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Irische Steinbrücke

Irische Steinbrücke

Da meint man, noch festen heimatlichen Boden unter den Füßen zu haben, schon bekommt man Probleme. Liegen die an dem irischen Tiefdruckgebiet, dass direkt über meinem Reiseziel breit macht?

Bei der Sicherheitskontrolle auf dem Frankfurter Flughafen erregt mein Fotorucksack Misstrauen. Ein Art zweibeiniger Sprengstoffsuchhund, eine Mischung aus etwas klein geratener Bulldogge und kurz geschorenem Yeti zitiert mich in einen Container. Mit einem aus der Bastelstunde der Grundschule übrig gebliebenem Papierstreifen tastet er meine Fototasche flüchtig ab. Dann steckt er diesen Streifen in so etwas wie einen Bürokopierer, der mit einem schüchternen ‚Piep‘ anzeigt, dass er mit meiner Fotoausrüstung zufrieden ist. Auf meine Frage, wonach er gesucht hat, antwortet der Suchhund lapidar:

„Sprengstoff“

Ich darf mit meinem Fotorucksack gehen. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass in der Kamera kein Sprengstoff enthalten ist. Nun kann ich im Urlaub unbesorgt auf den Auslöser klicken, ohne dass der Apparat in die Luft fliegt.

Mein Irlandflieger ist auch so ein irres Ding. Zuerst muss man eine lange Busfahrt um die halbe Welt machen, bis man ihn in einer der hintersten Ecken des Flughafens findet. Ich habe die Wegweiser vermisst. Ohne GPS wäre der Jet unauffindbar, wären wir vielleicht sogar auf die Startpiste geraten. Was dann passiert wäre, mag ich mir nicht vorstellen. Wie soll so ein voll besetzter Gelenkbus ohne Flügel starten? Dann hat der Flieger Ladehemmungen. Eigentlich sind es wohl eher Startbahnprobleme. Irgendwie drängeln sich zu viele Flieger am Katapult. Als er endlich in der Luft ist, sollen die Fluggäste den obligatorischen Tomatensaft auch noch bezahlen. Mir ist das egal, denn Tomatensaft steht nicht auf der Liste meiner Lieblingsgetränke. Genaugenommen mag ich dieses Gesöff überhaupt nicht. Pünktlich, nur eine halbe Stunde zu spät, landet die Maschine in Dublin.

Was sich nun anbahnt, ist eher eine Katastrophe. Da denkt man, Europa ist ein tolles Land, in Europa ist alles geregelt, da funktioniert alles gleich. Doch kaum steht man in einem anderen Land, wird man eines Besseren belehrt. Dass die Uhren dort eine ganze Stunde nachgehen, kann man kompensieren. Die Bürokratie am Schalter der Autovermietung steht der deutschen Bürokratie in nichts nach. Man fühlt sich sogleich heimisch. Aber …

Dann bekomme ich den Mietwagen. Ein VW Tiguan – ein Dieselfahrzeug – das klingt gut, das kommt mir bekannt vor. Die Bedienoberfläche ähnelt meinem heimischen Gefährt. Einen Tiguan wollte ich längst mal testen. Wenn der Kofferraum ein wenig größer wäre … Doch dann kommt der Schock. Die haben hier nur Montagsautos, B-Ware oder Modelle aus der Lehrwerkstatt, erstes Lehrhalbjahr. Die Azubis haben das Lenkrad an die falsche Seite montiert! Wenigstens haben sie die Pedale auch rechts unten im Fußraum angebracht. Da scheint der Lehrmeister aber echt gepennt zu haben! Trotzdem – das Ding funktioniert! Das hätte ich nicht gedacht. Bei jedem Versuch, einen anderen Gang einzulegen, greife ich erst einmal rechts an die Tür. Dieser Schock mit dem Auto ist nur der Anfang. Es kommt noch schlimmer.

Langsam, ganz vorsichtig, steuere ich den Wagen vom Hof der Autovermietung. Kaum auf einer öffentlichen Straße angekommen, begegnet mir der erste Geisterfahrer. Na das geht ja gut los!

In Irland gibt es fast nur Geisterfahrer. Man tut gut daran, auf der linken Straßenseite zu fahren. Irgendwie scheinen alle Iren ein Geister-Gen, vielleicht sogar ein ganzes Geister-Chromosom in ihrem Innern zu haben. Jetzt weiß ich auch weshalb es in Irland so viele Burgen und Schlösser gibt. Irgendwo müssen die Geister ja schließlich wohnen.

