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Im Jahr 2126 beschlossen die Menschen, einen neuen Turm zu bauen. Es sollte ein ganz besonderer Turm werden. Ein Turm für alle Menschen, ein Turm, der die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet.

Die Erdbewohner haben lange nachgedacht. Die Weltregierung musste mehrmals tagen. Schließlich ist beschlossen worden, einen neuen ‚Turm zu Babel‘ zu errichten. Er sollte aber nicht in Babel stehen, sondern nur diesen Namen tragen. Mit jenem Turm in Babel hatte die Menschheit schlechte Erfahrungen gesammelt.

Der Turm sollte alle Menschen, alle Völker, alle Religionen, alle Länder und Erdteile miteinander verbinden. Daraus entstand jedoch ein Streit nach dem Anderen. Wie hoch soll der Turm werden? Darf er höher als der Kölner Dom, das Empire State Building oder gar das höchste Gebäude der Welt sein? In welchem Baustil soll er erbaut werden?

Die schwerste Frage war dann, zu entscheiden, wo der Turm errichtet werden soll. Die Russen meinten, sie hätten den größten Bauplatz und verwiesen auf Sibirien. Die Chinesen sagten, wenn der Turm bei uns gebaut wird, dann wohnt die halbe Menschheit in seiner Nähe. Für die Amerikaner kam kein anderer Platz, als in ihrem Land in Betracht. Schließlich fühlen sie sich als die Mächtigsten, die Demokratischsten und überhaupt als die Besten dieser Welt! Die Deutschen trauten sich erst nicht, sich zu Wort zu melden. Doch dann sagten sie,

„Stellt ihn nach Sachsen! Die Sachsen sprechen so, dass sie sehr schwer zu verstehen sind. Das passt gut zu dem Nachbau des ‚Turms zu Babel‘. Wer weiß schon, was ein ‚Bliemchenkaffee‘ ist? Oder was mit der Frage „Gannch dä Gehgse eindiddschn?“ gemeint sein ist?“

Das wurde nach langen Beratungen als Argument von dem rasch gebildeten parteiübergreifenden Bundestagsausschuss angeführt. Die Sachsen fühlten sich wahnsinnig geehrt. Sie sind vor Stolz fast geplatzt. Vor Rührung kamen vielen von ihnen sogar ein paar Freudentränen in die Augen. Die Vorstellung, mitten in Dresden, in Sichtweite der Frauenkirche und des Zwingers diesen wundervollen Turm aufzubauen, überwältigte sie. Doch es kam Protest aus Bayern.

„Unsere Sprache ist noch schlechter zu verstehen!“

argumentierten sie und verwiesen auf einen Herrn Namens Trapattoni. Seine Nationalität verschwiegen sie sicherheitshalber. Aber im Jahr 2126 kann sich daran sowieso niemand mehr erinnern. Vorsichtshalber erwähnten sie noch einen legendären – äh – Ministerpräsidenten aus – äh – irgendwelchen – äh – Urzeiten.

Der Streit ging immer und immer weiter. Keiner hat dem Anderen dieses Bauwerk gegönnt. Jedes Land wollte diesen Turm bekommen. Schließlich waren sie des Streits müde. Sie wollten einfach nicht mehr über dieses Projekt diskutieren.

Die Turmbauidee geriet in Vergessenheit. Bis … bis nach vielen Jahrhunderten ein Archäologe mitten in Frankfurt einen staubigen Schreibblock ausgebuddelt hat. Die Seiten aus diesem Block wurden gründlich restauriert. Die Schriftzeichen mussten wie dazumal die Hieroglyphen im alten Ägypten einzeln übersetzt werden. Der Schreiber hatte eine furchtbare Schrift. Eine Doktorschrift ist gar nichts dagegen. Dann wurden die Blätter in einer Wanderausstellung um die ganze Welt geschickt.

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Das Grundgerüst dieses Textes entstand bei einer Schreibübung während eines Schreibworkshops im Blauen Haus in Frankfurt. Wir sollten zu einem der Bilder, die auf dem Tisch lagen, etwas schreiben. Auf einer der Fotografien war ein Hochhaus abgebildet. Das hat mich zu diesem Text inspiriert. Nach einem Schreckensmoment – jede Schreibübung beginnt damit – hatte ich plötzlich die Idee für meinen Text. Dann sprudelten die Gedanken schneller, als ich schreiben konnte.

Ich habe meinen Text im Nachhinein nur ganz wenig überarbeitet, ein paar kleine Ergänzungen eingebaut und einzelne Formulierungen geändert. Eine Textpassage, die ich in meinem Manuskript kaum noch entziffern konnte, musste quasi neu erfunden werden. Natürlich habe ich die Schreibfehler, die in der Hitze des Gefechts entstanden waren, entsorgt. Wer weiß schon auf Anhieb, wenn tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf quirlen, wie man das Wort ‚Hüroglühfen‘ richtig schreibt? Oder ob ‚Trapattoni‘ mit einem, zwei, drei oder vier ‚p‘ bzw. ‚t‘ geschrieben wird!