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Angriff aus dem Hinterhalt

Es ist schon eine Weile her. Es war im Dezember des letzten Jahres. Da hat es mich erwischt, voll auf die Birne.

Beim ersten Treffer lag ich erst einmal flach – bildlich gesprochen. Der kam total überraschend. Nach einem Weilchen bin ich vorsichtig aufgestanden und habe mich gründlich geschüttelt. Bevor ich richtig denken konnte, kam schon der nächste Knüppel angesaust. Wieder landete er voll auf der Zwölf. Ich brauchte einen längeren Moment, mich von diesem Schrecken wenigstens so einigermaßen zu erholen. Mühsam rappelte ich mich auf. Nach dreimaligem, tiefem Durchatmen machte ich einen intensiven Check auf Schäden irgendwelcher Art. Äußerlich war nichts zu erkennen. In meinem Innern brodelte es. Alle Organe versahen ihren Dienst ordnungsgemäß. Die Lunge versorgte mich mit Sauerstoff, das Herz schien am richtigen Fleck zu sitzen und blubberte gemütlich, jedoch ziemlich aufgeregt vor sich hin. Leber, Milz, Nieren, alles war noch im grünen Bereich. Die Galle schmeckte ein wenig bitter und der Darm meinte, er müsse sich …
„Nein, jetzt nicht! So etwas gehört sich einfach nicht!“ habe ich entschlossen befohlen. Arme, Hände, Finger, Beine, Füße, Zehen, Pobacken – alles zappelte in üblichem Maße vor sich hin, zeigte keine Beeinträchtigungen. Kollateralschäden in der näheren und weiteren Umgebung waren ebenfalls nicht zu erkennen.

Einzig im Oberstübchen rasten die Gedanken wirr und kreuz und quer durch die Gegend. Sie fanden irgendwie nicht den richtigen Weg. Sie waren plötzlich vom Weg abgekommen und irrten herum. Ängstlich, mir saß der Schrecken in den Gliedern, überlegte ich, was ich tun solle. Ich zwang mich zur Ruhe. Ganz systematisch wollte ich alle denkbaren Optionen durchgehen. Ich war noch mit der ersten, der einfachsten Möglichkeit, den Vorfall konsequent zu ignorieren, beschäftigt, da lag ich schon wieder flach – bildlich gesprochen. Wieder war es ein echter Volltreffer, der mich erwischt hat. Schießt hier jemand mit Dauerfeuer auf mich? Hat sich die Welt gegen mich verschworen? Ist das Ende meiner Tage gekommen?

Ich mache es kurz. Innerhalb kurzer Zeit trafen mich gleich drei Stöckchen. Der Begriff ‚Stöckchen‘ ist eigentlich eine totale Untertreibung. Es waren mehr Knüppel, fast schon ganze Bäume, dreihundertdreiunddreißigjährige alte knorrige Eichen, die da durch die internette Luft geflogen kamen. Das ist ein Spielchen, das mir nicht so richtig liegt. Beim ersten Knüppel dachte ich,
„Na, gut, wenn es denn sein soll.“ Ich versprach, die Fragen zu beantworten, wollte dies aber nicht einfach so, wie in einem Interview, sondern in einer kleinen Geschichte tun. Vorsichtshalber wies ich noch auf eine größere Bearbeitungszeit hin. Beim zweiten Stöckchen sagte ich mir, ein wenig stöhnend
„Das ist doch ein Aufwasch. Na, dann sind es eben zwei.“ Beim dritten erstarrte ich in tiefer Verzweiflung. Unstillbares Selbstmitleid ermannte sich meiner. Dreißig Fragen in einer Geschichte unterbringen, das ist eine echte Herausforderung. Aber der Mann von heute … Sicherheitshalber verordnete ich mir für die nächsten dreiunddreißig Jahre einen Annahmestopp für derartige Aktionen.

Ich hatte es neulich bereits erwähnt und hoch und heilig versprochen. Ich werde mich diesen drei Stöckchen widmen. Jetzt fange ich damit an. Der Anfang muss natürlich Neugierde erzeugen. Der Spannungsbogen wird aufgebaut und vorgewärmt. Was antwortet der Verfasser dieses Blogs auf die 30 Fragen? Verweigert er auch mal eine Antwort? Mogelt es sich einfach so durch? Oder offenbart er Geheimnisse, welche die Welt verändern, gar erschüttern? Heute sind erst einmal die Basics dran, quasi zur Einstimmung. Voraussichtlich am 19. Mai geht es weiter. Mehr wird noch nicht verraten!

