen Rockerweste, ein gewisser Peter M., hierher. Er soll Autogramme geben. Na dann wünsche ich fröhliches Warten! Ich schleiche mich langsam davon, über sieben Brücken …

Etwas Ähnliches habe ich mal in einem Einkaufszentrum, hier ganz in der Nähe erlebt. Das ist bestimmt schon zwei Jahre her. Da drängelte eine riesige Menschentraube, überwiegend junge Frauen, wie die Verrückten in einem Schuhladen. Ich dachte, dass da neue Schuhe angeboten werden. Frauen und Schuhe, das ist ja das Mysterium des Jahrtausends. Da hätte ich mich nicht gewundert, wenn die anfangen, sich um die Treter zu kloppen. Aber es kam noch schlimmer. Man glaubt kaum, dass dies möglich ist. Ich bekam dann mit, dass dort im Schuhladen gerade die Autogrammstunde einer blonden Superfrau stattfindet. „Upps … blond, Superfrau?“ dachte ich begeistert. „Verpasse ich etwas? Weshalb hat mir niemand Bescheid gesagt? Wieso interessieren sich nur Frauen für diese Superfrau? Das ist verdächtig!“. Die männlichen Hormone in mir beginnen langsam zu überlegen, ob sie anfangen sollen, darüber nachzudenken, ob nicht mal in einer Betriebsversammlung besprochen werden sollte, bei Gelegenheit in mir verrückt zu spielen. Sicherheitshalber fahre ich mit der Rolltreppe eine Etage höher. Hier hat man einen guten Überblick, kann in den Schuhladen hinein schauen. Welche ist denn nun diese blonde Superfrau? Da sind so viele blonde, …

„Iss‘n da los?“ frage ich eine Dame, die sich neben mir auf das Geländer stützt und wissend runterschaut.

„Da ist eine Autogrammstunde!“ werde ich belehrt. Katzenmeier, Katzenbauer, Katzenirgendwas oder so ähnlich wäre ihr Name. Ich konnte mir nur Katze merken. Wie sie genau heißt, habe ich zwischenzeitlich leider zum Glück und sehr schnell vergessen. „Die müsse ich doch schließlich kennen!“ lese ich an den Augen der Dame ab. „Hat die was erfunden, Schuhe, die niemals drücken, Schuhe, die garantiert duftneutral sind? Hat die jemanden gerettet, vielleicht die Menschheit? Hat die was Tolles gemacht, ein Schuhbuch geschrieben?“ frage ich mich. Wahrscheinlich gucke ich etwas bedeppert. Sie sagt noch zu mir

„Das ist doch die aus dem Fernsehen!“ Ich sehe Begeisterung aus ihre Augen sprühen. Sind da nicht sogar Ansätze von Freudentränen zu erkennen?

„Meine Tochter ist fast dran. Die steht ja so auf die … (Name vergessen).“

„Nee, kenne ich nicht. In meinem Fernseher ist die nie gewesen.“ Schnell weg, das scheint eine gefährliche Katzenseuche zu sein. Die ist bestimmt auch noch ansteckend, wie es ausschaut!

N.B.: Wie der Regierungssprecher für allgemeine und spezielle Katzenfragen, Emil der Große kürzlich in seinem Blog verraten hat, plant die GroKo, demnächst ein neues Katzengesetz zu erlassen. Nach Ansicht der Bundesregierung gibt es im Internet einfach zu wenige Katzenbilder. In dem Gesetz soll jeder Blogger verpflichtet werden, mindestens einmal im Jahr ein Katzenbild zu veröffentlichen. Dadurch hofft man, die NSA auf die falsche Katzenfährte, fernab von Angys Handy, zu locken.

Schmusekatze schwarz-weiss

Schmusekatze schwarz-weiss

Damit ich meiner Verpflichtung rechtzeitig nachkomme, hier rechts mein Beitrag zur Verwirrung von GroKo, Kanzlerin und NSA. Aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte des abgebildeten Katzentieres wurden die Barthaare ohne Verwendung eines geshopten Photoverfremders ein wenig retuschiert.