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Eigentlich ist mir das alles so ziemlich Wurscht. Von mir aus soll doch Jeder machen, was er will! Aber wenn sich geschätzte 180 Millionen Leute dasselbe Spektakel anschauen, dann könnte ich durchaus mal, ausnahmsweise und überhaupt, mit dabei sein. Ich möchte schließlich zu den weltweit 2,5 % der Insider gehören, die wirklich mitreden können.

Es war wie in jedem Jahr. Eigentlich gab es nichts Neues. Bis, ja bis sie kam. Ich meine Barbara S. beim warm up. Wer die Arme sehen musste, bekam sofort eine Gänsehaut und Schüttelfrost. Weniger wegen ihrer Moderation, sondern weil sie mitten im Regen stand. Vorsorglich suchte mancher die Wärmflasche aus der alten Truhe hervor und checkte den Inhalt der Hausapotheke. Statt eines Biers kam ein heißer Kräutertee auf den Tisch.

Irgendwann startete die Show aus Kopenhagen. Es gab kaum Erwähnenswertes. Sie dudelte so vor sich hin, zeigte Glitter und Lichteffekte en gros. Alle Jahre wieder läuft dasselbe Spektakel mit immer neuen Träumen. Jeder Interpret glaubt an seinen Sieg! Jeder Zuschauer ist davon überzeugt

„Wir siegen – wer sonst!“

Die Teilnehmer kämpfen mit allen Mitteln. Sie möchten die Anderen zum Einschlafen zu bringen, sich aufs Treppchen zu gähnen. Vor Jahren hat es ein strubbelig langhaariger G. Horn versucht, indem er uns seine tiefe Liebe offenbarte. Schlimmer ging es kaum. Ich lasse mich doch nicht von jedem lieben!

Auch in diesem Jahr leistete die Schlaftablettenindustrie Großes. Ihre Börsenkurse erreichten Rekordniveau. Aber dann ist es passiert. Wer noch nicht eingeschlafen war, der bekam einen gewaltigen Schreck

„Wadde hadde du denn da, midden im Jesicht?“, dachte ich und erschrak sanft.

Ist das ein Mädel oder ein Bube? Ich dachte hin, ich dachte her und kriegte von dem vorgetragenen Lied nichts mit. Als der Moderator den Namen der Interpretin nannte, wusste ich, dass es ein langhaariges, bärtiges Girl war. Sie stand auf der Bühne und trällerte wie eine Operndiva. Fast verschluckte sie der Lichtkegel, der sie einhüllte. Ich fand den Namen sehr passend. In dieser Pelerine sah die Dame tatsächlich aus wie eine Presswurst.

Gleich danach kam unsere – äh – wie heißen die nur? Egal, den Namen muss ich mir nicht merken. Die Kostüme der drei Damen waren wirklich nicht berauschend. Aber durchaus einen Tick besser als die Musik – fand ich so. Vielleicht lag das auch am inzwischen kalten Kräutertee.

Endlich hatten wir alle 27 Beiträge überstanden. Jetzt durfte die Welt, zumindest die der Teilnehmerländer, abstimmen. Welches war der beste Titel des Wettbewerbs? Zwischendurch wurde der ganze Grand Prix mehrmals wiederholt. Zum Glück war das nur der Schnelldurchlauf.

Die Abstimmung war der spannendste Teil der Séance. Schnell kristallisierten sich die Favoriten heraus. Der deutsche Beitrag hat mit starken 39 Punkten ein Klasse Ergebnis erzielt. Ich hatte ihn nach dem Vorausscheid auf Platz 15 gesehen. Tatsächlich erreichte diese Band einen hervorragenden 18 Platz – Gratulation! Das war doch eine Superleistung von mir. Ich hatte nur um drei Ränge daneben getippt!

