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Vom Hunger, roten Haaren, einem Streichler, Würstchen und Möhren, einem Schnösel, roten Paprika, einer Spermie und einer Telefonzelle, Sofortstornos, Autowerbung und einer veganen Gemüsesuppe mit Würstchen

Am Frauentag hatte ich unter anderem die Arbeit an der Kasse im Supermarkt als Beispiel typischer Frauenarbeit angeführt. Diese Tätigkeit hat die üblichen Eigenschaften eines heutigen Frauenjobs. Sie ist stressig, beinhaltet Konfliktpotenzial, erfordert Geschicklichkeit, Flexibilität, Kraft und ist schlecht bezahlt. Oft werden hierzu Billigkräfte aus Leiharbeitsfirmen, 400-Euro-Jobber, Studenten, gerne auch Ausländer engagiert.

Neulich hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis im Supermarkt meines Vertrauens. Mit dem Vertrauen ist es in der letzten Zeit allerdings nicht mehr so gut bestellt. Ich gehe nur noch in Ausnahmefällen in diesen Laden. Normalerweise tätige ich meine Besorgungen in zwei anderen, ein wenig weiter entfernten Märkten. Aber neulich, da brauchte ich nur ein paar Kleinigkeiten für mein Abendbrot. Es sollte schnell gehen. Wenn der Mann hungrig ist, dann ist bekanntermaßen Eile geboten. Also habe ich den kurzen Weg in diesen, bei mir in Ungnade gefallenen, Laden genommen.

Ich berichte bewusst erst heute und nicht am 8. März darüber. Alle Protagonisten sind nämlich Männer. Das wäre am Frauentag wenig passend gewesen. Trotzdem gibt es einen gewissen Zusammenhang zum Frauentag.

* * *

Ich füttere fix den Leergutautomaten. Viele Flaschen habe ich dieses Mal nicht dabei. Wieso ist der eigentlich männlich, der Automat? So wie der aussieht und wenn man die Geräusche hört, … Der ist einfach nur furchtbar hungrig, kann seinen Schlund nicht voll genug kriegen und selbst beim Schlucken knurrt sein Magen verfressen. Und was der zurückgibt, ist auch eher mager.

Dann verstaue ich ein paar Waren in meinem Korb. Ein Bund Möhren, eine Packung Suppengemüse für meine Gemüsesuppe. Äpfel oder Orangen hätte ich noch mitgenommen. Aber das Obst sieht nicht sehr einladend aus. Das ist nichts Neues hier. Butter, eine Päckchen Schnittkäse und ein Glas Würstchen komplettieren meinen Einkauf. Mehr benötige ich nicht.

Dann eile ich zur Kasse. „Oh, es sind sogar zwei Kassen besetzt!“ Das kommt hier nur selten vor. Eigentlich nur, wenn die Warteschlange fast bis zum Fleischstand am anderen Ende des Ladens reicht. Ich entscheide mich für die Rechte der beiden Kassen. Die macht den Anschein, dass es hier ein wenig schneller, als an der anderen gehen könnte. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich mit meiner Vorhersage, ähnlich wie die Wetterfrösche, normalerweise genau daneben liege. Der Kunde von heute hat seine einschlägigen Erfahrungen. Als ich fünf Minuten später meine Einkäufe auf dem Transportband drapiert hatte, bemerke ich, dass an meiner Kasse ein junger Mann sitzt. Ein ganz junger, einer mit hell leuchtenden, rotblonden Haaren. Dann stutze ich. „Upps, an der anderen Kasse sitzt ja ebenfalls ein Herr!“ Ich will die beiden Burschen nicht schlecht machen, bevor der Mond untergeht. Trotzdem, um diese Zeit, kurz vor dem Sandmännchen, sollten sie abgefüttert, gebadet und gepudert im Schlafanzug mit kleinen Augen, ständig gähnend das Mäulchen aufreißend, auf Mutters Schoß sitzen und der abendlichen Gutenacht-Geschichte lauschen. Stattdessen hocken sie an der Supermarktkasse. Sind die Frauen hier in Ungnade gefallen? Oder steigt heute die nachträgliche Frauentagsparty? Hat der Chef ausnahmsweise seine Spendierhose übergestreift? Ich bin wirklich überrascht und beschließe spontan, diesem Jüngling eine Chance zu geben. Eine vernünftige Alternative ist sowieso nicht erkennbar.

