Schlagwörter

, ,

Neulich in der Straßenbahn setzten sich zwei Jungs direkt in die Sitzreihe vor mir. Ich schätze, sie waren etwa zehn, elf Jahre alt, älter kaum. Sie unterhielten sich angeregt, ohne den geringsten Argwohn, dass jemand zuhören könne. Mir war es unmöglich, ohne den Sitzplatz zu wechseln, ihnen nicht zu lauschen. Zuerst döste ich gelangweilt vor mich hin. „Was haben die sich schon zu erzählen!“, dachte ich mir, wenn ich überhaupt etwas dachte. Tatsächlich plätscherte das Gespräch der Burschen an mir vorbei. Aber dann wurde es plötzlich spannend.

Sie schimpften über eine Lehrerin. Ich glaube, es war die Mathematiklehrerin, eine junge Referendarin. Das muss ja ein echt steiler Zahn sein! Einer der Jungs bemängelte den kurzen Rock, den sie neulich bei der Mathearbeit anhatte. Er meinte, den hätte die sich auch noch sparen können! Dann hätte man wenigstens … Wow, für welche Wäschestücke die sich so interessieren! Bei einer Mathearbeit sind doch eigentlich andere Dinge wichtig! Zumindest war das früher so.

Das Outfit der Lehrerin scheint heutzutage für Grundschüler eine bedeutende Frage zu sein. Nun schimpften sie über die Reli-Zicke. Die meckert einfach zu viel herum. Wenn man nicht aufpasst, was gerade im Unterricht erzählt wird, gibt es eine Extraaufgabe. Das ist natürlich gemein! Da spreche ich den Kindlein ausnahmsweise mein Mitgefühl aus. Überdies ist es stinklangweilig in Reli. In diesem Punkt waren sie sich völlig einig. Dafür hat die immer eine ganz enge Hose an. Nun diskutierten die beiden um die Wette, ob sie eher O- oder X-Beine hat. Ja, mit dem Aussehen von Buchstaben ist das so eine Sache. Gerade diese Letter sehen sich ja so ähnlich. Das ist gemein! An ein abschließendes Ergebnis kann ich mich nicht mehr erinnern. Schließlich meinte der Zweite mit einem Hinweis auf die erwähnte Referendarin, dass die ihn wirklich nicht interessieren würde. Die ist einfach zu alt. Bestimmt hat die viele Falten. Außerdem kann er so viel Schminke überhaupt nicht leiden. Ihr Parfüm stinkt ja regelrecht. Das war mal eine klare Ansage! In der Duftrichtung waren sich die Jungs einig. Das war sicher etwas übertrieben. Deshalb nenne ich sie jetzt nicht, auch wenn ich schon oft gehört habe, dass der Zustand der Schülertoiletten in deutschen Schulen sehr zu wünschen übrig lässt.

Der Andere entgegnete dann

„Aber die W* im Internet sind der absolute Wahnsinn!“

Der Zweite hörte sehr interessiert zu. Es schien für den Zehnjährigen noch Neuland zu sein. Er bekam vor Schreck seine kleine Schnute nicht wieder zu. Der Ersten, auch nicht älter, fühlte sich animiert, weitere Einzelheiten preiszugeben. Der kam richtig ins Schwärmen. Ein Kenner der Materie saß da vor mir! Ich wäre schon vom Zuhören fast errötet. Er protze damit herum, dass er sogar ein paar Videos heruntergeladen hätte. Und was für welche! Ich verzichte auf die Ausführung erwähnter Details. Außerdem benutzten sie, offensichtlich die menschliche Anatomie charakterisierende Wörter, die ich noch nie gehört hatte. Muss ich mich wegen dieser Bildungslücke etwa schämen? Ich beschließe spontan, dass hier kein tatsächlicher Nachholbedarf für mich besteht.

Ich denke, das Programm der beiden Jungs für den Nachmittag war damit klar. Die Verabredung für ihre gemeinsame Aktivität dauerte keine zehn Sekunden. Sie haben also trotz herrlichstem Sonnenschein, vor dem Computer gesessen.

„Aber nur bis um halb sieben. Da kommt meine Mutter nach Hause.“

Ja, das könnte peinlich werden, wenn sie erklären müssen, dass sie diese Bilder unbedingt für die Hausaufgaben in Reli benötigen.

