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Kalender

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Heute ist Weiberfasching. Das ist der gefährlichste Tag im ganzen Jahr. Die Hälfte der Menschheit spielt verrückt und der Rest muss darunter leiden. Leider, nein zum Glück, gehöre ich zu der zweiten Hälfte der Erdbevölkerung. Oh, wie wäre es mir peinlich, so verbiestert mit einer fetten Schere in der Hand wildfremden Männern hinterher zu laufen, sie zu bedrohen und mich ihnen in mörderischer Absicht an den Hals zu werfen. Wenn ein Mann diesen Tag überlebt hat, kann es nicht mehr schlimmer kommen. Grippe, Hunger oder Zugverspätung sind gegen diesen Tag wie achtwöchiger Honeymoon, Gehaltserhöhung und fünfundzwanzig Kilometer Stau auf der Gegenrichtung der Autobahn in einem.

Ich stamme aus einer Gegend, da wird Kinderfasching gefeiert. Das reicht auch. Verkleiden ist angesagt. Indianer, Cowboy, Prinzessin oder Monster sind die gängigen Rollen, in die geschlüpft wird. Leckere Pfannkuchen werden gefuttert. Wer den mit Senf gefüllten erwischt, ist mutig und schlingt ihn hinunter, ohne eine Miene zu verziehen, oder er lässt den Spott über sich ergehen.

Dann kam ich nach Hessen. Nichts Böses ahnend, dem ungeschriebenen Dresscode gehorchend, trabe ich an einem dieser gemeingefährlichen Donnerstage ins Büro. Dort wartet sie schon auf mich, die gefährliche Scherenbestie. Nein, es war keine Scherenbestie. Es war eine Horde verrückter, bunt angemalter und mit riesigen Scheren bewaffneter Weiber! Einem ahnungslosen Männchen gehen sie mit brutaler Gewalt an sein bestes Stück. Schnipp und schnapp und es ist ab. Sie strahlen siegestaumelnd. Ich bin sprachlos. Ich bin schlipslos. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Und es ist nicht einmal halb acht Uhr am Morgen! Mein bestes Stück, die teuerste, schönste, strahlendste, modernste, neueste Krawatte ist im Ar…. Nein, sie hängt jetzt mit Klebeband befestigt an der Tür zu meinem Büro. Es sind echte Sadisten, diese Bestien! Ich wage nicht, aufzublicken, sitze wie versteinert vor dem Computer, arbeite ängstlich vor mich hin, zucke bei dem kleinsten Geräusch zusammen und trauere. Sie möchten, dass ich den mickrigen Rest meines guten Stücks noch den ganzen Tag zur Schau stelle. Nein, das ist zu viel des Guten, meine Guten!

Was macht solch ein Tag aus den sonst so milden, lieben, netten, fleißigen, ansehnlichen Frauen? Bringt er ihren wahren Charakter zum Vorschein? Oder verzaubert, hypnotisiert er sie nur und sie können überhaupt nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Sie sind also nicht zurechnungsfähig. Sie bekommen sogar mildernde Umstände angerechnet? Nicht von mir!

Inzwischen markiere ich mir diesen Schreckenstag immer in meinem Kalender. Unübersehbar, dick und fett, mit knallrotem Marker steht dort „Achtung! Verrückte Weiber!“ Normalerweise mag ich Feiertage, die nie auf ein Wochenende fallen, besonders. Karfreitag ist so einer. Aber in diesem Fall könnte man ja ab und an mal eine Pause vertragen. Pustekuchen, Weiberfasching ist immer donnerstags. Das ganze Jahr über sammle ich alle Schlipse, die ich aussortiere. Am Tag der Tage binde ich mir ein solches, wertloses Einzelstück, das für einen Moment wieder kostbar ist, um. Egal, ob es zu meinem Hemd passt oder nicht. Hauptsache, sein Wert geht gegen null. Sein karnevalistischer Wert ist dagegen unendlich groß! Sicherheitshalber habe ich ein zweites Exemplar schon Tage vorher in meinem Schreibtisch deponiert.