Der Kassierer ist vom Typ junger Gymnasiast. Oder Lehrling, der gerade seine Lehre geschmissen hat oder geschmissen wurde. „Armer kleiner Junge! Jetzt versauerst du hier in diesem furchtbar schicken Supermarkt!“ Das Wort ‚schick‘ ist natürlich ironisch gemeint! ‚Schmuddelig‘ wäre passend.

Mein Kennerblick verrät, dass der junge Mann am Scanner ein blutiger Supermarktkassen-Anfänger ist. Jeder Handgriff wird wohlüberlegt und bedächtig ausgeführt. Akkurat hält er den Barcode über den Barcodeleser. Bei jedem zweiten Artikel streikt der Scanner. Er streift das Preisschild mit dem Strichcode glatt und versucht sein Glück ein weiteres Mal. Mehrmals tippt er die im Code verschlüsselte Ziffernfolge, natürlich nicht ohne etliche Vertipper, von Hand ein. Irgendein Heinzelmännchen scheint ständig die Tasten auf der Tastatur zu vertauschen.

Hilfe! Was ist das? Ist nun zu allem Überfluss die Rolle für den Kassenbon alle? Nein, der Streifen hat sich nur ein wenig verklemmt. Genauso schaut das Bübchen auch aus der Wäsche. Das Problem beseitigt dieser Supermann in Windeseile. Ja, wirklich, fünf Sekunden wären gegen diese geübten Handgriffe eine Ewigkeit. Da sieht man jahrelange Übung. Hier ist ein Profi, ein technisches Genie am Werke. Diese Schererei scheint regelmäßig aufzutreten. Aber – Er bekommt die Klappe nicht zu. Nein, ich meine nicht seine Klappe. Er sagt die ganze Zeit kein einziges Wort. Es ist die Klappe an dem Kassenbondrucker. Und mit geöffneter Klappe geht hier gar nichts. Er scheint der Verzweiflung nahe zu sein. Er steht auf, versucht es mit roher Gewalt. Er versucht es mit gutem Zureden. Es hilft nichts. Erst als er sie ganz gefühlvoll zudrückt, so als streichele er seiner Liebsten über ihre zarten Bäckchen, kann die Vorstellung weitergehen. Er scheint ein geübter Streichler zu sein.

Das Kassieren dauert und dauert und dauert. In der Zwischenzeit hätte er sich die Geldscheine selbst malen können. Sehr gewissenhaft kontrolliert er, ob das Wechselgeld stimmt. Sicher ist er vor seinem Einsatz genau instruiert worden. Bestimmt muss er jedem fehlenden Cent einzeln und höchstpersönlich hinterherrennen. Trinkgelder streicht sowieso der Chef ein.

Ängstlich schiele ich zur Nachbarkasse hinüber. Oh Wunder, auch dort ist wenig Fortschritt zu verzeichnen. Hat Murphy heute dienstfrei? Nein, er ist anderweitig beschäftigt, wie sich gleich zeigen wird.

Endlich bin ich an der Reihe. Nein, natürlich bin nicht ich an der Reihe. Mein Abendbrot und ein paar weitere Dinge des täglichen Überlebens sind dran. Als er meine Würstchen über den Scanner gezogen hat, scheint er etwas verwirrt zu sein. Die Apparatur hat den Code widerspruchslos und gleich beim ersten Versuch erkannt. Er stellt das Glas beiseite. Er stellt es nicht etwa so, dass ich es in meiner Tasche verstauen könnte. Er stellt es ganz an die Seite, dorthin, wo die Kassenfrauen normalerweise ihre Sprite-Flasche mit der Zwischendurch-Erfrischung neben den gesammelten Leergutbons hinstellen. Ich bin irritiert und beschließe abzuwarten.

Mein Bund Möhren scheint es ihm angetan zu haben. Er starrt es intensiv an und sucht sodann in seiner Liste. Er hackt auf seinem Computer herum. Sichtlich entnervt ruft er seinen Kollegen an der Nachbarkasse und hält meine Möhren mit spitzen Fingern in die Höhe. „Sind die vergiftet?“ denke ich, als ich sehe, wie er meine Möhren anfasst.

„3-8-5!“ blökt der Kollege herüber. Mein Scannerbediener tippt die Zahl ein. Auf dem Display erscheint „Rote Paprika … 0,70 €“. Okay, damit kann ich leben. Immerhin habe ich 59 Cent gespart. Das geht von seinem Gehalt ab. Bestimmt muss er zum Feierabend noch etwas drauflegen. Sonst macht der Laden demnächst Pleite. Dann ruft er mir einen Preis zu. Er erwartet, dass ich ihm einen Schein oder meine Karte reiche. Pustekuchen! Ich warte ab, was passiert.