So etwas ist mir in diesem Alter niemals passiert. Computer gab es damals noch nicht, zumindest keine Personal Computer, Notebooks, …. Internet war noch längst nicht dran, erfunden zu werden. Wir waren froh, mal auf einem simplen Taschenrechner herumklimpern zu können. Nackedeis im Fernsehen? Gab es nicht! Über Mädchen haben wir selbstverständlich auch mal getuschelt. Aber nicht schon mit zehn oder elf Jahren. Da waren die uns so etwas von schnuppe! Sie sind einfach nur stinknormale Kumpels beim Spielen gewesen, ausnahmsweise mal. Bei schönem Wetter wurde das Fahrrad herausgeholt und ab ging die Post. Es war ja kaum Verkehr auf den Straßen im Wohngebiet und der Wald war nah. Fix und alle sind wir abends wieder zu Hause eingetrudelt. Da hieß es nur

„Ab in die Badewanne! … Hast du deine Hausaufgaben gemacht? … Beeil dich, das Abendessen wartet. Möchtest du lieber Leberwurst oder Schmelzkäse auf deinem Brot? … Warum hast du eigentlich den Apfel wieder aus der Schule heimgebracht? … “

Wir haben den Mund gar nicht so weit aufreißen können, wie wir gähnen mussten.

Nachdem sich die Zwei über die fiktive Welt im Internet ausgetauscht hatten, diskutierten sie noch fachmännisch über Fußball. Das sind, wie man sieht, eben handfeste Kerle! Da konnte nun auch der Zweite mitreden. Die beiden sind bekennende Bayernfans. Dass Ex-Bayernpräsident U. H. das Finanzamt ausgetrickst hat, fanden sie völlig in Ordnung.

„Schade, dass der erwischt wurde!“, meinte einer. Einig war man sich, dass die Bayern in dieser Saison absolut unschlagbar waren. Dass sie den Europapokal nicht geholt haben, war nur Pech. Bestimmt ist das nicht mit rechten Dingen zugegangen. Der neue Trainer ist wenigstens nicht so ein „alter Sack!“. Eigentlich hätten die Bayern alleine zur Fußballweltmeisterschaft fahren sollen. Die Spieler aus den anderen Clubs sind sowieso totale Pfeifen. Jogi kapiert das einfach nicht und hat die von Dortmund und sogar von Schalke dazu geholt.

„Wenn ich Bundestrainer wäre …“

fing einer an. Ich bin echt froh, dass es so viele Fußballexperten gibt. Da haben die Burschen wenigstens ein ordentliches Gesprächsthema. Und mir war dadurch auch nicht langweilig in der Straßenbahn. Hätten die sich über ihren letzten Aufsatz ausgetauscht, wäre ich glatt eingeschlafen und an meinem Ziel vorbeigetuckert.

Das WM-Spiel gegen Portugal von neulich gibt den Jungs sicher recht. Und vorgestern beim Match gegen die USA, durften sie ausnahmsweise mal etwas länger aufbleiben. Hoffentlich hat kein Nicht-Bayer das eine Tor geschossen. Ich kenne mich da wirklich nicht aus. Das hätte ihre Welt total aus dem Gleichgewicht gebracht. Und wenn unsere Mannschaft im Endspiel nicht haushoch gewinnt, werden sie fordern, dass Jogi auf offener Bühne von dem peppigen Guardiola abgelöst wird. Die Nationalelf ordentlich zu coachen, schafft der doch so ganz nebenbei!

Ich dachte gerade, dass ich an der nächsten Haltestelle raus muss. Da gesellt sich noch ein Mädel zu ihnen. Es war einen Kopf größer als die beiden, hatte lange mittelblonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Die Drei schienen sich aus der Schule zu kennen. Na, da ging ein Geflirrte, Anbaggern, Protzen und Schleimen los! So etwas habe ich noch nicht erlebt! Zu meiner Zeit war rot werden, schüchtern sein und artig weggucken angesagt. Wie sich die Zeiten ändern! Oder glaubt das etwa irgendjemand nicht? Das Mädel fand es richtig toll, so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen und hat mit ihren Schwarz-Rot-Gold-lackierten Fingernägeln an ihrem bunten Tand gespielt. Gerne wäre ich noch einige Stationen weitergefahren. Aber ich wollte ja unbedingt bei Globetrotter nach ein paar Klamotten für den nächsten Urlaub schauen. Die Szenerie war spannender als jeder Film im TV.

Ich sollte öfter mal mit der Straßenbahn fahren!

Sorgen macht mir allerdings der Gedanke, dass diese Kinder mal meine Rente verdienen müssen. Wenn das schief geht, oh je! Hoffentlich schafft es die junge Referendarin, ihren Schülern wenigstens das kleine Einmaleins beizubringen. Dumm sind sie jedenfalls nicht. Und was die Sache mit den Blümchen und Bienchen angeht, kennen sie sich bereits bestens aus. Das war deutlich zu spüren. Da wird Deutschland voraussichtlich nicht so schnell aussterben. Oder doch? Sie können ja die abschreckenden Folgen morgens und abends beim Polieren der Zähnchen im Spiegel betrachten.