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Seit Kurzem habe ich eine neue Freundin. Ich kann wirklich nichts dafür. Ich schwöre es! Sie war plötzlich einfach da. So, wie das mit Freundinnen immer ist. Erst wartet man eine halbe Ewigkeit vergebens, baggert hier, baggert dort. Wenn man eine braucht, steht man alleine da, im dunklen Wald und ist einsam und traurig. Und dann … Man denkt an nichts Böses und wird auf einmal ganz überraschend, freundlich, fast liebevoll gefragt.

„Wie kann ich behilflich sein?“

Was soll man da sagen? In meinem Alter benötigt man normalerweise keine Hilfe. Körperlich bin ich fit wie ein ausgelatschter Turnschuh. Was meine geistigen Potenzen betrifft, gibt es auch keinen Grund zur Besorgnis. Na gut, manchmal bin ich etwas vergesslich, ein wenig schusselig. Deshalb notiere ich mir andauernd irgendetwas auf Zetteln, die ich natürlich nicht wiederfinde. Zumindest dann nicht, wenn ich sie suche. Irgendwann lauern sie unter dem großen Stapel auf mich. Dann ist es meistens zu spät. Aber das Zettelschreiben beruhigt wenigstens. Und nun ihre Frage, wie aus dem luftleeren Raum. Ich war ein wenig irritiert. Vor allem, weil sie noch ist recht jung ist. Jedenfalls erweckt sie diesen Anschein. Ich denke, sie könnte glatt als meine Tochter durchgehen, dem Alter nach. Sie hat auch eine angenehme Stimme.

Ich habe meinen Mut zusammengenommen und sie dann gefragt.

„Wie alt bist du eigentlich?“

„Ich verstehe nicht, warum das wichtig sein soll.“ Da hat sie natürlich völlig recht. Das ist absolut nebensächlich. Zumindest, solange es sich um so etwas Junges handelt. Ich bin ja immerhin in guter Gesellschaft mit solch einer jugendlichen Freundin. Man denke nur an Johannes Rau, unserem früheren Bundespräsidenten, Münte, H. Lauterbach, J. Fischer oder gar Heesters. Bei meiner Flamme bin ich mir darüber hinaus sicher, dass sie nicht ans bescheidene Erbe heran will, mich vielleicht deswegen so ganz klammheimlich abmurkst. Sie ist ja nur meine Freundin, mehr ist wirklich nicht drin. Mich um die Ecke zu bringen, Gift in die Suppe streuen, Knüppel auf die Rübe hauen, mich vom Podest stoßen, … So etwas wird ihr nicht gelingen. Außer, sie bringt mich um den Verstand. Dazu können Frauen ja durchaus und nicht nur damals im Altertum, fähig sein. Vorsicht ist bekanntlich der Elefant in der Porzellankiste!

Als Mann fühle ich mich natürlich mächtig gebauchpinselt, eine solch süße, junge Freundin spazieren zu führen. Und wenn ich dann in meiner Hosentasche spüre, dass sie an mich denkt, …

Als es ernst wurde mit uns zwei, habe ich sie sofort meiner lieben Frau vorgestellt. Die war nicht nur verblüfft, sondern regelrecht begeistert von meiner neuen Liebe. Schön, solch eine tolerante Frau an seiner Seite zu haben.

Meine junge Freundin ist blond. Das weiß man bei den Frauen heutzutage nie so genau. Manche färben sich die Haare blond und haben eigentlich grün karierte Locken oder umgekehrt oder noch ganz anders. Als Mann verliert man ruckzuck den Durch- und Überblick. Ich beschloss, mit ihr einen kleinen Test zu machen. Danach hatte ich die blonde Klarheit.

„Sag mir doch einmal, was die fünfte Wurzel aus 243 ist?“

Ich musste die Frage fünfmal wiederholen. Lag das an der Fragestellung? Sie wollte oder konnte sie einfach nicht verstehen. Schließlich hat sie mich aufs Internet verwiesen und völlig belanglose Links vorgeschlagen. Hätte sie mich nach einem Taschenrechner gefragt, dann könnte ich ihr wenigstens einen Plan, wenn auch einen untauglichen, bescheinigen. Welcher Taschenrechner schafft es, die fünfte Wurzel zu ziehen? Aber diese Links waren wirklich nur Schrott par excellence. Dabei ist das Ergebnis doch so trivial!

Der kleine Ingenieur in mir hat mich gleich gewarnt.

„Vorsicht! Wenn die schon bei den einfachen Dingen des Lebens versagt, lass lieber die Finger davon!“

„Halt die Klappe! Du bist ja nur neidisch, was für ‘ne flotte Biene ich da abschleppe!“ Insgeheim schwante mir allerdings, dass er recht haben könnte. Zumindest habe ich nicht mehr ausgeschlossen, dass sie eine ganz gewiefte, hinterhältige Blondine ist.