Er nennt mir den Summe noch einmal und schaut mich dabei sogar an. Wieder reagiere ich nicht. Nach einer Weile räuspert er sich hörbar. Ich sage

„Sind Sie sicher, dass Sie alles richtig gemacht haben?“ Er ist sichtbar irritiert.

„Ich glaube, ja.“

„Ich glaube, nein!“

Er verleiht seiner jungenhaften Stimme etwas mehr Ausdruckskraft und sagt

„Doch!“

„Denken Sie mal genau nach!“

„Gehört das auch noch Ihnen?“ Er deutet auf den Berg, der sich hinter einem Trenndingens auf dem Förderband türmt.

„Nein!“

Er schaut mich fragend an. Er scheint wirklich ein wenig dusselig zu sein. Oder ist es seine kindliche Unerfahrenheit? Jedenfalls ist er für diesen Job hier völlig ungeeignet. Er lässt sich von dieser Wahnsinnstechnik an der Supermarktkasse total aus dem Konzept bringen. Und wenn ein störrischer Kunde dazu kommt, ist er absolut überfordert. Ich will das Spielchen nicht weiter treiben und gebe ihm einen Tipp.

„Sie haben mich bestohlen!“

Da ist er baff! Damit hätte er nicht gerechnet. Ich bin also nicht nur ein störrischer Kunde, sondern auch noch ein schlauer, gewiefter, aufmerksamer obendrein! Hält er mich gar für einen Supermarktdetektiv? Ich gebe ihm eine Chance und zeige auf das Glas mit meinen Würstchen. Das irritiert ihn jetzt aber wirklich sehr. Er schaut mich fragend an. Es ist wie ein schüchterner, ängstlicher Hilferuf kurz vor der Schlachtung. Er weiß ja nicht, dass ich frei herumlaufendes Blut nicht mag. Eine Schlachtung wird, solange ich hier stehe, nicht stattfinden.

„Das da, das sind meine Würstchen, die haben sie sich einfach so weggestellt.“

Ich hätte auch sagen können, „Die haben sie geklaut!“. Aber ich nehme mich ein etwas zurück. Der arme Kerl ist so überfordert, der kann nicht mehr. Der ist am Ende seiner spärlichen Kräfte. Der sollte ein wenig mehr futtern. Sonst überlebt er diesen Supermarkt auf Dauer nicht. Sieht so ein Mann aus? BMI mit null vor dem Komma! Das ist wie der lebendige Tod kurz vor dem Abnibbeln. Schuld an diesem Desaster ist natürlich dieser bekloppte Laden. Warum setzen die keine qualifizierten Leute an die Kasse? Vielleicht arbeitet der junge Bursche seit dem frühen Morgen ohne Pause durch? Der Knabe will sein Taschengeld ein wenig aufstocken und muss sich nun mit solch einem Stiesel wie mir herumärgern! Und heute Abend simmst er seiner Kartusche, was für ein Arschloch heute an seiner Kasse stand und wie er dem gezeigt hat, wo der Hammer hängt.

Erschrocken greift er das Glas und zieht es noch einmal über den Scanner! „Piep!“ macht’s. Irgendetwas nuschelt er in seinen nicht richtig vorhandenen, zart und rot schimmernden Ansatz von Jünglingsbart. Ich verstehe es nicht. Dafür werde ich ein wenig ungehalten.

„Konzentrieren Sie sich bitte. Das Glas hatten sie bereits eingescannt. Da oben auf dem Display sehen sie es noch.“

Ich glaube, an dieser Stelle bereut er, dass er auf die Welt gekommen ist. Sicher wünscht er, dass eine andere, eine schlauere Samenzelle vor vielen Jahren, in dieser unbequemen Telefonzelle, das Rennen gemacht hätte. Vielleicht würde er jetzt nicht hier sitzen müssen. Ja, diese Kommunikations-Etablissements gab es damals noch. Und sie waren in der Faschingszeit oder wenn die Eltern die Wohnung nicht freiwillig geräumt haben, für manche jungen Paare eine echte Alternative. Jedenfalls habe ich solche gymnastischen Übungen irgendwann einmal spät am Abend im TV gesehen. Da musste dieses Kindchen hier natürlich längst schlafen. Ich konnte mein Schlafbedürfnis am Morgen getrost ins Büro schleppen.

