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Hauptbahnhof Erfurt

Hauptbahnhof Erfurt

Wer mit dem Zug nach Erfurt kommt, hat manchmal eine Odyssee hinter sich. Oder er reibt sich verschlafen und ausgeruht die Augen.
„Endlich … Angekommen!“ sagen die Reisende, atmen tief durch, sind etwas ermattet, aber zufrieden. Sie sind froh, ihr Ziel heute erreicht zu haben. Der erste Eindruck der Stadt ist dann der Bahnhof, wie überall. Im Großen und Ganzen sieht der ganz manierlich aus. Das Übliche also.

Da sitzt ein Penner, dort ist ein Papierkorb umgefallen und verteilt seinen Inhalt über den Bahnsteig. Vor dem Fahrkartenautomaten wartet eine Schlange und eine Frau schimpft laut, weil er ihre EC-Karte nicht lieb hat. Zwei Jugendliche rennen den Gang entlang und hoffen, dass sie ihren Zug noch erreichen. Ein Opa sitzt auf seinem Koffer und ruht sich aus. Bei MeckDingsbums riecht es wie immer bei MeckDingsbums. Das ist gut. Weil der Wiedererkennungswert marketingtechnisch positiv zu bewerten ist. Ein Kleinkind schreit, die Mutter versucht vergebens, es zu beruhigen. Eine Lautsprecherdurchsage jagt die nächste. Alle klingen weltweit irgendwie gleich. So als wenn die, natürlich weibliche Stimme, einen Mann habe ich Ewigkeiten nicht vernommen, gerade einen Joint geraucht hat. Zwei Männer in Arbeitsanzug und mit Migrationshintergrund, was für ein furchtbares Wort, schieben gelangweilt einen überbreiten Besen den Bahnsteig entlang. Es ist eben genau so, wie ein moderner Bahnhof einer Landeshauptstadt heute aussieht. Stuttgart lassen wir in diesem Zusammenhang einfach mal außer Acht. Stuttgart ist ein ganz besonderes Kapitel deutscher Bahnhofsbaukunst, deutscher Demokratie, deutscher Verschwendung, deutscher Vernunft.

Auch der Erfurter Bahnhof ist ein Kapitel für sich, auch ein ganz besonderes Kapitel! Dank Wende und VDE – Verkehrsprojekt Deutsche Einheit – ist viel Geld ausgegeben worden. Die Bahn versuchte dieses Kleinod deutscher Eisenbahngeschichte in das typische Schema „quadratisch, praktisch, Glas, Stahl und Beton“ hinein zu quetschen. Das ist gelungen. Die Quetschspuren sind deutlich zu erkennen. Vielen Erfurtern kommen die Tränen. Die kommen vor Wut, nicht vor Rührung.
„Ist der Denkmalschutz in Deutschland bestechlich? Ist eine Stadt käuflich?“ Das sind Fragen, auf die man in diesem Zusammenhang kommen könnte. Inzwischen hat sich Erfurt mit diesem Bahnhof abgefunden, sich einfach an ihn gewöhnt. Es ist sowieso nichts mehr zu ändern. Resignation auf der ganzen Bahnlinie! Das Aushängeschild einer Stadt, der Bahn sieht anders aus.

Dicht gemacht

Dicht gemacht

Pünktliche Züge hat es mit diesem Bahnhof auch schon gegeben. Natürlich nur, wenn die Züge auch fahren. Immer wieder wird der Bahnhof wochenendeweise stillgelegt. Es muss mal wieder ein Stellwerk umgestellt oder umprogrammiert werden. Wie das mit dem Umstellen dieses Stellwerks funktioniert, ist unbekannt. Es steht seit seinem Bau standhaft an derselben Stelle. Das Stilllegen des Bahnhofs wird auch in diesem Jahr passieren. Pfingsten ist wie immer ein beliebter Termin. Besonders gern mögen ihn die Busfahrer, die dann den Schienenersatzverkehr managen müssen, statt mit der Familie zu feiern. Dieses Verkehrsprojekt mit seiner ICE-Strecke, die Berlin, Leipzig, Erfurt und Nürnberg miteinander verbindet, benötigt noch ein paar Jährchen bis zur Fertigstellung. Die Wende ist ja schließlich erst etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Ob es vor 2020 etwas wird, ist unwahrscheinlich. Zu viele Terminverschiebungen, Geldumverteilungen und Grundsatzdiskussionen hat es schon gegeben. Derzeit ist wohl 2017 im Gespräch. Aber wir wissen ja, was passiert, wenn unsere Politiker ins Gespräch kommen, gar etwas versprechen. Viele Grüße aus Erfurt übrigens an BER, die Hamburger Philharmonie, …