* * *

Dann fing ich an, zu schreiben. Ich schrieb und schrieb, ich sortierte die Fragen, überlegte mir die Antworten, formulierte wieder neu, löschte Wörter, Zeilen, Absätze, schrieb alles noch einmal, …

Kommissar Möckelmann-Winkelstein bekam für diesen hochbrisanten Fall sogar eine Praktikantin von seinem Chef zugeteilt. Natürlich war das eine unbezahlte Praktikantin. Praktikantenlohn ist im Budget unserer Ermittlungsbehörden nicht vorgesehen. Elvira Klemmig hieß die Lady. Sie hat ihm gleich angeboten, dass er sie einfach Elvi nennen darf – höchst verdächtig. Der Fall nahm seinen Lauf. Der hatte eher die Form einer Achterbahn, bei der man das Ziel nicht kennt. Kommissar Möckelmann-Winkelstein hatte schließlich den Sachverhalt so gut wie gelöst. Sagen wir mal so, für seine Verhältnisse war er schon echt weit. Er wusste halbwegs, worum es ging. Nur das mit dem Internet hat er nicht kapiert.
„Dieser neumodische Kram!“ stöhnte er immer und immer wieder. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb er die Praktikantin mit dem für seinen Geschmack ein wenig kurz geratenen Röckchen verordnet bekam. Die hat sowieso nur Fachchinesisch geredet.
„Was die heutzutage auf der Kriminalakademie so alles lernen!“ wunderte sich der Kommissar. Für richtige Ermittlungsarbeit, also diese echte Kärrnerarbeit vor Ort, unmittelbar am Geschehen, ist die seiner Meinung nach völlig ungeeignet. Vor allem ist sie mit diesem süßen Röckchen, das gesteht sich Kommissar Möckelmann-Winkelstein natürlich nur heimlich ein, viel zu auffällig. Wie will sie mit diesem Outfit, den langen Beinen, dem weiten Ausschnitt ihres Pullis und den darunter kaum verborgenen Üppigkeiten eigentlich eine verdeckte Ermittlung führen? Da wird doch jeder Täter vorgewarnt. Kommissar Möckelmann-Winkelstein ist völlig wuschig geworden. Er will sich gerade bei seinem Chef über diese vorlaute Praktikantin beschweren, da passiert etwas völlig Unerwartetes.

An dieser Stelle habe ich die Datei mit der Geschichte gelöscht. Nein, nicht versehentlich gelöscht. Es war Absicht. ‚Vorsatz‘ würde der Richter jetzt sagen. Und dann wurde auch noch der Papierkorb des Notebooks in einem Anflug von Ordnungssinn und Konsequenz geleert. Aus, Ende, Schluss, fertig, Rien ne va plus, nichts geht mehr.

„Angeklagter, können sie uns die Beweggründe für diese Freveltat nennen?“

„Äh, ja, also das war so. … Ich habe, äh, ich wollte, … Ich …“

„Jetzt konzentrieren Sie sich mal. Weshalb haben sie diese potenziell literaturnobelpreisverdächtige Arbeit der Menschheit vorenthalten? Warum haben sie dieses Machwerk einfach so vernichtet? Bleiben sie ganz ruhig. Denken sie in aller Ruhe nach. Antworten sie zügig. Der Kopf wird ihnen nicht abgerissen werden. Es gibt doch höchstens lebenslang, vielleicht mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Da haben sie dann Muße und können die Geschichte noch einmal schreiben. Natürlich erst, wenn sie ihr tägliches Pensum an Tütenkleben erfüllt haben.“

„Herr Oberrichter! Es war Notwehr, pure Notwehr!“

„Erzählen Sie mir bitte so etwas nicht!“ Der Satz klingt wie das Donnern eines nahen Sommergewitters nach einem heißen Sommertag.

