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Teil 2: Automaten und schlecht lackierte Fingernägel

Ich lasse mich nicht ärgern – von hochmodernen Maschinen oder halb nackten Fräuleins schon gar nicht!

Neulich wollte ich mal wieder Leergut wegschaffen. Im Laufe der Zeit sammeln sich immer etliche leere Flaschen an. Unser Land ist ja so unglaublich umweltbewusst. Da wird alles recycelt oder gar mehrfach verwendet. Selbst die Socken werden mindestens hundertmal gewaschen, bis einer nach Suizid in der Kleidersammelbox zumute ist. Ohne Deutschland wäre die Welt längst unter Müllbergen versunken. Wir sind die Helden der Neuzeit!

Also trabe ich mit einer großen Plastiktüte, in der sich mein ganzer Reichtum befindet, zum Supermarkt meines Vertrauens. Wenn ich ehrlich bin, hält sich dieses Vertrauen sehr in Grenzen. Es schrammt ganz scharf an der Grenze zum Misstrauen entlang. Natürlich wird diese Tüte mehrfach verwendet, bevor sie völlig verschlissen ihren Lebensabend in der gelben Tonne verbringen darf.

Ich schnappe mir einen Einkaufswagen, hänge meine klappernde Flaschentüte daran und kurve durch den Laden. Zwischendurch greife ich mir ein paar Äpfel, ein Stück Butter und ein Sechserpack frische Landeier. Jetzt fällt mein Blick auf den Flaschenrücknahmeautomaten. Ausnahmsweise stehen nur drei Leutchen davor. Also reihe ich mich in die Schlange ein und warte. Ein Flaschensammler ist gerade dabei, seine Tagesausbeute abzuliefern. Man sieht ihm an, dass er Übung hat. Es geht eins, zwei, drei bei ihm. Das lässt hoffen. Schon ist er fertig. Diese Zusatzeinnahme wird wenigstens nicht auf seinen kargen Hartz-IV-Satz angerechnet. Der Umwelt kommt das auch zugute! Der Typ gefällt mir.

Der Nächste hievt einen Kasten mit klappernden Bierflaschen in den Automaten und schiebt dann noch drei einzelne Flaschen in das Maul des Monstergeräts nach. Dann drückt er den Knopf. Das Gerät hat nur einen Knopf. Wenn man darauf drückt, kommt der Pfandbon heraus. Bevor er zur Seite tritt betrachtet es seinen Zettel in aller Ruhe und so richtig genüsslich. Sein Gesichtsausdruck verrät Zufriedenheit, fast eine erotische Erregung. Bestimmt hat er gerade besonders kostbare Flaschen zum Recyceln gegeben. Bei den heutigen Goldkursen kann man dem Reichtum nahe sein. Vielleicht träumt er auch davon, wie er mit einem Bier in der Hand und seiner verängstigten Holden auf dem Schoß gemütlich auf der Couch saß und diesen Superthriller im Fernsehen anschaute. Oder war es das letzte Spiel vom HSV? Da saß allerdings er verängstigt auf ihrem Schoß. Es sind nur Vermutungen. Der Typ bräuchte nur einen Schritt zur Seite zu grätschen. Aber noch gewährt er der blonden Schönheit, die mich vom Automaten trennt, keinen Zutritt. Er steht da – stur und bockig wie ein Goldesel.

Nun ist diese großgewachsene Dame an der Reihe. Ihr nackter Steiß schaut unter dem hübschen Jäckchen hervor. Der Anblick lässt ahnen, dass sie, wenn überhaupt, einen ganz knappen Slip trägt. Oder verbirgt sich unter ihrer strammen Jeans doch noch so etwas wie ein Liebestöter aus drei Quadratmeter Häkelware? Die Klamotten vor Ururoma erleben ja immer mal wieder eine Renaissance und werden gerne aufgearbeitet. Ich kann nichts dafür, dass ich solche Gedanken habe. Daran ist nur diese Halbnackte Schuld. Wie läuft die erst einmal herum, wenn die Sonne richtig lacht? Es hätte schlimmer kommen können. Ich sage nur ein Wort: „Arschgeweih“! Da fällt mir ein Song von Ina Müller ein. Seit Titel lautet „Bye, bye Arschgeweih!“. Typisch Ina Müller!

Zwei große Einkaufstüten, gefüllt mit Flaschen unterschiedlichster Art, stehen vor der Lady. Sie bückt sich nach jeder Flasche einzeln. Wenigstens ein genügend langes Unterhemdchen wäre bei diesem Mistwetter empfehlenswert. Warum muss ausgerechnet ich immer diese geteilten Tatsachen anschauen müssen? Andererseits … Obwohl, wenn da beim Hinunterbeugen ganz klammheimlich so ein klitzekleines Püpschen entfleucht. Das hat nur einen kurzen Weg in die Freiheit. Und ich Armer stehe direkt dahinter! Solche duftigen Probleme wurden hier ja schon einmal beleuchtet.