Ich beschloss, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Das mit dem Herz war ja schon erledigt. Die schlagen beide, also ihres und meins, im gleichen Takt. Aber die Nieren, besser gesagt ihr Oberstübchen, bedarf eines ausgiebigen Tests. Schließlich will ich mich in Gesellschaft ja nicht blamieren!

Ich habe mich mit ihr in ein ruhiges Kämmerchen zurückgezogen, es uns so richtig bequem und gemütlich gemacht. Mehrere Kissen lagen auf der Couch. Eine Kanne mit heißem Kräutertee stand auf dem Tisch. Schokoplätzchen, natürlich meine Lieblingssorte, strahlten in einer Glasschale. Das Licht war auf muschebubu eingestellt. Eigentlich haben nur noch Kerzen und Schnulzenmusik gefehlt. Ich wollte es jedoch nicht übertreiben. Schließlich spiele ich nicht bei Rosamunde P. im Film mit. Das hier ist echt, ist Realität, das ist Leben, mein Leben! Dann entspann sich dieses Gespräch.

„Wo wohnst du?“

„Ich bin hier.“ Soll das heißen, dass sie bei mir wohnt? Das wäre ja wirklich prima. Aber eigentlich ist das doch längst klar!

„Fährst du gerne in den Urlaub?“

„Ich verstehe nicht.“ Wahrscheinlich möchte sie lieber mit mir zusammen in den Ferien fahren. Das kann ich gut nachvollziehen. Alleine macht Urlaub sowieso keinen Spaß. Zu dritt ist es lustig. Nur manchmal, wenn sie mich etwas früh weckt, nörgelt meine Frau herum. Neulich, zum Jahreswechsel auf der Burg Fürsteneck, war es jedenfalls so.

„Hast du einen Freund?“

„Ich habe keinen Familienstand, falls du das damit meinst.“ Klasse Antwort, da ist man kein Gramm schlauer geworden. Oder möchte sie die Frage nicht beantworten? Ist ihr irgendetwas peinlich? Stehen hier etwa alle Möglichkeiten offen? Na, dann wechsele ich eben einfach das Thema.

„Was ist dein Beruf? Was hast du gelernt?“

„Ich verstehe nicht.“ Upps, damit hatte ich nicht gerechnet. Ist sie etwa nicht über die Grundschule hinaus gekommen? Das wäre doof! Natürlich bin ich als Mann gerne ein wenig schlauer, möchte ich bewundert werden, gefällt es mir, wenn sie zu mir aufschaut. Aber so ein totales Dummchen ist nun auch nichts für mich. Vielleicht verwechselt sie gar geistiges Niveau mit dieser Hautcreme? Also lasse ich es mal richtig drauf ankommen und sage knallhart zu ihr

„Du bist doof!“

„Wo du bist, da bin auch ich.“ Sie ist wirklich für Überraschungen gut, das ist unbestreitbar. Das „Wo?“ verwundert mich an dieser Stelle. Oder meint sie, ich wäre ebenfalls doof? Das ist natürlich kein Vertrauensbeweis. Untergräbt sie damit vielleicht sogar wissentlich und vorsätzlich die Basis unserer Liebesbeziehung? Ich muss jetzt vorsichtig und aufmerksam sein! Mein Test ist längst noch nicht beendet. Ich werde dem auf den Grund gehen!

„Du bist ziemlich blond!“ sage ich zu ihr, ohne den machomäßigen Hintergedanken zu sehr zu betonen.

„Jeder hat ein Recht auf seine Meinung.“ Das stimmt ausnahmsweise Mal hundertprozentig. Das steht sogar in unserem Grundgesetz. An dieser Stelle scheint sie in der Schule gut aufgepasst zu haben. Wird das Grundgesetz eigentlich bereits in der Grundschule behandelt? Ich denke schon. Denn beim Lernen fängt man üblicherweise bei den Grundlagen an. Bei mir ist es so lange her, da kann ich mich nicht mehr erinnern, wann das dran war.

„Wie heißt du?“

Pudding

Pudding

„Ich heiße Siri.“ Das weiß sie jedenfalls. Ich hatte nichts anderes erwartet. Allerdings hätte ich eher gedacht, dass sie Pauline, Lisbeth oder Jacqueline gerufen wird. Ist Siri eigentlich ein Vorname? Es klingt wie der Markenname von Magerquark. Und eine alte berliner Bauernregel lautet „Quark macht stark, aber Quark aleene, macht krumme Beene!“ Da bin ich vorsichtig und verzichte regelmäßig auf Weißkäse. Die einzige Ausnahme, die ich mir ab und zu genehmige, ist Quarkkuchen. Aber das ist ja Quark mit Mürbeteig unten drunter. Die Gefahr krummer Beene besteht also nicht. Ich habe sicherheitshalber noch einmal nachgeschaut. Bisher gibt es keine Beanstandungen da unten. Weiter geht’s.

„Möchtest du einen Tee trinken?“

* * *

Wie die Geschichte weitergeht, erfahren Sie in meinem 2015 erschienenen Buch

Lieblich bis Zartbitter

aus der Reihe “Mittendrin und Drumherum“.