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Mühlrad

Mühlrad

Es war ein Freudenfest, ein Fest der Sinne, der Erinnerung und des Schweißes. Der Anblick hat ihn überrascht. Damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Und nun muss auch ich noch meinen Senf dazugeben!

Mitten in der allergrößten sommerlichen Hitze stand der kleine Ingenieur in mir da und bekam vor Freude und Überraschung den Mund nicht wieder zu. Wir hatten am pfingstmontaglichen Mühlentag die Senfmühle in Kleinhettstedt besucht. Das Nest liegt mitten in Thüringen, man kann es, selbst mit Navi, kaum verfehlen. Hätte ich gewusst, welche Attraktion es bereithält, wäre ich dort längst Stammgast. Bestimmt haben sie die Senfmühle in diesen kleinen Ort gebaut, damit sie gut getarnt ist und ihr der technische Fortschritt nicht zu viel anhaben kann. Doch dann kam der technische Fortschritt in Form des gnadenlosen Klickens vom Verschluss meines Fotoapparats. Nicht einmal das Lied vom Holzmichel oder das Rennsteiglied, das von einer ortsansässigen Band und den Massen der Mühlenbesucher geträllert wurde, hat uns den Spaß verdorben. Da sind wir hart im Nehmen.

Eine Mühle hat ein Mühlrad. Das gehört sich einfach so. Entweder ist auf halber Höhe ein windgetriebenes Flügelrad montiert oder, wie im Fall der Senfmühle in Kleinhettstedt, leiert ein eher weiter unten angebrachtes Wasserrad gemütlich im Dorfbach vor sich hin. Das Wasserrad macht sagenhafte fünfeinhalb Umdrehungen in der Minute und liefert wahnsinnige 2,5 KW, das sind 3,4 PS. Das ist etwa soviel, wie mein Simson-Moped hatte, mit dem ich früher, als ich noch jung, schön und ungeküsst war, durch die Gegend gerockt bin. Und wenn die Mühlen-PS mal nicht gereicht haben, die Saaten zu mahlen, dann wurde später eine Dampfmaschine dazu geschaltet. Letzteres praktizierte man besonders im Zeitalter der industriellen Revolution, also ab dem 19. Jahrhundert.

Das Besondere an dieser Mühle ist, dass die alte Technik, angefangen von der großen Dampfmaschine, über die Transmissionen zur Kraftübertragung bis hin zu den eigentlichen Mühlen immer noch gut erhalten ist. Das ist eben solide Technik. Da gibt es keine Sollbruchstellen! Mit ein wenig Liebe und ganz viel eklig, schwarzer Schmiere liefen die Maschinen locker vom Hocker einhundert Jährchen. Und wenn man dann ganz zärtlich über die jahrhundertealte schmierige Patina gestreichelt hat und dem Teil eine Extraportion Schmiere angedeihen ließ, war sie für weitere hundert Jahre gerüstet.

Heutzutage gäbe es mit dieser Technik allerdings ein echtes Problem. Max Lautlos, seines Zeichens Betriebsratsvorsitzender der Kleinhettstedter Senfmühlen AG und Schwippschwager des legendären Fußballtrainers Max Torlos leistete sich gerne ein unternehmenspolitisches Späßchen. Wenn er zusammen mit dem Betriebsarzt und dem Gesundheitsbevollmächtigten der Berufsgenossenschaft zur Inspektion der Arbeitsplätze anmarschiert kam, dann schrie er schon von Weitem:

„Ausschalten!“

Dieses ratternde, qualmende, tosende Ding ist für uns Menschen der Neuzeit einfach zu laut. Früher waren Müller echte Pfundskerle. Für die zählte nur Mehl von Getreide und Senf. Heutige Arbeiter sind kleine Sensibelchen. Auf die passt Vater Staat auf. Kein Arbeiter darf sich diesem Monstergerät, wenn es in Betrieb ist, auf weniger als sieben Meilen nähern. So steht es in irgendeinem Gesetz. In Deutschland steht alles in einem Gesetz. Bei uns ist alles genormt. Selbst der Krach vom Senfmahlen hat sich danach zu richten! Jedenfalls ist der Maschinenpark nicht mehr in Betrieb. Max Lautlos hat sein Ziel erreicht. Die Produktion läuft nun in China. Das frischgemahlene Senfmehlimitat, zur Haltbarmachung mit E512 angereichert, kommt per wöchentlicher Postwurfsendung direkt aus Peking. Die Schallwellen der chinesischen Senfmühle werden direkt in Energie umgewandelt. Diese wird neben der Beleuchtung für die Straßen der chinesischen Hauptstadt auch zum Antrieb der Senfmühlen genutzt.

Etwas ähnlich Solides gab es neulich im TV zu bewundern. Da starteten drei Verwegene in den Kosmos um ein paar Tage, Wochen und Monate auf der ISS zu verbringen. Mangels amerikanischer Supertechnik musste man auf die russische Sojus-Rakete ausweichen. Kein Problem, das Teilchen schwang sich kraftvoll und mit lautem Getöse in die Höhe und folgte millimetergenau der vorausberechneten Bahn. Bei etwa 8 Sekundenkilometerchen hat sie den Motor ausgeschaltet. Von da an ging es von alleine weiter. Erdanziehung und Fliehkraft hielten sie in der Bahn. Ihre Wuptizität hat sie haargenau an den Koppelstutzen der Raumstation geführt, wo sie butterweich angedockt ist.

Unsere Formel 1-Barden sind sprachlos und neidisch. Soviel Speed bringen sie selbst bei Rückenwind und bergab nicht auf die Piste. Das da oben ist eben echte russische Wertarbeit, aus einen Stück gefeilt. Aber eigentlich sind das ja vier Teile, so eine Rakete: drei Raketenstufen und die Raumkapsel. Der technische Fortschritt geht eben auch an den Russen nicht vorbei. Wenn die 2020 tatsächlich aus dem ISS-Projekt aussteigen, na dann Prost Mahlzeit! Ich mag gar nicht daran denken!

Gestern habe ich dem kleinen Ingenieur verraten, wohin wir am ersten Juli-Wochenende reisen werden. Er hat Freudensprünge vollzogen, war kaum zu beruhigen. Unser letztjähriger Besuch der Zuckerfabrik Oldisleben ist ihm noch in guter Erinnerung. Auch dort gibt es die solide Technik des 19. Jahrhunderts zu bewundern. Ich darf die temperierten Kühlakkus nicht vergessen! Der Auslöser an meiner Kamera wird wieder glühen. Und auf das Kloster Donndorf freut er sich auch schon.

 

N.B.: Ich habe in diesem Text einen physikalischen Fauxpas versteckt. Wer findet ihn?
Wer ihn als erster entdeckt und im Kommentar erwähnt, erhält zur Belohnung eine gebührenpflichtige lobende Erwähnung in meinen wahrscheinlich niemals erscheinenden Memoiren.