Es war im Jahr 2002. Der gute alte Erfurter Bahnhof ist in die Jahre gekommen. Seit seiner Eröffnung 1846 haben der Zahn Zeit und die Geschichte beständig an ihm geknabbert. Trotzdem wurde er geliebt. Das war zu Zeiten, als die Bahn noch Reichsbahn hieß und Autos nicht zur üblichen familiären Grundausstattung gehört haben. Ich erinnere mich noch gut an den Mitropa-Wartesaal. So viel Gemütlichkeit auf einmal war einfach erschlagend. Viereckige Tische mit speckiger, angeschlagener Sprelacartplatte, eine genervte Bedienung und ein Kaffee, der als Rattengift durchgegangen wäre. Zu essen gab es auch irgendetwas. Neben dem Wartesaal war der Eingang zum Wartesaal für die in der DDR stationierten sowjetischen Soldaten. Da roch es immer nach Stiefelwichse. So haben wir das genannt. Ich möchte nicht wissen, wie es dort ausgesehen hat. Ein paar Meter weiter standen immer zwei Türen sperrangelweit offen. Der typische Duft eines Mitropa-Klos drang nach außen. Der hat die Schritte beim Vorbeilaufen deutlich beschleunigt. Nur im allergrößten Notfall schritt man durch diese Türen. Aber ansonsten war es ein ganz normaler Bahnhof. Es gab Fahrkartenschalter, Automaten waren ja noch nicht erfunden worden, einen Blumenladen und einen Zeitschriftenkiosk. Irgendwo war auch eine Telefonzelle. Rolltreppen rollten, wenn sie rollten, zu den Bahnsteigen hoch. Die Minimalvariante einer Rolltreppe war ein Koffertransportband an der Seite der Treppen. Ich habe nie gesehen, dass eines gerollt ist. Die Schaffner hatten direkt am Bahnsteig gläserne Büros, was der Übersicht zugutekam. Sie mussten alle Lautsprecherdurchsagen noch selbst erledigen. Das hatte etwas Persönliches. So etwas schafft Vertrauen. Dort gab es viele Knöpfe zum draufdrücken und Hebel zum Hebeln. Das Cockpit eines ICE ist gar nichts dagegen! Die Züge fuhren nur ab, wenn der Schaffner seine Schaffnerkelle hochgehoben und laut in seine Trillerpfeife gepustet hat. Das war vielleicht romantisch! Kein Wunder also, dass die Hälfte der Kinder Schaffner und die andere Hälfte Zugführer werden wollte.

Das Besondere am Erfurter Bahnhof war das sogenannte Inselgebäude mit dem erwähnten Mitropa-Wartesaal. Dieses Inselgebäude lag zwischen den Bahnsteigen. Es war damit etwas Einzigartiges und stand schon lange unter Denkmalschutz. Bis … ja bis die Bahn, da hieß sie sicher nicht mehr Reichsbahn, auf die grandiose Idee gekommen ist, den Erfurter Bahnhof, ähnlich wie den Leipziger, völlig umzubauen, modern und schick. Schließlich liegt der Bahnhof direkt an der künftigen Nordsüd-ICE-Magistrale.

Der Abriss

Der Abriss

Also musste 2005 der alte Bahnhof, zumindest der größte Teil davon, weg. ‚W‘ wie weg und ‚G‘ wie ganz weg. So etwas lässt sich nicht zwischen zwölf und halb eins in der Nacht erledigen. So etwas nimmt seine Zeit in Anspruch. Das hat sich herum gesprochen. Unmengen an Fotografen und Bürgern wollten diese Freveltat festhalten. Der Bahn hat dies nicht gefallen. Einige erhielten ganz schlimmes Hausverbot. Das wurde nach diversen Presseveröffentlichungen und um noch mehr Imageverlust zu vermeiden, mit einer Kullerträne im Knopfloch reumütig zurückgenommen. Ganz Erfurt hat die Bahn ausgelacht. Genützt hat es nichts. Der Erfurter Seele tat es gut!

Es hat Jahre gedauert, bis der neue Bahnhof fertig war. Von 2002 bis 2008 wurde gewerkelt. Manchmal haben sogar mehr als zehn Arbeiter gleichzeitig geschuftet. Geschuftet ist vielleicht ein wenig übertrieben. Einer hat gehämmert, einer hat zugeschaut, der Dritte hat seine Zigarette geraucht, einer hat aufgepasst, ob alles richtig gemacht wurde, einer ruhte sich von dem ganzen Stress aus, einer war der Chef, einer sein Vertreter, einer war vom Betriebsrat und hat aufgepasst, ob es genügend Pausen gab, einer war der Architekt, hat den Plan gehalten und nur dumm zugeschaut und einer saß auf im Dixi Klo. Alles in allem wurde wirklich mit Hochdruck gearbeitet.

