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Teil 3: Die Maschine schlägt zurück

Nancy, die Flaschenlady, ist immer noch am Werke. Ich war ein wenig abgelenkt und bekomme erst jetzt mit, dass sie mit einer völlig verbeulten Flasche wild herum fuchtelnd vor dem Automaten steht und scheinbar völlig ratlos ist.

„Der Scheißautomat ist voll! Was soll ich denn jetzt machen? Beim nächsten Mal bringst du deine Mistflaschen gefälligst selber weg!“ schimpft sie in ihr pinkfarbenes Handy. Auf der Anzeige des Automaten steht, dass sie den Bon ausdrucken und das Personal rufen soll. Sie lässt alles stehen und liegen und rennt weg.

Langsam, das Telefonat hat sie endlich beendet oder ihr Lover hatte die Nase von dem inhaltschweren Text voll, kommt sie wieder zurück.

„Der kommt gleich!“ lässt Nancy die Wartenden wissen. Und tatsächlich erscheint nach kurzen drei Minuten ein länglicher Herr. Ich schätze, dass der bestimmt knapp drei Meter groß ist. Er würde vom Typ her durchaus zu dieser Lady passen. Wortlos, ohne die Schlange im Geringsten auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen, geht er in einen Nebenraum. Wider Erwarten hat er sich den Kopf nicht am Türrahmen gestoßen. Ich bin vorsichtshalber schon mal schreckhaft zusammengezuckt. Dann hört man Poltern. Es klingt nicht nach Kopfnuss.

„Sie können weiter machen!“ sagt er noch und verschwindet zwischen den Regalreihen.

„Halt! Kommen sie zurück! Mein Pfand ist weg!“ kreischt die Lady hysterisch durch den Laden. Den Kommentar der Kleinen hinter mir, erspare ich mir. Der ist nicht stubenrein. Das Mädchen gefällt mir! Hoffentlich ist es ihr eine Lehre. Hoffentlich lernt sie in der Schule ordentlich, sodass sie später nicht als solch eine dumme Tussi, wie diese Pfand-ist-weg-Lady, endet.

Was nun kommt, könnte den kleinen Datenschützer in mir in die Verzweiflung treiben. Aber ich habe den Eindruck, dass der heute zu Hause geblieben ist, auf dem Sofa liegt und pennt. Ich kann gut verstehen, wenn sich jemand solch eine Supermarkttortour ersparen möchte.

Die Lady rennt schon wieder durch den Laden, dem Leuchtturm hinterher. Diesmal ist sie aber deutlich schneller. Es scheint um ihr Geld zu gehen. Erst jetzt sehe ich, dass auf dem Display steht „Bitte Flaschen einlegen!“ Ihr bisheriges angesammeltes Pfandgeld ist verschwunden. Hätte sie lieber erst den Bon gedruckt und wäre dann nach dem Supermarktmeister gelaufen. So stand es ja auf dem Display. Und genau das erzählt ihr das lange, dünne Männchen, das etwas zu groß geratene Rumpelstilzchen, auch gerade. Da scheint sie Pech gehabt zu haben.

„Da kann ich nichts machen. Ich weiß doch gar nicht, ob sie überhaupt Flaschen eingelegt hatten. Vielleicht haben sie den Bon ja auch gezogen. Oder jemand anderes hat auf den Knopf gedrückt.“ Das ist echt eine Frechheit! Das klingt so, als ob ich ihren schnöden Pfandbon geklaut hätte! Ich bin kurz vor der Explosion. Ich zwinge mich zur Ruhe.

„Aber sie können das Pfand doch nicht einfach behalten! Das ist mein Geld!“ jammert die Nagellacktante hilflos.

„Kommen sie morgen wieder. Dann ist unser Chef da. Der schaut sich das Video an und kann ihnen dann das Geld geben.“

„V-I-D-E-O? Habe ich das richtig gehört: V-I-D-E-O?“ Ich schaue mich um. Ja, hier wird jeder gefilmt. Eine Kamera ist von der Seite her genau auf den Flaschenautomaten gerichtet. Da hinten ist auch eine zu sehen und dort und … Ich nehme mir vor, auf das entsprechende Hinweisschild zu achten. Die müssen darauf genau hinweisen und angeben, wer genau für die Videoüberwachung verantwortlich ist. Interessant ist auch die Frage, ob die Videos nach einer angemessenen Zeit gelöscht werden, wenn sie nicht mehr benötigt werden. So steht es im § 6b des Bundesdatenschutzgesetzes. Man könnte ja mal bei der Datenschutzaufsichtsbehörde hier in Hessen nachfragen. Das erhöht vielleicht den Spaß an der Arbeit für den langen Lulatsch.

