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Er lässt uns nicht mehr los. Er kommt so sicher, wie der Kölner Karneval. Er ist genauso bunt und schrill. Er spaltet die Nation, er spaltet Europa. Nordafrika ist mit im Boot und Asien ebenso. Er ist das Ereignis des Jahres, sein absoluter Höhepunkt und gleichzeitig dessen in Event gegossene Schlaftablette. Niemand kommt daran vorbei, egal wie er denkt, ob er ihn mag oder hasst. Es gibt nur die totalen Fans und die ab-so-lu-ten Gegner, nichts dazwischen. Halbschwanger geht auch hier nicht.

Kaum ist der Fasching überstanden, kaum haben wir die Enttäuschung wegen unseres Versagens beim Fasten auch nur halbwegs verdaut und knabbern genüsslich an einem Schokoladenosterhasen, da bricht das große Unheil gnadenlos über uns herein. Es ist jedes Jahr dasselbe. Wir können es in den Kalender eintragen. Aber uns daran gewöhnen, das können wir nicht. Außer, wenn wir zu dieser wundersamen Spezies der ESC-Fans gehören. Ja, die gibt es wirklich, nicht einmal wenige sogar.

Der ESC ist nicht etwa der ‚Essener Sport Club‘. Das sind nicht die Eislauffreunde ‚Stuttgarter Chaoten‘, auch nicht die Erfurter Schrammel-Carnevalisten. ESC steht für ‚European Song Contest‘. Der findet in diesem Jahr in Kopenhagen statt, weil sich die Dänemarkies im letzten Jahr mit einem ansehnlichen Mädchen nebst nettem Liedchen an die europäische Songspitze katapultiert, besser gesagt, geträllert haben. Deutschland? Deutschland hatte auch teilgenommen. Ein ermunternder 21. Platz ist im Buch der großen ESC-Erfolge verzeichnet.

Ja, die Deutschen hatten auch schon ESC-Sternstunden. Ich meine weniger Gildo, nicht die Welle, sondern die schlechtgeföhnte Gildo Nussecke. Ich meine nicht Stefan Raab. Das waren die Sieger deutscher Peinlichkeiten. Davon gab es viele. Inzwischen nimmt man den ESC auch hier wieder ernst, zumindest ein klein wenig. Und der genannte Raabe hat dann ja auch die etwas eckig wirkende, süße Lena Leuthäuser-Schnabbelburg – nein, da verwechsele ich etwas – bleiben wir bei Lena, zum Europapokal geführt. Wie waren wir damals stolz! Die Titelverteidigung hat dann nicht geklappt. Damit hatte kaum jemand gerechnet. Wer will in Europa zweimal hintereinander von einer Deutschen dominiert werden? Von Angie sehen wir an dieser Stelle mal ab. Die zwitschert bekanntlich in einer ganz anderen Liga.

Mitte März gab es in Köln, der Karnevalshochburg, den deutschen Vorausscheid. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich da geritten hat. Ich gestehe es ein und erstatte hiermit reumütig Selbstanzeige. Noch heute ich leide an den Spätfolgen. Ich habe mir das Spektakel angeschaut. Es war ein Mysterium, es war ein Martyrium mit Suchtfaktor. Einmal reingehört und ich konnte es nicht mehr lassen. Es ist, wie eine ganz schlimme Krankheit. Hat man die einmal, wird man die so schnell nicht wieder los. Ich habe mir ganz viel Kräutertee der übelsten Sorte literweise reingepfiffen – dritter Schnitt vom Bahndamm, exklusiv beim Supermarkt meines Vertrauens eingekauft. Ich habe mir in Facebook meinen Frust von der Seele geschrieben. Ich habe bis zum bitteren Ende durchgehalten. Es ging einfach nicht anders, es musste sein! Ich schämte mich vor mir selbst. Hätte ich vorher gewusst, was auf mich zukommt, dann hätte ich mir eine Flasche Wein zur Betäubung in den Kühlschrank gestellt. Natürlich hätte ich wissen müssen, was mich erwartet. Aber wer hat denn geahnt, dass ich beim abendlichen Zappen über diese gruselige Sendung stolpere? Weshalb haben die keine Rundmail geschickt und mich gewarnt?