Hoffentlich befinden sich in ihrem Rucksack nur der üblichen Handtaschenkram und nicht noch weitere Flaschen! Bis sie die dann findet, das kann dauern. Was Frauen immer alles mit sich herum schleppen. Das überfordert den Verstand von Männern.

Schon bei der ersten Plastikflasche, die sie mit spitzen Fingern in den Schlund dieses Automaten schiebt, ist mir eines klar. Sie ist eine blutige Anfängerin. Außerdem könnte sie sich ihre Krallen wirklich mal schneiden. Für diese Teile bräuchte sie eigentlich einen Waffenschein. Wenigstens frisch lackieren, wäre eine schönheitsförderliche Maßnahme. Abgesplitterter, fast schwarzer Lack ziert die schmalen Finger. Das sieht nicht schön aus. Was sagte meine liebe Mama immer, wenn ihr Sprössling vom Spielen heimkam und dicke schwarze Ränder seine Fingernägel zierten? „Ab ins Bad! Hände waschen, Fingernägel bürsten!“ Wenn der Ärger über diese Anweisung verflogen war und meine Fingerchen glänzten, war die Welt wieder in Ordnung.

„Oh Mann! Die ist ja dümmer als ein Roggenbrot von vorvorgestern!“ Die Flaschen sind alle total verbeult! Das ist auch kein Wunder, wenn man die leeren Plastikflaschen fest zuschraubt. Bei diesem lauen Frühlingswetter zieht sich die Luft darin auf dem Weg zum Supamakt zusammen und die Flaschen knautschen nach innen. Jede zweite kommt postwendend wieder aus dem Apparat heraus. Wie soll diese hochmoderne Technik solche windschiefen Etiketten lesen können? „Mensch Mädel! Das ist Technik eines deutschen Großkonzerns, die kann gar nicht perfekt sein!“

Und nun versucht sie auch noch die Maschine auszutrixen! „Ey Lady, da steht ‚Flasche nicht im Sortiment!‘ Kannst du nicht lesen? Solche Flaschen will der wirklich nicht. Versuch es damit mal dort, wo du sie erstanden hast! Fahr meinetwegen nach Sylt, wenn du die Limonade da gekauft hast! Hier hältst du nur den Verkehr auf!“ Ich bin wie immer Gentlemen auf der ganzen Linie und denke dies nur in mich hinein. Ich werde noch wahnsinnig mit dieser Tussi! Nach dem dritten erfolglosen Versuch zeige ich mit dem Finger auf die Anzeige um sie quasi mit ihrer hübsch gepuderten Nase auf das Problem zu stupsen. Genau in diesem Moment erklingt dieses Lied, das immer gespielt wurde, als Henry Maske den Boxring betrat. Ich bekomme einen Schreck. Ist die etwa eine Boxerin und will mir eins auf die Zwölf geben? Ich mag doch kein Blut sehen! Nein – Glück gehabt – nur ihr Handy meldet sich gerade.

Sie schiebt sich das Handy zwischen Schulter und Kinn. Das tut der Muskulatur im Nacken auf Dauer bestimmt nicht gut. Irgendwie gönne ich ihr diese leichten Schmerzen im Nacken, wenn sie heute Abend vor dem Fernseher sitzt. Kommt hier eine verborgene sadistische Ader aus meinem tiefsten Innern zum Vorschein? Mit ihrer piepsigen Stimme, die überhaupt nicht zu einer Einsachtzigfrau passt, erzählt sie ihrem Freund David, wie anstrengend ihr Tag war. Eins achtzig, ohne die Absätze ihrer Stiefel aus dem Internetversand. Sonst wären es schlappe zwei Meter. Als Einssiebzigmann, ohne die schmalen Absätze gemessen, sehe ich so etwas auf den ersten Blick. Ich erfahre, dass sie in einem Friseurgeschäft ihren Kunden die Haare toupiert. Leicht ist solch ein Job sicher nicht. Es ist spannend und ablenkend, ihr zuzuhören. Ich fühle mich wie der amerikanische Geheimdienst. Sie erzählt nur Stuss, der niemanden interessiert. Es ist, wie am Abend vor der Glotze. Keinen interessiert es, aber alle schauen zu.

Wenn man den ganzen Tag mehr oder weniger stehen muss, im Wasser panschen darf und leckere Chemikalien auf fremde Köpfe rührt, dann weiß man am Abend, was man getan hat. Bestimmt verdient ihr David genügend, dass sie sich solch einen Job leisten kann. Das Pfand für die vielen Flaschen ist ein willkommener Zuschuss zum Haushaltsgeld. Vielleicht gönnt sie sich mal eine Tube frischen Nagellacks? Das wäre doch auch eine Idee für ihren David. Der könnte sich mal eine kleine Freude bereiten, wenn er ihr etwas Nettes unters Kopfkissen legt. Sicher ahnt der, dass sie dies niemals finden wird.