Faschingskrawatte

Faschingskrawatte

Im letzten Jahr hat ein hessischer Radiosender einen Bastelbogen für Karnevalkrawatten zum Download angeboten. Man musste sie nur auf A3-Papier ausdrucken, ausschneiden und unter den Kragen schieben. Ich habe genügend davon bereitliegen. Von mir aus kann jedes dieser wilden, hungrigen Scheusale bei mir ankommen. Wenn sie diese Tat befriedigt, dürfen sie meine Krawatte gerne in ihre einzelnen Atome zerschnippeln. Notfalls versende ich meine bunten Halswärmer per Mail quer durchs Haus. Vielleicht bekommen sie das Abschneiden sogar mit Photoshop hin, wahrscheinlich nur mit fachmännlicher Hilfe!

Erschöpft schleiche am Feierabend heim, drücke mich auf meine Couch. Dann begehe ich jedes Jahr denselben Fehler und schalte meine Flimmerkiste ein. Jubel, Trubel, Heiterkeit, Orgien von Helau, primitive Albernheiten bis zum Erbrechen. Und das kommt nach dem Alkoholgenuss schneller, als von vielen erwartet. Ein Exzess jagt den Anderen. Die Stimmen sind kurz vor dem versagen, sie krächzen, wie die von trunkenen Nebelkrähen. Das Niveau ist längst im Keller angekommen. Die Hemmschwelle für Dies und Jenes, für alles, was sonst unmöglich ist, sinkt auf den Boden. Knutschereien am laufenden Band, so als ob fremde Spucke vor dem Verdursten retten könnte. Hebammen und Familienrichter bekommen demnächst viel zu tun. Das kommt nicht nur vom Speichel. Ich habe leider die falsche Fachrichtung studiert.

Ich erinnere mich an ein wichtiges Telefonat, dass ich an einem solchen Tag mal mit einem Kollegen in Köln führen musste. Die obszönen Hintergrundgeräusche kamen nicht aus dem Radio. Eine heftige Alkoholfahne wehte durchs Telefon. Mir wäre es furchtbar peinlich gewesen und er tat mir ja soooooooooooooooooooooooooooooooo leid! Aber man muss ja nicht nach Köln ziehen, selber Schuld dran!

Als Kind habe ich mir die Karnevalssendungen aus Mainz und Co. im Fernsehen begeistert angeschaut. Die waren ja so lustig. Damals gab es auch nicht so viele minderwertige Comedians, die ihr Geld damit verdienen mussten, uns ständig zum Lachen zu bringen. Die Zahl der Fernsehsender war an einer Hand abzuzählen und dementsprechend war das Angebot inhaltsschwerer. Fasching feiern war im Kindergarten und in der Grundschule en vogue. An Bindern, männlichen Statussymbolen hat sie niemand vergangen. Futtern, Tanzen und Spielen war angesagt. Quietschbunte Limonade wurde gereicht.

Ist es wirklich so schlimm? Teils teils, lautet meine diplomatische Antwort. Meinetwegen soll jeder die Feste feiern, wie sie fallen. Aber bitte lasst mich zu Fasching in Ruhe. Erzählt mir einen Kalauer, dann kann ich lachen. Wie wäre es mit diesem, dem kürzesten Witz der Welt? „Angy hat Geheimnisse!“ Diese aufgesetzt erscheinende, karnevalistische Heiterkeit, die abgelutschten Faschingshits brauche ich wirklich nicht.

Und wenn es vorbei ist? Dann geht es genauso schlimm weiter. Dann schwärmt die halbe Menschheit vom Fasten. Einen Schlips habe ich noch übrig. Kann ich mich damit freikaufen und mein Leben fortan genießen?

Helau und gähn!