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Teil 3: Bitte ein Bit

Von Chips, Unterwäsche mit Blutdruckpflaster, Kinderwünschen, Allergien, Männern, die zu Frauen werden und umgekehrt, bügelnden Kühlschränken, einer globalen Katastrophe, Plumploris und Isländern

Durch die heutige und künftige Technik werden sämtliche Vorurteile, Denkschemata und Klischees dieser Welt gnadenlos bedient.

Wenn es ausnahmsweise Mal nichts Passendes gibt, wird einfach etwas Neues erfunden. In der letzten Folge wurde über spannende Entwicklungstendenzen aus dem Bereich der totalen Überwachung berichtet. Fest steht, was wir heute erleben, ist nur das Vorspiel, das Herantasten an die Herrschaft der Technik über die Menschen. Der Höhepunkt wird dramatisch.

Weiter geht es! Wir befinden uns wieder im Jahr 2100. Oder passiert die Katastrophe doch schon 2031? Upps, das erlebe ich ja voraussichtlich noch! Rentner in unseren Breiten sollte man nicht unterschätzen, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Wenn die auf die Straße gehen, alles verstopfen und im Takt zittern, dann stürzt die Welt samt ihrer Technik ein.

Wir sind voll verdrahtet. Jeder Körperteil, jeder Quadratzentimeter Haut, jeder Tropfen Spucke, jeder Gedanke wird überwacht. Keine Zuckung bleibt unbemerkt. Sie wird sofort analysiert und in einer Datengalaxis, dem Nachnachfolger heutiger Clouds gespeichert. Sämtliche Ämter, alle Ministerien dieser Welt haben Zugriff darauf. Die Diagnosen werden von Zentralgehirn gestellt, die Behandlung erfolgt vollautomatisch. Niemand kann sich dieser Observierung entziehen. Bei Politikern wird jeder Sensor siebenfach redundant montiert. Das Lachen fürs Foto beim G7-Gipfel wird per Impuls ferngesteuert. Die Weltpolitik wird von mehreren gegnerischen Computerprogrammen gemacht. Politiker sind nur Marionetten.

Uns geht es gut, trotz totaler Überwachung. Wir haben uns damit abgefunden. „Ich habe doch nichts zu verbergen!“ sagen sich alle. „Und wenn die Zentrale meint, ich solle mal wieder meinen ehelichen Pflichten nachkommen, dann ist sogar das Bett vorgeheizt!“ Schön, dass dabei gleich meine Vitalfunktionen gecheckt werden, notfalls ein Vitamincocktail über die Matratzenautomatik direkt und unbemerkt in den Allerwertesten geschossen wird. Wenn ich dran bin, dann wird auch mein Kinderwunsch erfüllt. Bei guter Führung darf ich mir aussuchen, ob es ein Mädchen oder Junge wird.“

Uns geht es gut, trotz totaler Überwachung. Der Kühlschrank ist immer gefüllt. Die Kochautomaten bereiten unser Essen ohne die vielen Eee‘s früherer Zeiten. Heute ist man einfallsreicher. Jede Zutat hat einen achtundvierzigstelligen Code. Da kann nichts mehr verwechselt oder falsch dosiert werden. Nie wieder vergammeln Lebensmittel, weil Anbau, Ernte, Verarbeitung, Lieferung und Zubereitung aufs Milligramm genau an die Bedürfnisse der Weltbevölkerung angepasst sind.

Uns geht es gut, trotz totaler Überwachung. Putzroboter reinigen unsere Wohnung. Jedes Staubkorn enthält einen Chip und kann dank GPS exakt lokalisiert, eingesammelt und recycelt werden. Jeden Tag liegt akkurat die Wäsche bereit, die wir anziehen wollen. Die Kleidung ist haarscharf auf das aktuelle Wetter, was das Einzige ist, das noch keinen Chip implantiert hat, unsere Befindlichkeit und Vorlieben sowie die heutigen Aufgaben abgestimmt. Natürlich tragen wir nur die Lieblingsfarbe. Das ist dieses lustige Einheitsgrau, das an das Grau heutiger Büromöbel erinnert. Die Begeisterung dafür wird per Ultraschall bei jedem Toilettenbesuch in das Gehirn eingebrannt. Die tägliche Medikamentengabe ist in die Unterwäsche integriert. Das funktioniert, wie die früheren Nikotinpflaster, nur mit Chip. Beim Anziehen der Unterhose berührt der Mikrochip die linke Pobacke. In genau berechneter Geschwindigkeit diffundiert der Blutdrucksenker nebst Mittel gegen die Nebenwirkungen und ein paar stärkende Zusatzvitamine zur Dämpfung eigener Meinungen in unseren Körper. Wenn der Chip „Hip“ sagt, dann löst sich der Rest von ihm in Wohlgefallen auf. Beim Ausziehen, merken wir nichts mehr. Wir sind, bis auf die allabendliche Müdigkeit, kerngesund. Neueste Forschungsergebnisse bringen ein Medikament, dass Ruhebedürfnis in Munterkeit umwandelt. Damit ist es problemlos möglich, die Menschen in eine zweite Schicht ans Fließband zu schicken.

