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Am Sonntag wird in Frankfurt ein Hochhaus mit 36 Stockwerken, der AfE-Turm, umgenietet. Es ist dann das höchste bisher in Europa gesprengte Gebäude. Einhundertsechzehn Meter lichte Höhe sollen per Knopfdruck und neunzehn Zentner Sprengstoff einfach und mit Getöse in sich zusammenfallen. Viel ist von dem Teil jetzt schon nicht mehr übrig. Das gesamte Innenleben wurde bereits entsorgt. Bis auf die Leute, die dort gelehrt und gelernt haben. Die sind rechtzeitig in ein neues Hochhaus umgezogen. Nur noch ein Gerippe aus Beton steht in der Landschaft. Allerdings ist die Landschaft ziemlich eng begrenzt. Ringsherum stehen andere Gebäude. Man hofft, dass dies so bleibt. Sicherlich wird eine dicke Staubschicht alles in einem weiten Umkreis bedecken und zu entsorgen sein.

Damit es nicht gar zu sehr staubt, was auch immer das heißen soll, wurde auf dem Dach des Bauwerkes eine große Menge Wasser deponiert. Das Wasser soll den Staub binden. Das funktioniert dann ungefähr so, wie das lustige Spiel, welches die kleinen Jungs seit Jahrhunderten und mit viel Spaß veranstalten. Sie besorgen sich vom Vater heimlich ein Kondom. Das Spiel geht so: Wasser einfüllen, zuknoten und aus der oberen Etage auf den Fußweg fallen lassen. So einfach ist das. Oma Schulze bekommt einen ausgewachsenen Schreck und einen nassen Hut. Aber wenigstens staubt es von der Hutkrempe nicht mehr herunter und Oma Schulze erleidet keinen Hustenanfall.

Wie das Ganze aussieht, zumindest im Idealfall, kennen wir aus diversen Dokumentationen im Fernsehen. Spätestens nach zehn Sekunden ist alles vorbei. Lediglich die Dreckwolke braucht etwas länger. Schließlich wollen sich die Dreckatome auch die verstecktesten, noch trockenen Winkel zum Ausruhen nach dieser Aufregung aussuchen. So ist das bei dem dann gewesenen Hochhaus und bei Oma Schulze.

Es wird mit vierzigtausend Schaulustigen gerechnet. So viele Leute möchten sich angeblich nicht mit einem Report in der Tagesschau zufriedengeben. Selbst Augenzeuge sein ist etwas ganz anderes als dieser Flimmerkistenbericht. Wer einen guten Platz zum Zuschauen möchte, muss rechtzeitig erscheinen und stundenlang in der winterlichen Kälte ausharren. Dieses Opfer bringt man für die zehn Sekunden dauernde Show gerne. Schließlich wird etwas Besonderes, nicht Alltägliches geboten. Die Beobachter sind an vorderster Front bei diesem Spektakel von der Dimension eines weltpolitischen Großereignisses mit dabei. Sicherheitshalber wird die Umgebung weiträumig abgesperrt. Das ist gut so. Wenn plötzlich eine Betonwand auf die verrückte Idee kommt, ein wenig weiter als erlaubt durch die Luft zu segeln, könnte das böse Folgen haben.

Spannend ist auch, ob der direkt unter dem Gebäude verlaufende U-Bahn-Tunnel unbeschadet bleibt. Zigtausend Tonnen zusammenfallender Schutt erzeugen sicher einen beachtlichen Druck auf den Untergrund. Sicherheitshalber richtet die U-Bahn Schienenersatzverkehr ein, schlimmstenfalls bis zur Wiederinbetriebnahme des Röhre in elf bis dreiundzwanzig Jahren.

„Mach dir keine Sorgen!“, ruft der kleine Ingenieur in mir. „Das haben sich ganz schlaue Leute ausgedacht, alle Eventualitäten berücksichtigt und berechnet. Bestimmt wurde Steven Spielberg oder ein anderer berühmter Regisseur engagiert. In fünf Monaten kannst du den Einsturz in irgendeinem Triller im Kino noch einmal genießen und dich über die vielen Statisten wundern. Der Produktionsleiter reibt sich die Hände. Vierzigtausend Statisten, ein zusammensackendes Hochhaus und das hat alles keinen einzigen Dollar gekostet!“ Der Typ in meinem Ohr ist manchmal echt komisch.

Der Regisseur der Sprengung scheint Liebhaber von Kartentricks zu sein. Er möchte den AfE-Turm mit einer weichen Sprengung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfalten. Bei mir reicht ein klitzekleiner, unvorsichtiger Gedanke und meine bescheidenen Kartenhäuser grätschen auf die Tischplatte. Wenn ich mir vorstelle, dass ich an knapp eine Tonne Sprengstoff denke, dann bleibt weder von den Karten noch von mir ein Atom übrig. Die sind alle in dem schwarzen, verkohlten Loch verschwunden, das Feuerwehr und THW nach langem Suchen ausgraben. Aber ich bin ja auch kein Hochhaus und nicht aus Beton.

Ziemlich nah an der Einsturzstelle freut sich ein Hotel über viele Gäste, welche das Jahrhundertereignis exklusiv bewundern möchten. Denen kam man natürlich mit einem gepfefferten Sonderpreis gerne entgegen. So hat jeder etwas davon, wenn sich die Frankfurter Universität von einem ihrer Häuser trennt. Die Hotelgäste können den Knall und das Getöse des zusammenfallenden Hochhauses direkt aus ihrem Bett, vielleicht mit einem Glas Prosecco in der Hand, genießen. Ist das nicht romantisch! Das könnte doch der krönende Abschluss der Hochzeitsnacht eines jungen Paares sein! Oder Mr. Bond genießt, noch ganz schlaftrunken, den Zusammensturz des Bösen während seine blonde Begleiterin … Ja, was macht sie gerade? Sie bekommt einen mächtigen Schrecken und kuschelt sich verängstigt an die starke Brust ihres Beschützers. Hat mein kleiner, schlauer Freund etwa doch recht gehabt?

Wenn der Schutt weggefahren ist, soll dort etwas Besonderes gebaut werden. In diesem Karree entsteht der sogenannte Kulturcampus. Da kann man gespannt sein.

Wer nicht bis zur abendlichen Nachrichtensendung warten möchte, kann den Einsturz im HR-Fernsehen ab 9:45 Uhr anschauen.