Es ist ein schier unlösbares Problem, diese Doppelbuchung. Er fragt nicht, ob ich das Glas vielleicht und freiwillig zweimal bezahlen möchte. Schließlich hätte ich seine kostbare Kassiererzeit im Verhältnis zu meinem Einkauf über Gebühr beansprucht. Er gäbe mir auch einen ganzen Meter von diesen Märkchen für die alberne Rabattaktion. Nein, so schlau ist er. Dieses Angebot macht er nicht. Er schickt mich nicht, ein zweites Glas Würstchen zu holen. Er rennt auch nicht selbst zum Würstchenregal. Dann würde wenigstens der Preis stimmen. Er ruft in sein Mikro

„Herr xxx kommen sie mal bitte an Kasse 2, ein Storno!“

Schon nach zweieinhalb Minuten kommt der Herr xxx, ein großer, schlaksiger, dunkelhaariger Herr mit dunkler Miene noch nicht ganz mittleren Alters. Er sieht, ich sage es mal sehr vorsichtig, ein wenig genervt aus.

„Was soll raus? … Die Würstchen?“ klick, klack klick und schon hat er das Problem beseitigt. Alles in allem hat das eins-komma-drei-fünf-sieben Sekunden gedauert, inklusive dreimaligem Stöhnen und bösem Blick auf die Würstchen, das in der Kassiererkabine und die im Glas.

„Sofortstornos machst du bitte selbst! Da brauchst du mich nicht durch den ganzen Laden zu jagen!“

Zwischendurch blicke ich mich um. Ich möchte wissen, wie es nebenan aussieht. Es sieht nicht wirklich besser aus. Da habe ich mit meiner Kassenwahl ausnahmsweise mal nicht ins Klo gegriffen. Murphy hat heute viel zu tun. Um solch lange Kassenschlangen kann er sich nicht auch noch kümmern.

Das Bezahlen geht mit dem hier üblichen lichtgeschwindigkeitsartigen Tempo vonstatten. Ich zähle sicherheitshalber mein Wechselgeld genau nach. Es stimmt! Ich gönne ich mir die Zeit, den Kassenzettel zu studieren. Als ich die roten Paprika sehe, freue ich mich.

Es war ein netter Einkauf. Wenn man bedenkt, wie viel Spaß ich hatte, wie viel ich gespart habe, was dieser junge Kerl fürs Leben alles gelernt hat und dass diese Geschichte daraus entstanden ist, dann kann ich wirklich zufrieden sein.

* * *

Eine hessische Automarke hatte an jenem Tag eine Werbekampagne am Laufen. Überall, an jeder Litfaßsäule, prangen Sprüche, wie dieser

„68 % der Männer halten rothaarige Frauen für feuriger. 90 % davon haben nie eine kennengelernt!“

Ich weiß nicht, was das mit einem Auto zu tun hat. Auf den ersten und zweiten Blick erkennt man nicht einmal, dass es eine Autowerbung ist. Aber diese Sprüche sind schon ein Hingucker. Oder erwarten die, dass man jetzt eine Rothaarige in ein hässliches Auto zerrt und … „Ey Leute! Seid ihr noch gescheit? So eine Autokiste ist doch viel zu klein! Wie soll das funktionieren? Macht das meinetwegen in Rüsselsheim. Wir hier wollen Spaß!“ Eine Alternative zur Telefonzelle unserer Altvorderen ist solch Vehikel wirklich nicht. Wie ist das mit rothaarigen Männern? Sind das taube Nüsse? Außerdem ist das gendermäßig natürlich voll daneben. Kann es nicht sein, dass eine Brünette auch Gefallen an einer Rothaarigen findet oder so oder umgekehrt oder …? Wir leben schließlich im dritten Jahrtausend – nach Christus!

 

N.B.: So ist es wirklich gewesen, am o3.o3.2o14 gegen 18 Uhr in Frankfurt-Sachsenhausen. Ich habe nichts dazu erfunden, weder die Würstchen noch die rotblonden Haare! Auch diese Werbekampagne lief gerade in jener Woche. Das war ein totaler, ein total netter Zufall!

Noch ein N.B.: Meine vegane Gemüsesuppe (Möhren, Sellerie, Lauch, Kartoffeln, Petersilie) war köstlich. Vor allem, nachdem ich Würstchen hinein geschnippelt hatte.