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Teil 2: Selbstmord von Socken

Haben wir nun das Ende des technischen Fortschritts erreicht? Ist das Ende wenigstens schon ganz schwach, da ganz hinten am Horizont erkennbar? Kommt Moore mit seinem Gesetz irgendwann an unüberwindliche Grenzen?

Nein! Es geht immer weiter. Wenn die kleinsten Strukturen in den Schaltkreisen in die in die Nähe der Größe von Atomen kommen, werden diese eben einfach gespalten. Bringen wir unsere Daten auf den Elektronen unter, ein Bit vorn, eines hinten! Links, rechts, oben und unten ist ebenfalls ein Platz frei. Und dazwischen liegen fußballfeldgroße Freiflächen! Oder die Datenbusse verwenden ein Duplexverfahren, übertragen die Daten wie auf einer Glasfaserleitung parallel auf unterschiedlichen Frequenzen. Brauchen wir das Bit mit diesen zwei läppischen Zuständen? Nehmen wir doch ein Bit mit tausend Möglichkeiten! Dann genügt ein einzelnes Bit auf einem halben Elektron für eine ganze Zeitung der Zukunft. Und wenn das alles nicht ausreicht? Dann bohren wir ein Wurmloch ins Universum und bitten die grünen Männel im Paralleluniversum um Amtshilfe. Physikalische Grenzen der Integrationsdichte wird es nie geben. Irgendetwas wird den Forschern garantiert einfallen. Im Zweifel ist es etwas, was wir uns heute überhaupt nicht vorstellen können.

Es geht immer weiter. Internet der Dinge, Wearable Computing sind zwei der Zauberworte der nächsten Zeit.

Lange dauert es nicht mehr. Dann checkt mein Smartphone beim Telefonieren gleichzeitig Gebiss, Hörvermögen und Zustand des Rachenraums. Sogleich macht es einen Termin beim Zahnarzt, teilt ihm die Diagnose „Ein Hauch von Zahnstein“ mit. Es trägt diesen Zeitpunkt in meinen Kalender ein und informiert meine Frau, dass ich heute eine Stunde und zehn Minuten später zu Hause erscheine. Es teilt ihr mit, dass sie mich ein wenig bemitleiden, mir über den Kopf streicheln, ein weiches Kissen auf Couch legen und die Fernbedienung in Griffweite positionieren sollte. Zu dem von ihr geplanten Einkaufsbummel wird statt meiner ihre beste Freundin eingeladen. Die Dauer des Einkaufs wird auf fünf Stunden verlängert. Gleichzeitig reserviert ihr mein Smartphone einen Tisch in der netten Bar am Markt. Ich habe sturmfrei bis zum späten Abend. Unterdessen wird der Kühlschrank informiert, dass ich heute alleine speise. Dieser wiederum bestellt automatisch meine Lieblingspizza nebst einer Flasche Weißwein für 19 Uhr. Natürlich ordert es Wein der üblicherweise von mir favorisierten Sorte in der von mir bevorzugten Temperatur, wegen dieser schweren Zahn-OP allerdings ein Grad wärmer. Ich kann mich also in aller Gemütlichkeit, ohne verhungern und verdursten zu müssen, meinen Leiden hingeben.

Meine Frau hat auf ihrem Handy die Körpervermessungsfunktion, die das Anprobieren der Klamotten im Laden erspart, deaktiviert. „Damit geht der gesamte Spaß am Shoppen flöten!“, meint sie genervt. Komischerweise zeigt ihr die Verkäuferin ohne ein Sterbenswörtchen gesagt zu haben, jedes Mal auf Anhieb das schönste Teil in der genau richtigen Größe. Sie scheint den Geschmack meiner Frau gut zu kennen. Meinen aktuellen Bauchumfang hat die Beste stets griffbereit und lässt die passenden Klamotten nach Hause liefern. Wenn sie ihr gefallen, habe ich nichts daran auszusetzen. „Frauen ziehen Männer an …“ gilt auch im hoch technisierten Zeitalter. Ich weiß inzwischen nicht mehr, wo die Herrenausstatter in der Stadt sind. Aber meine Socken wissen, wie oft sie an meinem linken oder rechten Fuß saßen und wie oft ich sie zur farblich ungeeigneten Hose angezogen hatte. Das ist mir bewusst geworden, als mir meine Frau, während ich mal ein paar Tage dienstlich unterwegs war, eine empörte SMS geschickt hat. „Zieh Dir ordentliche Strümpfe an!“ Nicht einmal einen gesimsten Kuss hatte sie für mich übrig.  Neulich sagte mir eine der Socken sogar, ich solle sie entsorgen. „Selbstmord von Socken – das Phänomen des dritten Jahrtausends!“ denke ich und sehe ein lüttes Löchlein direkt dort, wo normalerweise der dicke Onkel …

