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Was ist schlimmer als ein normaler Montag? Der letzte Urlaubstag? Nein, das kann nicht sein, denn immerhin ist es ein Urlaubstag. Begleitung bei einer Shoppingtour, ewiges Warten vor dem zwölften Schuhladen? Okay, das kommt der Sache ein wenig näher. Aber ganz reicht es an den Montag nicht heran. Wahrscheinlich gibt es nichts, was schlimmer als ein Montag ist.

Bei Platz zwei der immerwährenden Hitliste der furchtbaren Dinge dieser Welt ist die Sache bei mir jedenfalls eindeutig. Nein, das mit dem Schuhladen kommt jetzt nicht. Auf Platz zwei steht der ganz gewöhnliche Dienstag. Nur ganz, ganz knapp, höchstens um ein klitzekleines Pünktchen, hat er Platz eins verfehlt. Er hat also noch Potenzial.

Es beginnt schon zu einem Zeitpunkt, da möchte man gar nicht wissen, was für ein Tag heute ist. Ein normaler Mensch schläft um diese Uhrzeit. Zumindest, wenn er nicht als Postbote, Feuerwehr- oder Müllmann, Brötchenformer in der Bäckerei oder so etwas ähnlich furchtbar Frühes arbeiten muss. Die Sonne lugt gerade halb über den Horizont und reibt sich verstohlen den Schlafsand aus den Augen. Die Temperatur im Zimmer hat längst Saharaniveau erreicht. Die frische Brise, die durchs offene Fenster kommt und mich zart streicht, hat ihre Frische irgendwo unterwegs verloren. Ihr Deo hat total versagt und die Kachelmänner dieser Welt sind schuld daran!

Da geht, völlig ohne Vorankündigung, gnadenlos und unerbittlich mein Dienstags-Martyrium los.

Eine, nein ganze Hundertschaften, riesige Divisionen von Amseln trällern ihr Morgenlied. Ist es nicht schön, mitten in der Nacht ganz langsam zu erwachen? Mit geschlossenen Augen schwitzend auf der Decke liegend, ein Amselkonzert zu hören und zu wissen, dass man jetzt noch über zwei Stunden lang schlafen könnte, wenn man schlafen könnte? Folter beim amerikanischen Geheimdienst ist ein Wellnessurlaub dagegen. Krampfhaft rattert mein schlaftrunkenes Gehirn. Aufstehen und das Fenster schließen? Das hat sofortiges Dahinschmelzen mit anschließendem Erstickungstod zur Folge. Das hat nichts mit Schlaf gemeinsam. Vor allem müsste ich die Augen öffnen und aufstehen. Liegenbleiben bedeutet andererseits Folter, aber wenigstens mit einem Fünkchen Hoffnung, alles zu überleben. Irgendwelche furchtbaren Spätfolgen muss man natürlich einkalkulieren. Daran kommt man so oder so nicht vorbei. Ich hoffe, trotzt Amsellärms, wieder einzuschlafen. Die Einflugschneise des Frankfurter Flughafens erscheint mir in diesem Moment wie eine wundervolle Oase. Immerhin dürfen die Flieger erst ab fünf Uhr starten. Wo bleibt das Nachtträllerverbot für Amseln?

Endlich bin ich noch einmal in meinen Träume versunken. Der Schweiß rinnt in Strömen. Der Schlaf ist unruhig. Die Sonne beginnt ihr strahlendes Tagewerk.

„Warum geht dieses verdammte Miststück im Sommer eigentlich immer so früh auf?“, frage ich mich in dem Moment, als ich wieder erwache. Nein, mein Wecker hat noch nicht geklingelt. Die Amselarmee hat sich zur Ruhe begeben. So gemein sind diese Biester. Wahrscheinlich knabbern die jetzt ihr Frühstück um danach ein kleines Nickerchen zu machen. Irgendein, immer wiederkehrendes Geräusch hat mich geweckt. Der Wecker vom Nachbarn? Nein, den höre ich normalerweise nicht. Es sind Tauben, die auf dem Balkon von Gegenüber sitzen und gurren.

„Sitzen oder stehen die da? Gibt es bei Tauben einen Unterschied zwischen sitzen und stehen auf dem Balkongeländer?“ frage ich mich in dieser Situation. Solch blöde Fragen gehen mir durch den Kopf. So schlimm steht es also um mich! Die sitzen da jeden Morgen oder stehen. Ich mag Tauben. Am liebsten habe ich sie, wenn sie weit weg sind. Meinetwegen sollen sie in der Antarktis brüllen, so laut sie wollen. Aber bitteschön, nicht auf dem Balkongeländer von Gegenüber, zumindest nicht um diese nachtschlafende Zeit! Wieder bin ich hellwach. Sicherheitshalber lasse ich, in der Hoffnung doch noch eine Mütze Schlaf abzubekommen, meine Augen zu. Ich will dieses Drama nicht auch noch sehen müssen. Tatsächlich falle ich abermals in einen unruhigen, oberflächlichen Schlaf.

„Tut … tut … tut …„ schallt es in mein Zimmer. Unaufhörlich macht es „Tut … tut … tut …“. Das macht es an jedem Dienstagfrüh. Immer in aller Herrgottsfrühe, um kurz nach sechs.

