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Auf dem Weg zur Einkaufsmeile in meinem Stadtbezirk komme ich an einem ziemlich runden Platz vorbei. Die Autos werden im Kreisverkehr drum herum geführt. In der Mitte ist ein irgendwas mit Blümchen an der Seite. Die Straßenbahngleise führen drüber. Mindestens sechs Straßen gehen von diesem Kreisel ab. An den beiden größeren abgehenden Straßen sind Ampeln, an den anderen kommt man als Fußgänger auf einen Fußgängerüberweg einigermaßen gefahrlos auf die gegenüberliegende Straßenseite. Mehrere Gemüseläden, ein Drogeriemarkt, eine Apotheke, eine Sparkasse, etliche Arztpraxen und eine Gaststätte findet man an diesem Ort unmittelbar. Viele andere Geschäfte, Kneipen und Restaurants sind nicht weit.

Hier ist immer viel Verkehr, zu fast jedweder Tageszeit. Fahrzeuge aller Größenordnungen, Straßenbahnen und jede Menge Fußgänger sind unterwegs, suchen sich ihren Weg. Ich stehe an der Lichtsignalanlage. So nennt man die wohl offiziell. Ich warte auf Grün. Der Fürfußgängeraufgrünschaltknopf blinkert an den Ampeln auf beiden Straßenseiten rot. Irgendwer hat ihn betätigt. Mir selbst sind diese Knöpfe immer ein wenig zu schmierig. Die Ampel ignoriert ihn stoisch. Neben mir steht eine junge Frau. An der Hand hat sie ein kleines, ich denke etwa vierjähriges Mädchen, das gelangweilt mit ihrem bunten Stiefel die Steinchen auf dem Boden hin und her schiebt. Die Dame hat vor sich einen stylishen Kinderwagen. Ein warm eingemummeltes Kind liegt schlafend darin. Eine dicke Einkaufstasche hängt am Griff des Wagens. Die Kinderwagen sind heute auch nicht mehr das, was sie früher mal waren. Früher mussten sie vor allem praktisch sein, der Fahrerin und dem quiekenden Inhalt ordentlichen Komfort bieten. Wenn sie nett anzusehen waren, hat das den großen Stolz auf den Nachwuchs noch gesteigert. Heute? Heute muss das Ding wie ein Supermarkteinkaufswagen im Formel-1-Rennwagenstil aussehen. Wenigstens verzichtet man auf die vielen Werbeaufkleber und den stinkenden und lärmenden Motor. Duft und Lärm entstehen auf ganz natürliche Art, sind rein biologisch.

Die Zeit vergeht. Ich werde langsam unruhig. Es kommt mir vor, als ob ich hier geschlagene 5 Minuten warte. Es sind allerhöchstens knappe zwei Minuten sein. Die Ampel zeigt immer noch rot. Es werden mehr Menschen, die über die Straße möchten. Alle warten, zwar ungeduldig, aber diszipliniert.

Ein Mann kommt auf seinem Rad auf dem Bürgersteig angefahren. Das ist nicht ganz korrekt. Wer möchte hier mit dem Rad auf der Fahrbahn unterwegs sein? Vor allem, wenn man solch eine Ladung wie er an Bord hat. Auf der Stange klemmt ein vielleicht Zehnjähriger und hält sich krampfhaft am Lenker fest. Hinter dem Sattel, den verlängerten Rücken des Mannes direkt vor der Nase, sitzt in einem Plastikkindersitz ein kleines Mädchen. Es scheint schlechte Laune zu haben und heult penetrant. Das kann ich bei seiner Lage gut verstehen. Der Herr ignoriert dies konsequent. Er drängelt sich seitlich an den Wartenden bis zum Straßenrand vorbei und beobachtet den Verkehr.

Die Ampel zeigt rot. In der Autokolonne öffnet sich eine kleine Lücke. Alle warten. Da startet der Fahrradfahrer, in großem Bogen schlenkernd, über die Straße. Er tritt sehr kraftvoll in die Pedale. Stellt sein ganzes Gewicht drauf. Mit seiner Last auf dem Fahrrad kommt er nur langsam in Schwung. Bremsen quietschen und ein PKW, der aus dem Kreisverkehr ankommt, steht direkt neben dem Radfahrer und hupt kurz. Auch der Radler bekommt einen Schreck und hält das Rad sofort an. Empört winkt er dem Autofahrer zu. Viel fehlt nicht und sein Zeigefinger hätte seine Stirn touchiert. Der rechte Mittelfinger schien zu zucken. Der Junge ist im selben Moment abgesprungen. Oder ist er durch die abrupte Bremsung abgerutscht? Das vom Rücksitz kommende Kindergeschrei wird größer. Der Junge stimmt ein. Es entsteht ein hektischer Disput zwischen den Dreien. Das Geschrei ebbt auch nicht infolge eines verzweifelten Machtwortes ab. Endlich scheint es dem Mann ein wenig peinlich zu werden. Begreift er, wer hier Vorfahrt hatte. Schuldgefühl sieht anders aus.

Die Fußgängerampel hat überraschen und fast unbemerkt auf Grün geschaltet. Der Tross setzt sich nur langsam in Bewegung. Alle haben sich auf das Geschehen auf der Fahrbahn konzentriert. Ihnen steckt der Schreck noch in den Knochen.

„Mama! Der Mann ist bei Rot über die Straße gefahren. Das darf der doch nicht!“ höre ich das kleine Mädchen mit den bunten Stiefeln neben mir sagen. Alle eilen weiter Ihrer Wege. Die Antwort der Mutter bekomme ich nicht mehr mit.

Für Frankfurter Verhältnisse war dies eine echte Spitzenleistung. Sonst rennen immer irgendwelche Leute, die es scheinbar unendlich eilig haben, bei Rot über die Straße. Kaum ist einer gestartet, folgen ihm etliche Andere.

Wenn keiner guckt, dann flitze auch ich manchmal bei Rot rüber. Sagt es bitte nicht weiter!