Etwa 8000 Menschen waren zum Jubeln in der Halle. So viele, das überrascht. Ich hatte nicht den Eindruck, dass man sie zum Klatschen gezwungen hat. Angefangen hat es mit dem Siegertitel des letzten Jahres. Das war ein ganz furchtbar gemeiner Trick der Veranstalter. Der Song kommt aus Dänemark. Er war wirklich nett. Und schon war ich diesen ESC-Brüdern in die Fänge, ins Netz gegangen. Dann kam Barbara Schöneberger. Dass die sich dafür hergibt! Bestimmt lag das nur an der Gage. Das wäre für mich ein Argument gewesen. Ich bin natürlich nicht bestechlich. Aber wenn das Honorar angemessen ist, werde ich nicht nein sagen. Also sollten die Veranstalter im nächsten Jahr rechtzeitig bei mir anfragen. Ein paar blöde Texte habe ich auch drauf. Die brauchen ja nur mal diesen Quatsch hier zu lesen.

Der erste Song war eher ein Gemälde, so eine Art gesungene Tuschezeichnung. Es war ein gezeichnetes Ich. Nein, mit mir hatte das nichts zu tun. So hieß der Sänger. Er – es klang jedoch wie es oder sie – ich will mich jetzt nicht festlegen – hatte sich total in der Tonlage vergriffen. Das kommt vor. Aber den Song hatte er, sie, es auswendig gelernt. Das war ein wirklich langer Text. Er bestand aus mehr als fünf Wörtern und hat sich auch nur gefühlte 28,5 Millionen Mal wiederholt. Dafür gibt es drei sechs. Das kennen wir von unserem Bayern-Ulli.

Eier-Harve

Eier-Harve

Gemäldemäßig ging es weiter. Ein roter Mopp war der nächste Höhepunkt und mir fiel ein, dass ich meine Bude mal wieder putzen könnte. Der Staub macht mich noch einmal wahnsinnig. Ich habe doch erst im letzten November oder war es schon der vorletzte – die Zeit vergeht neuerdings einfach viel zu schnell – mein Heim gewienert. Das Musikinstrument hat mich an meinen Eierschneider erinnert. Ja, einen leckeren Eiersalat könnte ich mir auch mal wieder zubereiten. So zum Abendbrot als Belohnung für den harten Arbeitstag. Es ist unglaublich, auf was für geniale Ideen man beim Zuschauen dieser Show kommt.

Dann ging es aufs Meer hinaus, zumindest gesangstechnisch. Das Bühnenbild mit dem Ostseekahn hat mich an Gemälde alter Meister erinnert. Dieses Fernwehgefühl war schon dazumal ein beliebtes Motiv. Ich erinnere an Wiliam Turner. Jetzt kam Stimmung auf! Wo ist das Konfetti? Wo sind die Luftschlangen? Wir sind schließlich in Köln!

Was ist der ESC ohne Haut? Ich meine großflächig nackte, vorzugsweise weibliche Schwarte. Haut ist der Geheimtipp schlechthin. Ohne Haut kann man nicht siegen. Gewinnen ist Pflicht. Das sollten die Interpreten wissen. Da hätte vielmehr Aufklärungsarbeit geleistet werden müssen. Eine bunte Sturmfrisur reicht nicht. Da ist mehr Einsatz nötig. Lediglich ein gewisser Graf hat Haut gezeigt. Das war nicht so der richtige Hingucker. Wenigstens Rasieren hätte er sich vor dem Auftritt mal können. Ehrlich, der sieht ein bisschen komisch mit seinen dreieckigen Bärtchen aus. Aber meinetwegen soll er. Ich lasse dies toleranterweise durchgehen. Textmäßig hat er sich übertroffen. Den Refrain vergisst man so schnell nicht. So viele Wiederholungen gab es bisher nicht einmal bei einem Tatort. Im Moment ist mir der Text allerdings entfallen, hatte nichts Einprägsames. Trotzdem dieser Herr in seiner Muttersprache die europäischen Songnationen aufmischen wollte, ist er unmittelbar vor der Ziellinie abgenibbelt, liketechnisch meine ich. Heilig wird er also vorläufig nicht gesprochen, trotz Glatze.

