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Manche Jobs sind wirklich nicht jedermanns Sache. Aber man kommt häufig nicht drum herum. Einen Kaugummi oder eine Murmel zu suchen, kann auch dazugehören. Glaskugel unter der Schrankwand oder in den Tiefen der Couch mag durchaus die angenehmere Variante sein, als jene, die dem kindlichen Einfallsreichtum entspringt.

Gestern Abend, gleich nach der Tagesschau, bin ich noch einmal losgezogen. Ich brauchte einige Kleinigkeiten aus dem Supermarkt. Und ein paar Schritte an der frischen Abendluft tun dem Körper eines Büromenschen auch mal ganz gut. Besser als das Fernsehprogramm ist solch ein Marsch durch die abendlichen Straßen der Stadt auf jeden Fall!

Im Discounter ist erstaunlicherweise nicht viel los gewesen. Das war nicht der Laden, in dem all die Regale immer so unaufgeräumt sind, sondern der andere und schon gar nicht dieser verdammte Supermarkt meines Vertrauens. Diese Leere in einem Supermarkt ist selbst um diese Uhrzeit ungewöhnlich. Normalerweise gibt es nur wenige Möglichkeiten. Entweder es ist eine lange Schlange an der Kasse oder es sind Schlangen an zwei Kassen. Die nächste Möglichkeit mit der dritten Kasse habe ich noch nie erlebt. Stattdessen wickelt sich die Schlange dreimal um Pizzakühlung und Haarshampooregal. Der tägliche Hauptgewinn heißt dann ‚Bonrolle ist zu Ende‘.

Diesmal schaffte ich es kaum, meinen Kram aufs Förderband zu stapeln. Da piepste die junge Kassenbedienungsfachkraft schon die Tüte mit den Äpfeln ein. Nebenbei scherzte die Dame an der Kasse, schließlich ist sie multitaskingfähig, mit dem Herrn, der diese surrende Ladenreinigungs-Dreckverteilungsmaschine durch den Discounter schob.

Meistens ist die Grazie an der Registrierkasse ziemlich brummig und eher schlecht gelaunt. Das ist verständlich, wenn eine Horde ungeduldiger Kunden tonnenweise ihren ganzen Klimbim aufs Förderband klatscht. Aber diesmal saß eine andere dort. Die kannte ich nicht. Sie ist wohl neu hier und kennt die brummeligen Gepflogenheiten der Kundschaft noch nicht. Ich bin ja nicht so ein typischer Brummbär. Ich bin eher etwas wortkarg, meistens jedenfalls. Es gibt bekanntlich auch Ausnahmen. Gleichwohl war sie erstaunlich gut gelaunt. Nachdem sie meinen Kram gescannt hatte, förderte das Förderband nur noch frische Discounterluft ohne Strichcode auf der Rückseite. Das empfand sie bestimmt als ganz angenehm.

Während ich das Wechselgeld in mein Portmonee einsortierte, stöhnte der vor seiner brummenden Maschine kniende Herr unmutig vor sich hin. Ein fetter, in die Flusen des Discounters kunstvoll eingefilzter Kaugummi verstopfte seine Düse. Nein, es war nicht seine Düse, der Batzen klemmte vor der Maschinendüse, die das Aufwischwasser aufsaugen soll. Das war also keine echte Düse, sondern eher ein Saugrüssel. Und den musste er nun wieder freimachen. Das ist keine schöne Arbeit.

„Jammere nicht herum! Was meinst du, was ich gestern gemacht habe! Meine Tochter hatte eine Murmel verschluckt!“ Es folgt eine Schrecksekunde von mindestens fünf Sekunden Dauer, in welcher der Herr regungslos vor seinem Apparat hockt. Ich befürchtete schon, er kippt gleich um.
„Hast du da reingeschaut?“ Er traut sich nicht, die Stoffe beim Namen zu nennen.
„Was denkst du? Ich muss doch wissen, ob das Ding wieder raus ist!“
„Oh Gott!“, zu weitergehenden Äußerungen scheint dieser Herr offensichtlich nicht fähig zu sein. Interesse für praktische Details der Murmelsuche kommt bei ihm nicht auf. Stattdessen flucht er weiter über diese verdammte Technik. Der Filzgummi muss sich regelrecht festgesaugt zu haben. Außerdem kniet er in einer Wasserlache. Als er die nasse Stelle an seiner Hose bemerkt, höre ich ein Wort, dass gut zu der murmeligen Unterhaltung passt:
„Scheiße!“ Die Kassendame lacht derweil. Ich bringe eine Prise Schwung in die Plauderei:
„Sie wissen doch, junge Frau, Männer müssen immer ein wenig jammern. Das ist genetisch bedingt. Nun bedauern sie ihren Kollegen mal etwas! Verwenden Sie das Wort ‚Held‘! Das tut ihm gut.“ Mein Einkauf ist nun ordnungsgemäß im Rucksack verstaut und ich schiebe den leeren Einkaufswagen hinaus. Gerne hätte ich erfahren, ob der Herr aus seiner tiefen seelischen Krise wieder herausgefunden hat.

So unterhaltsam kann der Einkauf beim Discounter sein! Ob die Tochter demnächst noch einmal mit ihren Murmeln spielt? Bestimmt darf sie das nur unter strenger mütterlicher Aufsicht. Was ist mit der verschluckten Kuller passiert? Steht die den spielerischen Ambitionen des Kindes wieder zur Verfügung, liegt sie jetzt als Mahnmal in der Schrankwand im Wohnzimmer oder trat sie im Mülleimer die lange Reise in den Murmelhimmel an? Die arme, arme Murmel, das Schicksal war einfach nur grausam zu ihr! Steckenbleiben wäre aber auch keine bessere Lösung gewesen, für niemanden.

 

N.B.: Diese Geschichte widme ich allen Müttern und Vätern. Achtet auf die Kinder beim Murmelspiel! Das erspart ganz speziellen Stress beim Murmelsuchen.