Die Länge der Überdachung wurde halbiert. Das war ja alles so teuer! Die Fahrgäste können ruhig an der zugigen, frischen Erfurter Luft auf ihren verspäteten Zug warten, dachte sich die Bahn. Erfurter Luft ist lecker und gesund. Einen Mitropa-Wartesaal gibt es nicht mehr. Dafür sind die Hallen großzügig gestaltet. Sogar Bänke wurden aufgestellt. Die heutzutage üblichen Gaststätten und Geschäfte dienen dem Zeitvertreib und leiblichen Wohl. Tief unten drunter ist eine Tiefgarage. Das ist praktisch für die Erfurter. Die Straßenbahn hält direkt am Bahnhof, ebenso die Busse. Das ist auch ganz praktisch.

Vor dem Bahnhof ist der Bahnhofsvorplatz. Das hätte sicher niemand so schnell erraten. Deshalb erwähne ich es einfach Mal. Dieser Platz heißt Willy-Brandt-Platz. Der ist furchtbar historisch. Er ist auch ziemlich alt. Aber das Historische hat er erst im Jahre 1970 bekommen. Da hat Willy Brandt die DDR besucht. Mit Berlin war das damals so eine Sache. Normalerweise finden Staatsbesuche in der Hauptstadt eines Landes statt. Aber Berlin hatte wegen des Viermächtestatus und Westberlins einige Besonderheiten. Aufgrund der verkehrsgünstigen Lage oder wer weiß warum, wurde für Willy Brandt eben Erfurt ausgesucht. Das war keine schlechte Idee, da konnte Brandt im Zug ankommen und direkt gegenüber im Interhotel ‚Erfurter Hof‘ residieren. Dumm war nur, dass das auch vielen Menschen in Erfurt gefallen hat. Sie sind zum Bahnhof gekommen und haben laut
„Willy, Willy!“ gerufen. Willi ist dann auch ans Fenster getreten. Es war leider der falsche Fuffziger, nein der falsche Willi. Es war Willi Stoph, seines Zeichens DDR-Ministerpräsident. Diese Schnapsnase wollte natürlich niemand sehen. Irgendwann ist dann der richtige Willy ans Fenster getreten, genau in dem Moment, der ein historischer, ein ganz, ganz großer Moment der deutschen, nein, der Weltgeschichte geworden ist. Er stand da, hat ein wenig gelächelt, dann langsam seine Hand zum Gruß gehoben. Das war es schon. Mehr war auch nicht nötig. Mehr hätte die Situation vielleicht eskalieren lassen. Schließlich waren nicht nur normale Bürger auf dem Platz, mindestens genauso viele Polizisten und Stasileute standen dort. Rausgekommen ist bei dem Brandt-Besuch nicht sehr viel. Der historische Moment reicht auch schon, um ihn unvergessen zu machen. Der Gegenbesuch von Willi bei Willy fand recht unspektakulär in Kassel statt.

Willy Brandt hatte ein Händchen für historische Momente. Ich erinnere nur an seinen Warschau-Besuch. Was war das für ein Mensch! Davon gibt es nicht viele pro Jahrhundert. In diesem ist mir noch keiner über den Weg, sprich Fernseher gelaufen. Es fehlt allen einfach das Format zur Größe. Selbst Mr. O., in den so viele Hoffnungen gesetzt wurden, versagt auf der ganzen Linie. Der hat ja nicht einmal immer die nötige Penunze, um immer seine Staatsbeschäftigten zu bezahlen!

Nun wissen wir, woher der Bahnhofsvorplatz in Erfurt seinen Namen hat. Es gibt außer dem Namen des Platzes noch etwas, was an diesen Besuch erinnert. Es ist …, ja was ist es denn? Ein Kunstwerk, ein Irgendetwas, ein …? Ich sage es offen. Es ist eine billige Werbeleuchtreklame. „WILLY BRANDT ANS FENSTER“ steht oben an dem ehemaligen Hotel dran. Das ist eine so richtig bekloppte, emotionslose, zeitgerechte, kunstlose Erinnerung an dieses Ereignis. Ich kenne Niemand, dem das gefällt. Aber: Sie bringt die Größe dieses Moments durch ihre Nichtigkeit erst richtig zur Geltung. Der Name des Künstlers, der den Schriftzug kreiert hat, steht auf einer metallenen Tafel geschrieben. Man muss ihn wirklich nicht kennen.

Der Bahnhof heute

Der Abriss