Meine liebe Frau geht mit ihrer besten Freundin, Frauen haben immer mindestens mehrere beste Freundinnen, nach dem Shoppen ins Kino. Der Termin in der Bar wird sofort, als sie die Kinokarten ordert, gecancelt. Der Sensor, der in ihrem neuen, superhübschen Höschen eingenäht ist, checkt ständig den Füllstand ihrer Blase. Dann erhält sie über ihr Smartphone die Empfehlung, wann sie mit ihrer Freundin zusammen mal fix auf stille Örtchen verschwinden kann, ohne viel von den tränenintensiven Liebesszenen zu versäumen. Nebenbei wird der Urin per Laser und Ultraschall analysiert. Falls da etwas sein sollte, … Aber das Thema hatten wir mit meinem Gebiss ja schon diskutiert. Direkt nach der großen Trennungsszene, die beiden Frauen liegen sich heulend in den Armen, wird der Film unterbrochen. Eine Dame reicht jedem Besucher eine Großpackung Papiertaschentücher mit dem jeweiligen Lieblingsduft und einen persönlichen Imbiss als Trost und zur Stärkung. Die Kosten werden zeitgleich vom Konto abgebucht. Natürlich ist der Snack kalorienreduziert und mit einem Chip versehen. Im Notfall, bei liebesszenenbedingten Nervenproblemen, alarmiert dieser nach Rücksprache mit dem Smartphone und den Sensoren im Sitz den Notarzt. Der spart sich die Untersuchung, denn die Diagnose ist längst gestellt. Sein Handy gibt ihm genaueste Anweisungen, welche Maßnahmen er ergreifen muss. Greift er versehentlich zur falschen Injektion, klemmt deren Verschluss und eine Sirene gibt Alarm.

Nach dem Kinofilm steht ein Taxi vor dem Kino und bringt Frau und Freundin nach Hause. Der Taxifahrer beruhigt die Damen. Im zweiten Teil des Films kriegen sie sich bestimmt. Die Liebenden im Film meint er. Allerdings haben sie sich gerade erst nach vielen Verwechslungen und Missverständnissen im Streit getrennt. Und diese andere, gemeine Lady, diese Schnepfe, die dem Mann völlig die Augen verdreht, die sogar sein Smartphone manipuliert hat … Es wird garantiert wahnsinnig spannend. „Wenn die sich in Teil zwei nicht in den Armen liegen, dann eben im dritten Fetzen.“ So eine Filmbeziehung muss immer ganz dramatisch verlaufen, damit die beiden zum Ende des Films umso schöner, lieblicher, schmusiger, schmalziger, endlich, vor allem völlig überraschend und in der allerallerletzten Szene zueinander finden. In der Wissenschaft nennt man dies den Rosamunde-Effekt. Darüber gibt es bis in diese Zeit mindestens viertausend Doktorarbeiten von Psychologen, Marketern, Betriebswirtschaftlern , … Beim Bezahlen des Taxis wird automatisch ein Gutschein für Teil 2 des Films, der im nächsten Jahr heraus kommt, auf die Handys der Frauen geschossen.

Inzwischen meldet mein Handy die bevorstehende Ankunft meiner Gattin und ermahnt mich, den Pizzakarton schnell noch in den Abfalleiner zu werfen und ein wenig im Wohnzimmer aufzuräumen. Als ich nicht gleich reagiere, ertönt eine Stimme, die mich im Tonfall meiner Liebsten erinnert, welche Worte meine Frau neulich, als sie überraschend heimkam und die Unordnung gesehen hatte, verwendet hat. Ich springe augenblicklich auf und schaffe Ordnung. Fix und fertig falle ich auf mein Lager zurück. Ob ich den Tag, seine letzten fünfzehn Minuten, überlebe?