„Jawohl, Herr Oberoberrichter, es war wirklich reine Selbstverteidigung. Der Text war so grottig schlecht, hatte sogar ein kleines bisschen Kitschiges. Da konnte ich nicht anders! Sie wissen doch, Kitsch ist etwas, was bei mir gar nicht geht. Dagegen bin ich allergisch. Da bekomme ich Pusteln im Gesicht, Zucken in allen Gliedern, Schreikrämpfe und viele andere schlimme Sachen. Und nun gab es sogar in meinem eigenen Text einen Anflug an Kitsch! Da musste ich einfach …“

„Na gut, in diesem Fall – bitte erheben sie sich alle von den Plätzen! Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird freigesprochen! Setzen! Feierahmd!“

Ich verrate jetzt nicht, dass ich vor dem Löschen, natürlich ganz, ganz heimlich, noch eine Sicherungskopie des Textes angelegt habe. Wenn mir mal danach ist, werde ich Teile der Sicherungskopie recyceln. Aber nun gilt: Weg, ist weg.

* * *

Was nun? Soll ich alle dreißig Fragen einfach so beantworten? Soll ich meine allerheimlichsten, ganz in meinem Inneren verborgenen Geheimnisse preisgeben?

Ich könnte es mir leicht machen und sagen
„Fragt doch einfach mal bei der NSA nach. Die wissen garantiert alles über mich.“

Ich könnte natürlich eine Auswahl der Fragen, die ich beantworte, festlegen. Das wäre dann eine rein zufällige, völlig repräsentative, mir genehme Selektion.

Außerdem musste ich feststellen, dass ein paar Fragen nicht aktuell sind:

„Hast du einen Adventskalender?“
Nein, habe ich nicht. Bis Weihnachten ist noch so viel Zeit.

Andere Fragen sind echt intim:

„Hast du einen Adventskalender?“
Nein, habe ich nicht. Nicht mal einen Pirellikalender, ich armer, armer Junge! Aber das verrate ich natürlich niemanden!

Und dann gibt es Fragen, die sind völlig unpassend:

„Hast du einen Adventskalender?“
Nein habe ich nicht. Was soll ich in der Nach-Osterzeit mit einem Adventskalender? Vielleicht schaffe ich mir ja einen Osterkalender an, der rückwärts zählt oder bis zum nächsten Osterfest. Aber danach wurde ja leider nicht gefragt.

Dreißig Fragen, das ist echt der Hammer. So viel Neugier hätte ich nicht erwartet. Was ist eigentlich Neugier? Ich habe mal Mr. und Ms. Wikipedia befragt:

„Neugier (auch Neugierde) ist das als ein Reiz auftretende Verlangen, Neues zu erfahren und insbesondere Verborgenes kennenzulernen. … Neugier kann ausgerichtet sein auf permanent wechselnde Ereignisse, um dadurch eine Lust an Sensationen befriedigen zu können. Bei dieser Begriffsvariante sind emotionale und motivierende Anteile hoch. …“

Es geht also um Verborgenes, um Sensationen, um Befriedigung von Verlangen. Darf man in diesem Fall die Fragen vor 22 Uhr beantworten?

Bin ich überhaupt der richtige Adressat? Bestimmt haben sich die drei Stöckchenwerfer geirrt! Sie meinten gar nicht mich! Aber für wen könnten sie sich interessieren? Wer ist so interessant, dass man unbedingt die Antworten auf diese vielen Fragen wissen möchte? Ich glaube fast, da gibt es niemanden.

Angie schafft sich vorsichtshalber keinen Adventskalender an. Wenn da aus dem 24. Türchen plötzlich Horschtel raus schaut, wäre das ganze schöne Fest geschmissen.

Und ein richtiger Mann, wie beispielsweise Henry Maske? Der verstaut doch nur Hamburger in seinen Adventskalendern. Das ist auf Dauer nicht nur ungesund, sondern auch stinkelangweilig.

Heidi Klum ist ebenfalls keinerlei Alternative. Die lässt alle Türchen leer. Zu Futtern gibt es bei der bestimmt kein bisschen. Zu anderen weihnachtlichen Wohltaten hat sie keine Zeit, muss ständig den Zickenstreit ihrer Mädels schlichten und sich ansonsten um die Männer ihres Herzens kümmern.

Der Einzige, der hier halbwegs interessante Antworten auf diese gemeinen Fragen liefern könnte, das bin wohl doch ich selbst – Mist!