Jetzt würde mich mal interessieren, wie diese Nudel heißt. Aber ihren eigenen Namen erwähnt sie nie. Ich tippe auf Nancy, Nancy aus Sachsenhausen. Das passt doch gut zusammen, Nancy und David!

Ist es nicht verrückt, auf was für bescheuerte Gedanken man kommt, wenn man darauf wartet, endlich sein Leergut an den Mann, besser gesagt an die Maschine zu bringen. Aber wenn eine solche Expertin an diesem Hightech-Monstrum steht, braucht man sich über nichts mehr zu wundern. Jedenfalls scheint sie hübsche Bäckchen zu haben! Und sportlich ist sie obendrein. Für jede einzelne Flasche macht sie eine Kniebeuge und präsentiert die gefurchte Einsicht. Einfacher ist es, die Flaschentüte in den leeren Einkaufswagen zu stellen. Aber bestimmt spart sie so den Beitrag fürs Fitnessstudio. Die ist wahnsinnig clever! Sie ist sparsam und sorgt für Unterhaltung des Publikums. Demnächst muss man am Eingang zum Supermarkt noch einen Obolus entrichten, wenn Nancy am Automaten steht.

Inzwischen hat die Dame mindestens fünf Nichtsortimentsflaschen in die Kiste, die gleich hier steht, entsorgt. Die war, als sie an die Maschine trat, noch leer. Der Flaschensammler hatte sie fein leer geräumt. Der kennt sich aus. Der weiß, wo er die Flaschen zu Geld machen kann. Der ist nicht blond, sondern eher grau meliert und furchtbar zottelig. Kommt gerade mit seinem Wagen wieder vorbei. Nein, Schnaps liegt nicht darin. Ein Zweipfundbrot, Margarine und eine Flasche Bier. Wirklich nur eine Flasche Bier. Ich habe extra mit heimlicher Neugier in seinen Wagen geschaut. Hier kann man alle Vorurteile in die Tonne kloppen. Bei der blonden, piepsigen Nancy mit den ungepflegten Fingernägeln und den hochhackigen Stiefeln eher nicht.

Jetzt setzt sie den Rucksack ab und knallt ihn in den Einkaufswagen. Ich höre Flaschenklirren und weiß nun, dass sich meine schlimmste Vorahnung erfüllen wird. Überraschend schnell findet sie allerdings die erste Flasche in dem Rucksack. Wo bleibt das Frauenhandtaschenparadoxon? Lässt es mich im Stich? Wenigstens scheint das Ende dieser blondlackierten Flaschenorgie absehbar zu sein. Hinter mir hat sich inzwischen eine Schlange von vier Leergutabgabewilligen gebildet. Gleich hinter mir wartet ein Mädchen, ich schätze es auf vielleicht acht Jahre. Es begleitet ihren Vater beim Einkauf. Sie tuschelt ein paar nette Worte.
„Die stellt sich aber dämlich an!“ höre ich heraus. Während der Vater mit einem
„Pst!“ antwortet, bin ich geneigt, ihr spontan recht zu geben. Als ich mich umschaue stelle ich fest, dass sie einen blonden Pferdeschwanz hat. Das passt nicht zu ihr. Das spricht gegen das allgemeine und spezielle Vorurteil gegen Blondinen. Oder kann sich Blondheit im Laufe der Grundschulzeit verwachsen?

„Oh großer Gott der Einwegflaschen! Das kann doch alles nicht wahr sein.“

„Vor dem Pfandflaschenautomaten sind alle Menschen gleich!“ höre ich ihn mit himmlischer Stimme rufen.

Wie geht es weiter? Setzt sich der Leergutautomat gegen die Lady zur Wehr? Kann ich endlich auch meine Pfandflaschen abgeben? Gibt es einen Stromausfall im Supermarkt? Läuft das kleine Mädchen Amok?

Darüber wird im dritten und letzten Teil dieser Geschichte berichtet.

 

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Teil 1:
Untertitel „Der lange Weg nach Indien war schwer zu findien“
Ein paar Stichworte dazu:
Strömungsverhältnisse, Hai, Postkarte, Sahara und Antarktis, Geduld, Brief, Jackpot, Bobbele, Gummiatome, Hering, Österreich

Teil 3:
Voraussichtlicher Untertitel „Die Maschine schlägt zurück“
Ein paar Stichworte schon einmal vorweg:
Mistflaschen, Schule, Leuchtturm, Video, Ladysensor, MPU, David und Goliath, Superzahl Dreizehn