Natürlich flitzt meine Holde sofort aufs Klo. Das machen alle Frauen so. Dazu brauchen sie keine App auf ihrem Handy. Und dann blinkt auch schon, während sie sich die Hände wäscht, die elektrische Zahnbürste. Die ist längst auf besonders gründlich putzen eingestellt. Denn sie weiß, dass ich Knoblauchgestank überhaupt nicht leiden kann. In dem Einkaufszentrum, neben dem schicken Klamottenladen, gab es diese leckeren Stinkerteilchen. Und die Frauen hatten natürlich eine Großportion bestellt und genüsslich schwatzend und ein ganz klein wenig schmatzend verputzt. Ja, wenn man mit vollem Mund redet … Völlig nebenbei wird ein Antiknoblauchserum ins Zahnfleisch injiziert.

Als meine Frau dann lustig kichernd ins Wohnzimmer kommt, gibt mir mein Smartphone einen Stups, damit ich schnell aufhöre zu schnarchen. Die ewige Diskussion, ich würde immer sägen, bin ich leid. Das weiß mein Handy längst. Es kennt mich besser, als ich selbst. Es hat eine Standleitung zur Datenbank der NSA.

Mitleidsvoll begrüßt mich meine Frau, erkundigt sich nach meinem Wohlergehen. „Geht so.“ vermelde ich einsilbig. Aber sie weiß Bescheid. Schließlich haben die Sensoren in Hemd, Hose und Socken, in der Couch und auf dem Klo meinen Gesundheitszustand längst gemeldet. Mein Facebook-Status ist ohne mein Zutun immer auf dem aktuellen Stand. Ich bin kerngesund, im Moment nur etwas lahmarschig veranlagt. Ich bin ein ganz normaler Mann. „Geh doch ins Bett, du siehst müde und geschafft aus.“ sagt meine Frau mitleidsvoll. Ich ahne, dass sie den Mitternachtskrimi schauen möchte und mein Schnarchen dazu nicht braucht.

Als ich das Bad betrete, meldet mein Handy, dass ich schnell, noch eine neue Rolle Klopapier holen soll. Ich sehe, dass die alte Rolle knapp vor kurz ist. Wenn meine Frau nachher ins Bad kommt, wird genau ein Blatt zu wenig drauf sein. Das ergibt sich aus den jahrzehntelangen statistischen Auswertungen des Klopapierverbrauchs der ganzen Familie, die unsere Smartphones laufend erfassen und zur zentralen Weltklopapierverbrauchsdatenbank nach Timbuktu senden. Zu wenig Klopapier auf der Papphülse, das wäre die Katastrophe! Ich flitze los und besorge sicherheitshalber zwei Rollen aus dem Schrank im Keller. „Deine Kondition lässt zu wünschen übrig. Morgen gehst du zu Fuß ins Büro, strammen Schritts!“ höre ich und antworte „Ja!“, nehme mir aber vor, wie immer mit der Straßenbahn zu fahren. „Wag dir nicht …“ Mein Handy, genauer gesagt, meine Freundin Siri spricht den Satz nicht aus. Ich schalte es ganz schnell aus, drehe ihr quasi die Luft ab. Wenigstens nachtsüber möchte ich meine Ruhe haben.

Im Schlafzimmer ist die Heizung schon runtergedreht. Heute Nacht braucht es nicht besonders kuschelig zu sein. Das Federbett reicht aus. Die Gefahr, dass sich ein (k)nackiger Po verkühlen könnte, besteht diesmal nicht. Die sonst übliche Muschebubu-Beleuchtung ist ausgeschaltet und die CD mit dieser furchtbaren Lieblingsschnulze meiner Frau läuft ausnahmsweise nicht.

Kaum bin ich fertig und trabe ins Schlafzimmer, steht meine Liebste mit traurigem Blick vor mir. Der Fernseher streikt. Er meldet nur, dass sie jetzt schlafen gehen soll, denn morgen, nein, es ist längst heute, hat sie einen wichtigen Termin im Büro. Den darf sie nicht verpassen. Ihr übliches Schlafbedürfnis und der leichte Alkoholpegel ihres Bluts erfordern eine bestimmte Schlafdauer. Da ist nichts zu machen! Nach dem Meeting mit ihrem Chef will sie sich den Krimi auf ihrem Smartphone anschauen, so ganz nebenbei beim Arbeiten. Die Videorecorder-App kennt ja ihre Vorlieben. Ich ahne, dass dies bei ihrem Job nichts wird.