„Tut … tut … tut …“ macht es bestimmt eine geschlagene, unendlich lange Minute lang. Diese Minute ist wirklich bedeutend länger als die anderen Minuten am Dienstag. Wenn das endlich überstanden ist, höre ich, wie die Müllcontainer der ganzen Nachbarschaft ihren Inhalt laut polternd in das Müllauto entleeren, wie diese Mistkübel wieder auf die Straße geknallt werden. Leere Müllcontainer wirken wie herrliche Resonanzkörper, die den Lärm hervorragend verstärken. Dann werden sie donnernd über den Bürgersteig geschoben und gestoßen, bis sie krachend in ihrem Müllcontainerhaus angekommen sind. Peng, Knall, Boing, die Tür ist zu. Weiter zum nächsten Haus, zu den nächsten Müllcontainern.

Ich fühle, dass etwas in mir wächst. Es ist Wut und es ist Lust. Es ist die Lust, Amok zu laufen. Peng, peng, peng und kaputt ist die Tute des Müllwagens. Knall, peng, bum und schon klemmt die Müllcontainerhochhebung fest. Dann ist endlich Ruhe! Ein Müllauto mit defekter Müllcontainerhochhebung ist kein Müllauto. Und ohne Tute darf es nicht rückwärts fahren. In Deutschland steht das im MüRückfhupG, dem Müllautorückwärtsfahrhupgesetz. In unserem Land gibt es für alles ein Gesetz! Wenn die EU das spitzkriegt, machen die bestimmt noch eine Verordnung, die gelbe oder gebogene Hupen verbietet. Haben die sonst nichts zu tun? Die sollen uns gefälligst regieren! Oder ein Gesetz gegen die nächtliche Müllentsorgung verbunden mit dem Lärmverbot jeglicher Geflügelarten erlassen.

„Und wenn ein Querschläger einen Kollateralschaden verursacht?“, kommt mir plötzlich in den Sinn. „Wenn Blut fließt?“ Ich möchte doch niemandem wehtun! Blut mag ich nicht, zumindest nicht außerhalb seiner regulären Bahnen. Und möglicherweise ein paar Jahre die Gardinen mit Rostschutzfarbe streichen, ist auch nichts für mich. Das alles wird sowieso nichts. Ich besitze nämlich gar kein Schießeisen. Und in meinem gegenwärtigen Zustand bin ich zu Nichts in der Lage. Ich bin fix und fertig. Wütend auf dem Bett liegen, ist das Einzige, was ich gerade noch zustande bringe. Das ist gut so. Aber was soll ich tun? Ich bin ratlos, ich bin am Ende mit allem, ich bin… Na wenigstens bin ich!

Endlich, endlich fährt das Müllauto, diesmal vorwärts, aus der Straße heraus. Zum Glück ertönt beim Vorwärtsfahren nicht dieses verdammte, nervtötende
„Tut … tut … tut …“.

Im Halbschlaf, mit den Nerven völlig am Ende, bestimmt ist es auch nur ein Viertelschlaf, vernehme ich das verhasste
„Piep … piep … piep …“ meines Weckers. Es ist 6.25 Uhr. Wutentbrannt bekommt mein Wecker eins auf den Deckel!

„Piep … piep … piep …“ ertönt es alle fünf Minuten. Wutentbrannt spürt er alle fünf Minuten meinen Frust. Warum ist das blöde Ding auch ein Wecker geworden! Das hat es nun davon. Mitleid? Kenne ich um diese Uhrzeit nicht, höchstens mit mir. Von meinem Mitleid kann ich nichts abgeben, das brauche ich selbst, und zwar dringend. Dann begibt sich, wie immer ganz pünktlich, die halb offene Jalousie vollautomatisch, motorgetrieben und knatternd auf ihren Weg nach oben. Die Sonne zielt fies grinsend genau auf mein Gesicht. Ich stehe völlig gerädert auf. Der Wecker bekommt den ultimativen Knopfdruck. Sonst würde das dusselige Ding wahrscheinlich den ganzen Tag über alle fünf Minuten piepen.

Das ist mein Dienstag! Und dieser Dienstag ist noch so lang! Und diesen Dienstag gibt es jede Woche!

Nach dem Dienstag kommt der Mittwoch, dann der Donnerstag, … Aber an den Dienstag, mit seinem Müllautoterror reichen diese Tage nicht heran. Wie schön, wenn mitten in der Nacht nur die Amseln trällern und die Tauben gurren!

* * *

Neulich hörte ich diesen Spruch:

„Wenn ich mal groß bin, werde ich Müllmann. Die arbeiten nur am Montag.“

Meine Müllis schuften am Dienstag. Die haben die zweite Schicht in der Woche abgefasst. So ein Müllauto ist teuer und muss ausgelastet werden. Dienstag ist auch nicht besser. Es wäre trotzdem nichts für mich. Einmal in der Woche mitten in der Nacht aufstehen, könnte ich verkraften. Ich hätte ja genügend Zeit zum Ausschlafen, zum Beispiel am Montag. Aber ich bin so gutmütig. Ich brächte es, jetzt wo ich weiß, welche körperlichen und psychischen Schäden ihre Arbeit verursacht, nicht fertig, diesen Job zu übernehmen.

Irgendwann kommt die große Abrechnung. Irgendwann werde ich gefragt, ob ich immer lieb war. Dann müsste ich kleinlaut zugeben,
„Ich war immer ganz lieb, nur nicht am Dienstag vor sieben.“