An der Spitze ging er um die Wurst. Österreich setzte sich von den Niederlanden und Schweden ab. Lustig waren die Punktevergeber aus den verschiedenen Ländern anzusehen. Eine Moderation glich der anderen fast aufs Wort

„… and finally 12 points to …“, war einer der Standardsätze. Nur der Franzose laberte in einer Fremdsprache. Einer hielt zur Abwechslung mal einen Einwegrasierer in die Kamera. Das war gut so. Sonst hätte ich am Sonntagmorgen glatt vergessen, mich zu rasieren. Oh Gott, das Drama! Wie hätte ich da ausgesehen? Zum Verwechseln ähnlich mit irgendwelchen unrasierten Kerlen – oder Mädels! Allerdings bevorzuge ich eine stromgetriebene Variante eines solchen Geräts. Ich lebe ja umweltbewusst! Hoffentlich kommt mein Rasiererstrom nicht etwa aus einem Atommeiler!

Zum Schluss stolzierte Conchita Wurst wie ein eitler Gockel als Siegerin auf die Bühne. Schamhaft hielt sie sich die Hand vor den Mund. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass man durch ihre große Klappe vorbei am Wurstbrötchen vom Metzger in Magen und Darm bis hinter ihren Bauchnabel schielen kann. Heerscharen von Helfern mussten ihr Kleid hinterherschleppen. Darum heißt dieses Teil des Divenkostüms auch Schleppe. Zur Belohnung durfte die Wurscht ihre Musik der Welt ein zweites Mal aufs Butterbrot legen.

Vor vielen, vielen Jahren kam schon einmal ein Gewinner aus Österreich. Auch dieser trägt gerne ein merkwürdiges Kostüm. Sein weißer Bademantel ist inzwischen legendär. Vielleicht schafft Conchita dasselbe mit ihrer Wurschtpelle!

Mein Ding war dieser Song Contest wirklich nicht. Ein paar hübsche Musikstücke waren trotzdem mit dabei. Aber nichts, was ich auf Dauer hören möchte. So ist es jedes Mal. Nur ganz wenige Titel und Interpreten überstehen die Jahre. Abba ist sicher eine positive Ausnahme. Im nächsten Jahr werden wir dieses Spektakel also aus Österreich zu sehen bekommen. Wieder schauen Millionen Menschen zu.

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Dieser ESC ist mir irgendwie unheimlich. Da treten Musikanten ganz unterschiedlicher Länder, verschiedener Kulturen gegeneinander an. Kann es da überhaupt einen Besten geben? Was uns hier in Mitteleuropa gefällt, ist für Andere möglicherweise völlig langweilig, schlimmstenfalls sogar indiskutabel sein. Viele Stimmen gehen unabhängig vom persönlichen Musikgeschmack an die Nachbarländer. Da kann sich der deutsche Kommentator noch so sehr über die ehemaligen sowjetischen Vasallenrepubliken oder den Balkan echauffieren. In unserer Gegend ist es nicht viel anders. Auch wenn wir in diesem Jahr keine Punkte von Österreich und den Niederlanden bekamen. Lediglich die Nachbarländer Polen und Schweiz bedachten ‚uns‘ liebevoll mit Punkten. Umgekehrt haben die Deutschen, wenn man die Ostseeanrainer als Nachbarn definiert, immerhin sechs Nachbarländern Punkte gegeben.

In diesem Jahr hat der Contest mit der Teilnahme und erst Recht mit dem Sieg von Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst eine besondere Dimension erreicht. Viele deuten ihren Triumph als ein Zeichen, ein Zeichen gegen Ausgrenzung und für eine tolerante, schwulenfreundliche Welt. Viele glaubten, sie würde mit á la James-Bond bombastisch inszenierten Hymne „Rise Like a Phoenix“ polarisieren. Genau das Gegenteil war der Fall. Österreichs Beitrag erhielt aus fast allen Ländern Punkte. Sogar aus Putins Russland gab es fünf Punkte. Russland ist also mehr als Putin. Wer hätte das gedacht! Das ach so tolerante Deutschland spendierte lediglich zwei kleine Pünktchen mehr. Ich glaube nicht, dass der Sieg ein besonders großes Zeichen von Toleranz ist. Auf jeden Fall spricht man darüber. Das ist gut so.