Die Frühstücksbrötchen werden am nächsten Morgen eine halbe Stunde später aufgebacken. Ich bekomme nur eines, darf es dann dünn mit Margarine und Gelee bestreichen. Die üppige Pizza von gestern Abend wird auf das Frühstück angerechnet. Mein Handy meint, es müsse mit mir eine Diät machen. Der Kaffee ist eine Nuance stärker als sonst. Meine Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. Meine Frau sputet sich mächtig und kann mich auch nicht aufmuntern. Ihr Termin drängt. Unsere Chefs finden in ihrem Postfach eine Mail, dass wir im Büro ein wenig später eintrudeln, sie unbesorgt sein können.

Ein Kollege von mir wird informiert, dass das Gespräch, das wir für heute früh vereinbart hatten, verschoben wird. Er grinst, als er die Nachricht liest. Er fragt sich, weshalb ich wohl verschlafen habe. Seine Fantasie … Aber in diesem Augenblick poppt auf seinem PC plötzlich ein Fenster auf. Es erinnert ihn an seinen Termin zur Darmspiegelung. Er hatte sich auch schon gewundert, dass er heute kein Frühstücksbrot in der Aktentasche gefunden hat. Statt der üblichen Kaffeeration kam ungesüßter Pfefferminztee aus dem Automaten. Gestern Abend musste er andauernd eine eklige Limonade trinken. Fast die ganze Nacht hat er auf dem Klo verbracht. Seine Vermutung, dass wieder mal einer der Server bei der NSA abgeschmiert wäre, hat sich somit glücklicherweise nicht bestätigt.

Der Kollege flitzt schnurstracks ins Parkhaus gegenüber. Erst wartet er am Ausgang zehn Minuten vergebens auf seinen Wagen. Dann merkt er, dass er gestern Abend vergessen hat, das Handy aufzuladen. Diese eklige Limonade ist daran schuld. Nun ist es zu spät. Es hat seinen Dienst aufgegeben. Er fragt sich, wie er nun zu seinem Fahrzeug kommt. Normalerweise fährt es automatisch vor, wenn er es benötigt. Er fühlt sich miserabel, wegen der Limo und dem Auto, das nicht angefahren kommt. Also geht er ins Parkhaus, durchstreift hektisch suchend alle Parkdecks. Dank Murphy steht sein Bayernkurier im obersten Deck. Die Freude währt nur Sekunden. Ihm wird klar, dass er keine Chance hat, einzusteigen. Da die Wagen automatisch eingeparkt werden, wird auf den Abstand zum Ein- und Aussteigen verzichtet. Zwei Millimeter bei eingeklappten Spiegeln sind ausreichend. Da können deutlich mehr Autos abgestellt werden. Er klettert äußerst mühsam durch den Kofferraum und ärgert sich über den vielen Klimbim, den er seit Urzeiten sinnlos spazieren fährt. Er schwört sich, dass der nächste Wagen ein Kombi wird. Da kann man im Notfall wenigstens einfacher von hinten hinein krabbeln. Beim Ausparken, was er inzwischen völlig verlernt hat, schrammt er an mehrere andere Autos. Ihm schwant, dass die Reparaturkosten schon in diesem Moment von seinem Konto abgebucht werden. Hoffentlich reicht der Dispo aus! Gibt es in Flensburg dafür Punkte?

Auf der Hauptstraße angekommen, schaltet er den Automatikmodus ein. Sofort fragt das Navigationsgerät, wo es denn hingehen soll. Die Frage versteht mein Kollege nicht. So etwas hat sein Auto noch nie gefragt. Da fällt ihm ein, dass sein Handy die Zielkoordinaten nicht weitermelden kann. Schnell sagt er „Darmspiegelung!“. Zwei Stunden später steht er mit seinem ramponierten Wagen im Zentrum von Darmstadt. Während der Fahrt wurde das Handy ein wenig aufgeladen. Der Arzttermin wird auf Ende Oktober verschoben. Das Auto steuert zielsicher zum nahe gelegenen Burgerrestaurant, damit er sich wieder aufpäppeln kann. Leider ist seine Kreditkarte gesperrt. Die Beulen in den vielen gerammten Autos im Parkhaus …

Weiter geht es im nächsten Teil der Geschichte, die am 29. März erscheint. Das Ende der Menschheit rückt dank technischem Fortschritt in greifbare Nähe.

Teil 1: Schiebereien

Teil 3: Bitte ein Bit

N.B.: Ich möchte ausdrücklich erwähnen, dass weder der Erzähler, dessen Frau noch sein Kollege sowie alle anderen erwähnten Menschen mit irgendwelchen realen Personen irgendetwas gemeinsam haben und ausschließlich aus der Fantasie heraus entstanden sind.