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Tor zur Welt

Tor zur Welt

So ein Kloster war früher ein geheimnisvoller Ort. Da brauchte man eine dicke Mauer rings herum. Und da ganz hinten, etwas versteckt, sodass man es nicht sofort entdecken konnte, war ein kleines Tor. Eine lange Steintreppe führte hinter dem Klostergarten zu dem Tor hinab.

Durch diese Öffnung sind die Nonnen abends, wenn es dämmerte, mal schnell ins Dorf geflitzt und haben nach dem Rechten geschaut. Zum Beispiel beim jüngsten Sohn vom Bauern Strieselpietz. Der hatte seine Kammer in der kleinen Kate neben dem Bauernhof, den sein großer Bruder bewirtschaftete. Er brauchte besonders viel Trost. Schließlich ist er als jüngster Sohn leer ausgegangen, als es um das Verteilen des väterlichen Erbes ging. Bei ihm waren die Nonnen aus dem Kloster immer sehr willkommen, wenn sie nach dem Rechten schauen wollten. Gerne gab er ihnen einen kleinen Schinken für die Frau Äbtissin mit. Nur sonntags, da kam sie persönlich und hat sich einen Laib Käse abgeholt. Feiertags gab es leckere Früchte des Gartens obendrein.

Kamen die Nonnen spät nachts wieder heim, setzten sie sich erst einmal auf die steinerne Bank, ruhten ihre müden Knochen einen Moment aus. Sie horchten, ob die Luft rein ist. Dann schlossen sie mit dem Diederich die schwere, immer mit dem besten Salatöl geschmierte eiserne Tür auf. Kein Mucks war zu vernehmen. Schnell huschten sie in ihre Kammer und legten sich aufs Stroh. Die Äbtissin ahnte jeden morgen, weshalb die eine oder andere Nonne dreimal geweckt werden musste, oder gar beim Morgengebet einpennte. Heimlich lächelnd freute sie sich auf den nächsten Sonntag!

In manchen Klöstern wohnten auch Mönche. Also nicht Mönche und Nonnen in einem Kloster zusammen. Das ging nicht gut. Das gab nur Zank und Streit. Es wurde immer schön nach Männlein und Weiblein getrennt. Schließlich ist so ein Kloster ein geistlicher Ort! Da ist kein Platz für Streit. Dort wird der Glaube zelebriert. Und hier hat Fleischeslust nichts zu suchen! So lautet jedenfalls die Theorie. Doch irgendwann ließ der Geschmack am eigenen Fleisch nach. Appetit und die Sehnsucht nach Abwechslung kam ihnen in den Sinn. Dann haben Mann oder Frau, also Mönch oder Nonne, nach einem leckeren, schnuckeligen, frischen Braten Ausschau gehalten. So war es früher, so ist es heute.

Die Mönche unterschieden sich hinsichtlich ihrer abendlichen Aktivitäten kaum von den Nonnen. Das Klosterleben gebiert quasi Pflichtbewusstsein in Reinstkultur. In so einem frühmittelalterlichen Dorf musste alles seinen Gang gehen. Beim Sonntagsgebet in der Kirche bekamen alle ihre Richtung. Da haben sie sich strikt dran gehalten. Die Bauern bestellten die Felder, versorgten das Vieh. Die Mönche studierten die Heilige Schrift. Gott wachte über allem. Abends, wenn der Herr schlief, fühlten die Mönche, dass ihre Stunde gekommen ist. Sie sahen sich in der Pflicht. Verantwortungsvoll schlenderten sie so ganz unauffällig durchs Dorf. Alle dachten, sie würden die heilige Ordnung kontrollieren. Plötzlich verschwand einer in dem Haus, rechts neben dem Müller seiner quietschenden Getreidemühle. Dort wohnte eine junge Witwe, die ab und an ein wenig Trost brauchte. Den Trost bezahlte die Witwe von Herzen gern mit einem Gläschen von dem leckeren Met aus ihrem Kellergewölbe. Andere stattete der Frau vom Schmied mit Vergnügen einen Besuch ab. Der Schmied hatte den lieben langen Tag so schwer geschuftet, seinen schweren Schmiedehammer geschwungen, so manchem Gaul die Eisen erneuert, dass er schon bei der Tagesschau auf dem Sofa eingeschlafen ist. Und Langeweile ist für die Frau vom Schmied pures Gift. Das wussten die Mönche und haben ihr gerne mal einen Besuch abgestattet. Natürlich nur, um sie im Takt des Schnarchens ihres lieben Gatten zu entgiften. Nur einmal, da hat es einen Zwischenfall gegeben. Da ist der Schmied außerplanmäßig aufgewacht und musste mal schräg über den Hof. Geistesgegenwärtig hockten sich die beiden Mönche mit der Frau vom Schmied vor das Kreuz, das über der Vitrine hing, und beteten schnell ein Dutzend Vaterunser. Kurze Zeit später hockte der Schmied neben ihnen und betete mit.

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Das Kloster Donndorf wurde 1250 erstmals urkundlich erwähnt. Bereits vor 1272 siedelten die Zisterzienser-Nonnen des Klosters Bachra nach Donndorf über. Bestimmt hat es ihnen dort genauso gut gefallen, wie mir, wenn ich einen Foto-Workshop besuche. Heute wohnen hier weder Nonnen noch Mönche. Die ländliche Heimvolkshochschule Kloster Donndorf hat dort ihren Sitz. Ob es in Donndorf früher mal einen Bauern mit dem Namen Strieselpietz gab, ist allerdings nicht überliefert.