Uns geht es gut, trotz totaler Überwachung. Allerdings breitet sich ganz langsam eine merkwürdige Chipallergie aus. Die UNO arbeitet mit Hochdruck an einem Gegenchip. Bisher verstärkte jeder noch so clevere Antiallergiechip diese Chipallergie. Das Thema steht jetzt auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des UN-Sicherheitsrates. Hinter den Kulissen verhandeln die US-Diplomaten mit ihren russischen und chinesischen Kollegen, damit die geplante Resolution nicht schon wieder in die chipbewehrte Hose geht.

Uns geht es gut, trotz totaler Überwachung. Wir merken nichts mehr. Wir werden zunehmend zu Robotern.

Furchtbar fiese Gegner des technischen Fortschritts programmieren unter völliger Geheimnistuerei eine ganz besondere App. Die wird wie ein Virus auf sämtliche Smartphones, Waschmaschinen, Kühlschränke, Klobrillen, in alle Socken, Unterhosen, Kondome, Autos, … verteilt. Anschließend wird sie heimlich und gleichzeitig auf allen Geräten aktiviert. Diese Aktivisten nennen sich ‚ESC – Edward Snowden Compagnie‘.

Diese klitzekleine App ändert einfach nur ein einziges Bit in den unendlich vielen Chips. Dann denkt mein Handy plötzlich, ich wäre eine Frau, meine Frau würde ein Mann, der Kühlschrank ein Bügeleisen, die Unterhose eine Pudelmütze, … sein. Während ich am Samstagvormittag durch sämtliche Kleiderboutiquen der Stadt gescheucht werde, sitzt meine Frau flennend vor dem Fernseher. Eine Reporterin der wöchentlichen Kochshow moderiert ein Fußballspiel der Bundesliga. Die Profis von Bayern München rennen in einem lustigen, bunten Röckchen über den Platz und stolpern ständig über große Schachfiguren, mit denen sie überhaupt nichts anfangen können. Die Teilnehmerinnen von Wer wird Millionär müssen nebenbei Gedichte aufsagen und an einem Reisebus die Reifen im Akkord wechseln. Wer das zuerst geschafft hat, darf zur Belohnung im Bundestag Eis verkaufen. Auf dem anderen Sender rennt Dieter B. im Bikini mit einem Tennisball in der Hand über den Laufsteg. Er singt „Hänschen klein …“ und wird vom Publikum „rostige Dumpfbacke“ geschimpft. Dann stolpert er in die Fernsehküche, verschüttet die heiße, versalzene Gulaschsuppe und tanzt mit dem Dreisternekoch Chachacha. Die NSA bespitzelt plötzlich den amerikanischen Präsidenten, welcher im Kindergarten des Weißen Hauses die Erzieherinnen ärgert und pinke E-Mails mit lustigen Gedichten über Angsthasen an Wladimir schickt.

Der unvermeidliche Untergang der Menschheit wird fast wie ein zweiter Urknall erfolgen. Wir haben es verdient.

Dreizehn Millionen Jahre später erfinden neuzeitliche Urmenschen, die sich aus den niedlichen Plumploris entwickelten, endlich wieder den Faustkeil. Einer von ihnen bemerkt zufällig, dass ein blattreicher Baum etwas vor Regen schützt. Der Medizinmann betet einen abgenagten Knochen an und ruft beschwörend die Zauberformel „handyhandyverschoneuns!“ Dazu tanzen die Krieger des Stamms füßestampfend den Regentanz. Der Medikus wirft den Knochen fluchend in den reißenden Fluss. Anschließend werden der Faustkeilerfinder und Baumdach-Regenschutz-Entdecker dem Regengott geopfert. „Nie wieder Fortschritt“ lautet die Devise. Die späteren neuzeitlichen Urmenschen leben glücklich und bescheiden bis ans Ende aller Zeiten.

Ein paar Unentwegte haben die Katastrophe von 2??? überlebt. Wann genau das passierte, ist längst in Vergessenheit geraten. Sie wohnen auf einer einsamen Insel mitten im Atlantik. Energie gibt es genügend. Entweder die Bewohner zapfen heißes Wasser aus den Tiefen der Erde an, betreiben veraltete Turbinen mit dem Wasser der Flüsse oder reparieren ein paar Dampfmaschinen aus der Vorzeit. Ansonsten leben sie überwiegend von Schafzucht und Fischfang. Außerdem essen sie ganz furchtbare Dinge. Sie lieben es, auf ihren kleinen, robusten Pferden zu reiten. Die Straßen sind inzwischen zu staubigen Pisten zerfallen. Da es keine Touristenströme mehr gibt, werden sie kaum noch benötigt. Sie wohnen in kuschelig warmen Häusern.

Es sind also rosige Aussichten, die uns bevorstehen.

Teil 1: Schiebereien
Teil 2: Selbstmord von Socken