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Teil 1: Schiebereien

Am Anfang war das Nichts. Dann kamen der Urknall, die Sonne, Erde und Mond, Ein- und Mehrzeller, Fische, Pflanzen, Amphibien, Saurier, Säugetiere, Affen, Spinnen, Mücken und nach ganz langer Zeit der Urmensch. Dieser wanderte aus Afrika in die weite Welt, verlor irgendwo sein Ur  und wurde zum modernen Menschen. Zwischendurch hat er Mammuts erschlagen, Faustkeile, runde Räder und das Feuer erfunden. Er baute Dörfer, Burgen, Schlösser und Städte. Nochmals verging mächtig viel Zeit, bis endlich das Großartige geschah.

Mit einem lauten Schrei habe ich die Welt begrüßt. Dann ging es schnell. Die erste volle Windel, der erste Zahn, das erste Wort, der Kindergarten und schließlich die Schule, die erste Vier wegen meiner furchtbaren Schrift, … Das sind einige der wichtigen Stationen meines frühen Lebensweges. Ich lernte, meine Finger zu zählen. Wenn die nicht reichten, nahm ich Holzstäbchen, später auf Papier gemalte Zahlen zu Hilfe. Damit waren die Grundlagen zum langfristigen Überleben gelegt.

Im Mathematikunterricht war es eine große Erleichterung, als ich gelernt habe, mit einem Rechenstab umzugehen. Heute weiß kaum noch jemand, was ein Rechenschieber ist, geschweige denn, wie er funktioniert. Dieses Teil ist einer der Vorgänger unserer heutigen Computer, Taschenrechner, von Tabellenkalkulationen, CAD-Programmen und vielem anderen mehr. Nur, dass früher alles in einem einzigen, recht handlichen Teil vereint war. Noch dazu war dies ein Gerät ohne Tasten. Wobei das ja nun heutzutage auch nichts Ungewöhnliches mehr ist. Da sieht man mal, dass tastenlose Computer keine Erfindung unseres Jahrtausends sind. Solch ein Rechenstab war im einfachsten Fall aus Holz. Spätere Exemplare wurden aus Plastik oder Aluminium gefertigt. Sie haben nur um die zehn Mark, Premiummodelle bis zu fünfzig Märker gekostet. Die Steuerungseinheit, heute würde man Prozessor oder CPU dazu sagen, saß unmittelbar davor. Selbst solche Aufgaben, wie die Berechnung der Masse einer Stahlkugel mit 11,3 km Durchmesser (knapp 6 Mrd. Tonnen) war mit diesem genialen Apparat kein Problem. Natürlich nur, wenn die CPU nicht vom vorabendlichen Discobesuch vollgedröhnt war.

Rechenschieber

Rechenschieber

Nun sage niemand, nur weil ich mich an solche Schieber erinnern kann, dass ich uralt sein müsse! Noch stehe ich mitten im Berufsleben, leiste meinen bescheidenen Beitrag zum Bruttosozialprodukt unseres Landes. Einen Rechenschieber benutze auch ich längst nicht mehr. Aber zwei Exemplare davon hebe ich mir auf. Vielleicht werden sie irgendwann einmal wertvoll oder wir haben einen längeren Stromausfall. Dann kann ich immer noch ausrechnen, wie groß der Logarithmus einer beliebigen Zahl, der Kreisumfang meines Bauches oder wie schwer die erwähnte Murmel ist. Ich bin immer für die wichtigen Dinge des Lebens gerüstet.

Taschenrechner - Sie Esel

Taschenrechner – Sie Esel

Nach dem Rechenschieber kam der Taschenrechner. Das war ein großer Fortschritt. Als ich das erste Mal darauf herumklimpern durfte, war ich stolz wie Oskar. Später beim Studium hatte ein Kommilitone sogar einen programmierbaren Taschenrechner. Der war bei Klausuren unwahrscheinlich praktisch. Meine Diplomarbeit bestand in einer komplizierten Berechnung eines elektromagnetischen Feldes mit verteilten Parametern. Eine Hochspannungsdurchführung an einem riesigen Trafo war durchgeknallt. Man hatte erst dadurch bemerkt, dass der Hersteller eine völlig neuartige Bauweise angewendet hatte. Ich sollte herausfinden, ob die supernovaähnliche Selbstzerstörung des Teils bauartbedingt war. Sie war es. Dank vieler Lochkarten, mit denen ich einen Großrechner fütterte, war die Vermutung belegbar. Dann kamen die ersten PC anmarschiert. Die CPUs hatten dazumal eine Nummer. 286 stand drauf und sie waren sensationell. Die International Business Machines Corporation, auch IBM genannt, hat damit den frühen Personal Computer auf den Markt gebracht. Der erste PC, den ich zu Hause hatte, besaß eine Festplatte mit sagenhaften 20 MB Speicherplatz. Das war 1990 und ich dachte, dass ich die niemals voll bekomme. Dies war einer der größten Irrtümer in meinem Leben. Heute könnte ich nicht einmal ein einziges Bild, das ich aufgenommen habe, darauf unterbringen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dann gab es Laptops, Schlepptopps, Notebooks, Netbooks, Ultrabooks, Tablets, Smartphones, eBookReader, … Der technische Fortschritt nahm seinen rasanten Lauf. Was älter als 3 Tage ist, gilt als veraltet. Die Berge mit Elektroschrott wachsen ins Unermessliche. Was heute Statussymbol ist, das wird morgen schon zur Peinlichkeit. Das Internet wurde erfunden, die Welt kreuz und quer verkabelt. Viren und Würmer umrunden die Welt schneller als die Satelliten. Und was man mit diesen vielen technischen Wunderteilen so alles machen kann! Die oben genannte Volumen- und Masseberechnung ist allerdings schon eine echte Herausforderung. Bilder und Videos anschauen, zwitschern, Bücher und Zeitungen lesen, unbekannten Freunden mitteilen, dass man gerade auf dem Klo sitzt und an einem Apfel knabbert, das alles geht wirklich famos!

Ist das nun das Ende des technischen Fortschritts? Ist das Ende wenigstens schon schwach, da ganz hinten am Horizont erkennbar? Kommt Moore mit seinem Gesetz irgendwann an unüberwindliche Grenzen?

All diese und weitere Fragen werden im nächsten Teil der Geschichte, die am 15. März 2014 erscheint, beantwortet.

Teil 2: Selbstmord von Socken

Teil 3: Bitte ein Bit