Zu diesem Automaten muss ich ausdrücklich sagen, dass der garantiert nicht von einem Ingenieur konstruiert worden ist. Ein Ingenieur hätte solch eine bekloppte Maschine nicht zustande gebracht. Der hätte einen ordentlichen Automaten gebaut. Der kleine Ingenieur in mir weist, für mich deutlich vernehmbar, darauf hin, dass ein ordentlicher Ingenieur einen Ladysensor eingebaut hätte. Der weist solche Damen ab und meldet sie automatisch zu einem Volkshochschulkurs „Pfandflaschen richtig recyceln“ an, so eine Art Supermarkt-MPU. Natürlich einen Kurs mit staatlicher Prüfung. Wer durchrauscht, fängt von vorne an. Außerdem hätte ein richtiger Ingenieur einen versteckten Knopf angebracht, über den man die zuletzt eingeworfenen Flaschen und gedruckten, besser gesagt nicht gedruckten Bons anzeigen kann. Aber diese deutsche Pfandflaschen-Superfirma, bringt so etwas nicht auf die Reihe. Hätte ich solch ein Programm in meiner Diplomarbeit angeboten, wäre ich heute Halbkreisingenieur und würde Laub harken.

Die Dame ist sauer. Sie scheint echt sauer zu sein. Ihr Gesicht hat sich deutlich verfinstert. Und sie kneift ihre Arschbacken zusammen. Das ist ein schlimmes Zeichen! Sie hält ihr Handy schussbereit in der Hand. Bestimmt wird sie sich gleich bei ihren Macker, ihrem David beschweren. Der kommt dann mit Goliath angerannt und räumt hier mal auf. Garantiert muss sich David morgen um das ausstehende Salär kümmern. Künftig gibt es kein Bier für ihn zu süffeln. Dieser Pfandstress ist für sie einfach zu viel. Da leiden nicht nur die Fingernägel.

Inzwischen wird es hinter mir unruhig. Ich kann das Ende der Schlange hinter dem Marmeladenregal nicht erkennen. Fluchend verabschiedet sich gerade ein Kunde aus der Reihe. Später will er wiederkommen. Na dann muss er sich ganz, ganz weit hinten anstellen. Wenn der so viel Zeit hat? Um 22 Uhr schließt der Laden doch schon.

Erstaunlich schnell wirft die Halbnackte ihre letzten drei Pfandflaschen ein und zieht sogar den Bon. Hat sie etwa dazugelernt?

Nun bin ich dran.

Wenn ein Experte an dieser Maschine steht, kann eigentlich nichts schief gehen. Fast alle denkbaren Katastrophen hat die Dame vor mir bereits abgefasst. ‚Stromsperre‘ wäre eine Möglichkeit, die heute noch nicht passiert ist. Aber dieser tolle Laden hat im Keller garantiert ein kräftiges Notstromaggregat, das innerhalb von Sekundenbruchteilen die Erleuchtung bringt. Tatsächlich habe ich meinen Bon für die dreizehn Flaschen schnell in der Hand. Dreizehn Flaschen waren es bei mir? Da hätte Nancy ein Problem bekommen. Die ist garantiert furchtbar abergläubisch. Bestimmt wäre die durch den Laden gerannt, hätte noch fix ein Bier gegriffen, es ausgetrunken und die vierzehnte Flasche gescannt. Ich mag die Dreizehn. Sie ist doch eine gar liebliche Primzahl, die muss man doch einfach mögen!

Das Ende meiner Erlebnistour ist schnell erzählt. Die Schlange an der Kasse ist erstaunlich kurz. Das ist auch kein Wunder, denn die Kunden stehen alle am Flaschenautomaten an. Dessen Sensoren glühen und brennen in Kürze durch. Mir war es sogar gelungen, noch vor dieser Pfandflaschendame an der Kasse zu stehen. Sie steht direkt hinter mir. Mein Hemd ist lang genug. Da guckt sie, bildlich gesprochen, in die Röhre. Sie telefoniert gerade mit ihrer Freundin und erzählt von ihrer Dummheit. Die beiden scheinen sich sehr zu ähneln. Ich habe die Freundin zwar nicht selbst gehört. Aber die Dummheit spiegelt sich in den Worten dieser Pfandlady. Ob die auch halb nackig durch die Gegend flitzt? Zwei Halbnackte ergeben eine … Aber das sage ich jetzt nicht. Das hier ist ein seriöser Blog!

Pfandlady! Ich habe eine Idee! Wo kann man solche Ladys abgeben. Lohnt sich das? Viel Pfand wird man für die bestimmt nicht erhalten. Wenn das Etikett, also die Fingernägel beschädigt sind, erkennt kein Automat dieser Welt, ob sie im Sortiment des Ladens ist und ob es acht, fünfzehn oder fünfundzwanzig Cent Pfand für die gibt.

Wie sagte der Gott der Einwegflaschen?

„Vor dem Pfandflaschenautomaten sind alle Menschen gleich!“

 

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Teil 1:
Untertitel „Der lange Weg nach Indien war schwer zu findien“
Ein paar Stichworte dazu:
Strömungsverhältnisse, Hai, Postkarte, Sahara und Antarktis, Geduld, Brief, Jackpot, Bobbele, Gummiatome, Hering, Österreich

 

Teil 2:
Untertitel „Automaten und schlecht lackierte Fingernägel“
Ein paar Stichworte dazu:
Liebestöter, Arschgeweih, lustiges Püpschen, Nagellack, Handtaschenparadoxon, Insel Sylt, ein bekannter Boxer, Zweipfundbrot