Der Spruch des Abends kam von Oceana. Das ist eine Sängerin. Laut des Vorstellungsclips ist sie sogar eine erfolgreiche Künstlerin mit tausendundein Prämien. Sie hat gesagt:

Ich möchte in Kopenhagen performen und mich damit bei meinen Fans für den Support bedanken!

Oh Mann, oh Frau! Wie kann ein einzelner Mensch nur solchen Stuss ausscheiden? Armes Mädel, das mit dem Dank sagen, klappt leider glücklicherweise nicht.

Kann man mit der Musik eines der acht Kölner Kandidaten beim ESC einen Blumentopf gewinnen? Oder sogar siegen, wenigstens unter die besten Fünf kommen? Ich glaube, keiner der Acts, so nennt man das heutzutage, war so performt, auch das heißt jetzt so, dass da eine reale Chance besteht. Selbst wenn man einrechnet, dass noch etliche Wochen zum Üben verbleiben, dass die Gewinner ein wenig am Auftritt feilen und etwas Haut unter ihrem Kostüm hervorholen, stehen die Dinge nicht zum Besten.

Gewonnen hat bekanntlich die Band Elaiza. Das sind drei junge Frauen. Die ukrainisch-polnischen Wurzeln der Chefin wurden marketingtechnisch professionell eingebracht. Diese Kombination macht sich heute gut. Ob sie für den ESC vorteilhaft ist, zumindest wenn man das so betont, ist fraglich. Der Song – ich habe ihn mir im Internet noch dreimal angehört – ist nett. Ja, er ist nett, auch melodisch, etwas unaufgeregt vielleicht. Beim dritten Anhören geht er so in die Richtung Einschlafmusik. Ich prognostiziere mal einen guten fünfzehnten Platz. Das wäre eine echte Steigerung gegenüber 2013. Bin gespannt, um wie viele Positionen, plus oder minus, ich schließlich und letztendlich danebenliege. Am 10. Mai, spätabends konsultiere ich SpiegelOnline. Ich will ja auch up to date sein.

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Jetzt werden einige Leser fragen, weshalb dieser Kerl, der den Text hier verbrochen hat, so auf nackte Haut steht.

Es ist doch klar, wir wollen gewinnen. Und wenn das nicht klappt, dann möchten wir wenigstens Erster werden, oder zur Not auch Zweiter,  Dritter, … Da muss man mit den Andere mithalten. Die meisten Songs liegen musiktechnisch erfahrungsgemäß recht nah beieinander. Da entscheiden Kleinigkeiten, Quadratmillimeter, so wie bei der Olympiade. Die Hälfte der Zuschauer ist, rein statistisch gesehen, vom Typ Mann. Und das gemeine Mannsbild ist durchaus empfänglich für hübsche, natürliche, unverhüllte Formen. Das ist genetisch und entwicklungsgeschichtlich bedingt. Da kann man nichts machen. Das mit dem Verstand ist erst später hinzugekommen. Das ist mitnichten schon fest verankert in ihm, fällt manchmal überraschend aus. Das sollten die Sängerinnen einfach mal einkalkulieren.

Auch Frauen brauchen Vorbilder. Gerne vergleichen sie sich mit den Heldinnen im TV.

„Och, die hat ja drei Gramm mehr als ich, da kann ich für die ja mal voten! Das tröstet die vielleicht.“

„Schau mal, die hat genau so ein grünes Hemdchen an, wie ich mir schon lange wünsche! Morgen gehe ich endlich mal wieder shoppen. Ich war zwei Tage nicht mehr … Schatzi ruf doch da mal an!“

„Wow, hat die aber geile Stiefel an! Der Song ist zwar Scheiße, die Treter sind absolute Spitze!“ Und schon tippt sie die passende Nummer in ihr Handy.

Ruckzuck hat die richtige Band drei Stimmen. Doof ist nur, dass beim ESC immer nur für die Anderen gevotet werden darf. Da gibt es also noch echtes Optimierungspotenzial. Oder wir fahren alle einfach mal kurz ins Ausland.

Niemand soll hinterher sagen, ich hätte nicht darauf hingewiesen!