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Teil 1: Der lange Weg nach Indien war schwer zu findien

Wein und Schnaps sind segensreiche Erfindungen. Die Seeleute unserer Altvorderen profitierten davon besonders. Manchmal lief ihr Schiff auf ein Riff oder ist bei Sturm in eine zu große Schräglage geraten.

Dann griffen sie sich ganz fix eine solche Flasche, süffelten sie aus und korkten sie wieder gut zu. Jetzt schwammen sie einfach nur noch geradeaus. Mit ein klein wenig Glück, guten Wind- und Strömungsverhältnissen und unter Ausnutzung des Auftriebs der Buddel erreichten sie das nächste Eiland. Dort schliefen sie in aller Ruhe ihren Rausch aus. Sogar der ständig hyperventilierende Käpt’n ließ sie heute mal ausschlafen. Als der Kopf endlich klar war, freuten sie sich hämisch, dass dieser große, weiße Hai hungrig zu Bett gehen musste. Ganz langsam, Dank vieler angespülter Meerestiere, kamen sie selbst wieder zu Kräften. Wichtig war, die leere Flasche immer gut festzuhalten. Sie wurde noch dringend benötigt.

Auch die Flaschenpost ist eine segensreiche Erfindung. Denn dazumal gab es nicht an jedem Ort oder gar auf jeder Insel einen Kiosk zum Erwerb von Andenken, Tassen mit dem Namen der Geliebten, Ansichtskarten, Briefmarken, Schokolade und Alkoholika. Mit der Post gab es schon damals nur Probleme. Die Postkutschen waren einfach zu langsam. Genügend Seepferdchen zur Versorgung der Inseln im Meer wurden auch nicht eingestellt. Um alles mussten sich die Leute selbst kümmern. Aber wenn ein Seemann eine leere Flasche griffbereit hatte, konnte er der Rettung von der einsamen Insel zuversichtlich in die Augen schauen.

Zu seiner Befreiung aus den gefräßigen Klauen des Klabautermanns brauchte der Seefahrer nur noch ein paar Kleinigkeiten. Als Erstes wäre ein Flaschenöffner zu nennen. Clever war es, den Korkenzieher bei der Wasserung nicht im Meer zu versenken. Weiterhin wurde ein wenig Schreibkram benötigt. Notfalls gingen auch ein trockenes Bananenblatt und ein verkohlter Zweig zum Schreiben. Doof wäre es gewesen, mitten in der Sahara zu stranden. Dort gibt es nur Sand, weder frische noch vertrocknete Blätter. Wie man sich leicht denken kann, gehörte die Arktis schon damals nicht zu den bevorzugten Ausflugszielen. Auf eine Briefmarke wurde großzügig verzichtet. Die Post war früher nicht so pingelig. Außerdem sind Postwertzeichen eine Erfindung der Neuzeit. Ganz wichtig waren noch zwei Punkte. Erstens brauchte man einen kräftigen Wurfarm. Je weiter die Flaschenpost flog, desto schneller erreichte sie ihren Bestimmungsort. Tennisspieler waren bereits damals im Vorteil. Und zum Zweiten benötigte man Geduld. Davon konnte man schon in dieser grauen, feuchten Zeit nie genug haben.

Im günstigsten Fall gelangte die Flaschenpost nach ein paar Jahrzehnten ihr Ziel. Sie war somit nur unwesentlich langsamer als unsere heutigen Postbeförderungsunternehmen. Natürlich fand sie selten ihr richtiges Ziel. Sie kam einfach irgendwo an. Dann musste sie also noch aufgefunden werden. Nach so langer Zeit hatte die Flasche eine dicke Patina angesetzt. Wenn man darunter den eigentlichen Inhalt, die Flaschenpost, nicht erkannte, war die ganze Mühe vergebens. Im allergünstigsten Fall konnte der Finder den Brief sogar entziffern. Konkrete Ortsangaben erleichterten schon damals die mögliche Rettungsaktion. Beschreibungen, wie „Ich bin auf einer einsamen Insel gestrandet!“ oder „Rettet mich von diesem verdammten Felsen!“ erklärten den Ort völlig richtig, waren trotzdem nicht hilfreich. Das ist wie die von hektischen Handbewegungen begleitete Meldung vom Beifahrer im heutigen Kleinwagen in der fremden Innenstadt „Da lang!“. Dann vergingen wieder viele, viele Jahre. Erst einmal musste ein Schiff gebaut werden. Außerdem brauchte man eine Crew nebst Käpt’n und schließlich musste das Rettungsschiff das Ziel, ohne selbst zu verunglücken, finden.

