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Stromgenerator

Stromgenerator

Technik ohne Sollbruchstelle

„So etwas gibt es doch nicht!“ stöhnt der gestresste Weltbürger des 21. Jahrhunderts und ist völlig genervt.

Ihm fällt sofort dieser vermaledeite Kühlschrank ein, der mitten in der letzten Hitzeperiode vom Kühl- auf den Heizbetrieb umgeschaltet hat. Der Fernseher, der mitten im Eishockey-Endspiel der letzten Winterolympiade in Sotschi nur noch in schwarz-weiß und dann gar nicht mehr flimmerte, war sicher von Sportfreund Wladimir manipuliert worden. Dem trauen wir einfach alles zu. Das hat schon damals niemanden gewundert. Und die Heizung im Wohnzimmer, die gluckert auch schon so verdächtig. Mitten im Sommer sollte die doch eigentlich ihren Winterschlaf schlafen! Sicherheitshalber denkt der geplagte Mensch an etwas schönes, um sich nicht noch mehr aufzuregen. Woran denkt er? Natürlich an den Urlaub!

„Ach wird das schön sein, wenn ich erst einmal im Zug sitze! Dann träume ich von Sonne, Meer und einem ganz großen Becher mit Schokoladeneis!“

Er ahnt noch nicht, dass die Fahrt durch den Mainzer Hauptbahnhof führt. Und wenn er den dann endlich passiert hat, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es ist heiß oder es ist kalt. Egal, welche Möglichkeit eintritt, der Zug hat eine Klimaanlage, die genau dies nicht verkraftet. Und ist es wider Erwarten genau mittelwarm, dann steht das Signal auf Rot, hat die Elektrolok keinen Diesel im Tank oder in China geht gerade die Sonne unter. Man könnte den Faden weiter spinnen. Aber das soll nicht Inhalt dieser Geschichte sein.

Die gemeine Sollbruchstelle ist die Pest der Neuzeit. Sie ist einfach genial konstruiert. Bestimmt stammt sie aus einem anderen Universum! Auf solch eine verrückte Idee kann ein Mensch doch nicht kommen.

Genau eine Minute nach dem Ende der Garantiezeit wacht die Sollbruchstelle auf. Erst rekelt sie sich noch schlaftrunken. Es knistert nur und knastert ein wenig. Dann kommt sie zu Kräften. Es bereitet ihr Freude, immer wieder, völlig unberechenbar und natürlich immer im ungeeigneten Augenblick mal kurz, nur einfach mal so, zuzuschlagen. Spätestens jetzt atmet der Mensch laut hörbar und tief besorgt durch. Genau das wollte die Sollbruchstelle erreichen. Dann ruht sie sich noch ein wenig aus. Das kann Tage, Wochen oder in Ausnahmefällen Monate dauern. Der Mensch fühlt sich sicher. Er denkt, dies war doch nur so eine klitzekleine Täuschung, ein Hirngespinst, eine Fata Morgana.

Doch dann, nach Ladenschluss und genau im spannendsten, heißesten oder kältesten Moment, beim Endspiel, der Reise in den langersehnten Urlaub, zwei Minuten bevor die Gäste kommen, schlägt sie gnadenlos, ohne Rücksicht auf Verluste zu. Der Mensch ist ihr egal. Seine psychischen Qualen bereiten ihr höchste Befriedigung. Die physischen Schäden, verursacht durch den gezielten Tritt gegen das corpus delicti, versetzen sie in einen rauschähnlichen Zustand der Verzückung. Die Sollbruchstelle ist schlimmer als Kyrill, der damals durch das Land fegte.

Sehen wir es positiv. Ein Neukauf kurbelt die Wirtschaft an. Die Steuergelder sprudeln und das Gesparte materialisiert sich beispielsweise in einem wunderschönen, vollelektronischen Föhn mit Internetanschluss, ABS und ESP. Der Geldentwertung wurde mal wieder ein Schnippchen geschlagen – meint man. Die Sollbuchstellen, die einen Großteil des Kaufpreises ausmachen, schlafen noch gut versteckt in allen Ecken. Wir hatten ein wundervolles Einkaufserlebnis. An den Ehekrach, verursacht durch die lapidare Bemerkung des Verkäufers, „Sie wollen doch nicht an der falschen Stelle sparen!“, werden wir uns noch Jahre später erinnern.

Doch, auch heute noch gibt es Geräte ohne Sollbruchstelle im Museum zu bewundern. Im Stadtmuseum zu Erfurt liegt ein Faustkeil. Der ist Zehntausende Jahre alt. Auch heute würde er als Wurfgeschoss noch eine größere Wunde verursachen. Selbst im Falle eines Fehlpasses, wie ihn Robben neulich beim WM-Spiel gegen diese verrückten Spanier fabrizierte, würde das Ding keinen Schaden nehmen.

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Ich war kürzlich wieder zu einem Fotoworkshop im Kloster Donndorf. Es ging um Industriefotografie in einem Technischen Denkmal, der Zuckerfabrik Oldisleben. Diese Fabrik hat von 1872 bis 1990 Zucker hergestellt. Die Bedingungen waren für die Beschäftigten alles andere als gut. Dafür ratterten bis zum Ende uralte Dampfmaschinen gemütlich vor sich hin. Bei guter Pflege, das heißt, mit genügend Schmiere, hätten die Dampfrösser locker noch weitere hundert Jährchen getuckert. Aber es gibt heute ja Besseres als Dampfmaschinen. Hochmoderne Anlagen mit viel Edelstahl, vielen Sensoren und tausenden Chips schaffen die damalige Tagesproduktion in einer guten halben Stunde, wenn alles funktioniert. Und es sind viel weniger Leute vor Ort nötig. Arbeitskräfte gespart? Nein, die kommen regelmäßig, die Technik zu reparieren, einzustellen oder durch noch modernere Apparate zu ersetzen. Jedes Mal, wenn sie antanzen, haben sie ein Dutzend Sollbruchstellen mit dabei. Die hüpfen dann wie von Geisterhand aus dem Werkzeugkoffer mitten hinein in die Zuckermachmaschine. Der nächste Schlamassel ist quasi vorprogrammiert.

Das Bild zeigt das Antriebsrad der Dampfmaschine für den Stromgenerator. Die Kraftübertragung erfolgte durch sechs parallel laufende Sisalseile.

Auch 2013 war ich bereits einmal dort, um zu fotografieren. Bilder findet man unter dem Tag ‚Zuckerfabrik.