Mit Glück, mit sehr viel Glück, mit so viel Glück, dass man von einem Wunder sprechen konnte, erreichten die Gestrandeten ihre Heimat. Das war damals der Jackpot. Heute ist die Gewinnwahrscheinlichkeit bei Lotto deutlich höher, sonst würde auch niemand Lotto spielen. Anschließend durften die Seeleute die letzten drei Wochen ihres langen, entbehrungsreichen Lebens zu Hause verbringen. Sie durften es so richtig genießen, einen draufmachen, die Puppen tanzen lassen, Partyfeiern ohne Ende. Leider sind sie dann verhungert, denn sie hatten zwischenzeitlich nichts für den Lebensabend zurücklegen können.

Und die Kinder der geretteten Gestrandeten? Haben sie sich nicht um ihren Erzeuger gekümmert? Ja, woher sollte der Nachwuchs kommen? Da hätte man ja fix mal die Fernbestäubung erfinden, einmal den Schnorchel um die halbe Welt wickeln müssen. Und ein Kondom, wie angeblich im Fall eines gewissen Bobbele? Die waren noch nicht erfunden worden. Ob die Gummiatome so eine lange Reise über das schwankende, salzige Meer überstanden hätten? Bestimmt wäre es geplatzt, wenn ein erstaunter Hering daran knabberte. Vielleicht schlüpfen ein dreiviertel Jahr später ein Schwarm Rollmöpse mit Tennisarm? Selbst wenn diese Luftballons irgendwo gestrandet wären, bestände die Gefahr, dass sie die falsche Miss missbraucht hätte. Es war nicht leicht – damals – das Leben als Seemann!

Heute ist alles einfacher. Vor Jahren steckte ich, den Kindern zuliebe, eine Postkarte in ein Konservenglas. Auf der Karte standen ein kleiner Gruß sowie meine Adresse. Dann wurde dieses Glas den Fluten des wilden Inn nahe Innsbruck feierlich übergeben. Einige Zeit später erhielten wir eine hübsche Ansichtskarte aus Österreich. Wir haben uns mächtig gefreut. Der ursprüngliche Inhalt des Konservenglases – Gewürzgurken – ist lecker gewesen, das Porto wurde gespart, wir hatten unseren Spaß und der Finder möglicherweise auch. Außerdem haben wir, praktisch veranlagt, wie wir Neuzeitmenschen nun mal sind, auf den Besuch einer einsamen Insel und die Rettungsaktion verzichtet. Solch einen langen Urlaub konnten wir uns sowieso nicht leisten. Und wer weiß, ob die Gelben Engel das einsame Atoll überhaupt gefunden hätten.

Heute ist alles einfacher? Pustekuchen, heute ist das Leben viel komplizierter als damals. Speziell in Bezug auf Flaschen kann man manchmal ganz schön ins Straucheln geraten. Knapp sind sie zum Glück nicht mehr. Aber gewaltig verzwickt ist die Sache mit den Flaschen immer noch. Besonders, wenn man ab und zu mal eine kleine oder große Reise unternimmt.

Darüber wird im zweiten Teil der Geschichte „Flaschenpostberichtet. Diese erscheint leider erst Anfang Juni.

 

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Teil 2:
Voraussichtlicher Untertitel „Automaten und schlecht lackierte Fingernägel“
Ein paar Stichworte schon einmal vorweg:
Liebestöter, Arschgeweih, lustiges Püpschen, Nagellack, Handtaschenparadoxon, Insel Sylt, ein bekannter Boxer, Zweipfundbrot

Teil 3:
Voraussichtlicher Untertitel „Die Maschine schlägt zurück“
Ein paar Stichworte schon einmal vorweg:
Mistflaschen, Schule, Leuchtturm, Video, Ladysensor, MPU, David und Goliath, Superzahl dreizehn