Ich möchte in Irland kein Radiomoderator sein. Der kommt mit den Warnmeldungen vor Geisterfahrern gar nicht hinterher. Wahrscheinlich gibt es im irischen Radio keine Musik, sondern nur Verkehrsnachrichten. Oder werden nur die Rechtsfahrer durchgesagt? Dann wäre ich auch erwähnt worden. Ich habe es aber immer ganz schnell gemerkt, wenn ich entgeistert unterwegs war.

Straße

Straße

Geister können durch Wände gehen. Spätestens seit Harry P. kennt man das. Es macht also nichts, wenn die Straße mal zu schmal ist. Selbst eine der beliebten Steinmauern direkt am Straßenrand stellt kein Problem dar. Einfach Geisteraugen zu und drauflos. Da passiert nichts. Aber wenn ein Muggel, wie ich, dann auf einer irischen Straße unterwegs ist, wird es gefährlich. Wobei ich sagen muss, dass die meisten irischen Straßen diese Bezeichnung überhaupt nicht verdienen. ‚Schmaler, löchriger Käseweg‘ wäre als Bezeichnung noch fast übertrieben. Wenigstens sind die Geisterfahrer, die mir begegnet sind, sehr freundliche Wesen. Jedes Mal, wenn ich erschrocken und ängstlich am Rand gehalten habe, um sie passieren zu lassen, haben sie sich artig bedankt. Gut, dass die Geisterfahrer keine Probleme mit fehlenden Randstreifen, dichten Büschen oder Mauern haben.

Vielleicht kommen die Iren als richtige Menschen zur Welt. In ihrer Kindheit und Jugend sitzen sie im elterlichen Geisterauto und werden zur Verwandtschaft durch die irische Straßenwelt kutschiert. Da passiert es ständig, dass sie durch die Mühle, besser gesagt einen Kreisel geleiert werden. Das bekommt ihnen dann nicht so gut. Es ist immer dieselbe Richtung, in die sie geleiert werden. Es ist vor allem die falsche, nämlich die linke Spur, in die ständig eingebogen wird. Kein Wunder, dass sie dadurch etwas vergeistigen. Ich selbst war zum Glück nur knapp zwei Wochen in Irland. Sonst hätten sich bei mir womöglich Langzeitschäden entwickelt und ich hätte einen Linksdrall bekommen.

abschüssig

abschüssig

Verkehrszeichen gibt es in Irland auch. Wegen der vielen Geisterfahrer stehen sie alle am linken Straßenrand. Am besten gefällt mit das 100er-Schild. Es steht häufig genau vor einer scharfen Kurve, hinter der dann eine gefährliche Straßenverengung oder eine einspurige Brücke folgt. Man glaubt anfangs nicht, dass so eine Straße noch schmaler werden kann. Aber es geht. Und da mit hundert Sachen

Look right

Look right

durchzurauschen ist nur etwas für besonders mutige Geister. Die Verkehrsschilder sind gut zu interpretieren. Sie sind vor allen etwas fantasiereicher gestaltet als unsere heimischen. Wer die Schilder nicht kapiert, sollte genau auf die Straße achten. Da steht alles Wichtige noch einmal aufgeschrieben. Wichtig ist vor allem ‚SLOW‘ und ‚VERY SLOW‘. Wenn man das auf der linken Straßenseite befolgt, kann eigentlich nicht viel passieren. Selbst für die Fußgänger werden die wichtigsten Regeln auf die Straße gedruckt.

Die schlimmsten Dinge, die der irische Verkehr zu bieten hat, heißen ‚rechts abbiegen‘ und ‚LKW oder Bus von vorn‘. Bei Ersterem weiß man nie, wohin man blicken soll, wer denn nun eigentlich Vorfahrt hat. Bei einem Brummer von vorn, da staunt man jedes Mal, wie das funktioniert. Aber es hat immer irgendwie geklappt. Das liegt garantiert nur an der irischen Geisterwelt. So oder so habe ich das alles gemeistert. Im Schnitt waren es gut 180 Kilometer Tagespensum, also drei bis vier Stunden Autofahrt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in Irland ist sehr gering. Da nützen auch die 100er-Schilder nichts. Abends war ich immer ziemlich ausgepowert.

Irre Steckdosen

Irre Steckdosen

Der nächste Schock kam schon im ersten Hotel. Zuerst war das Finden des Hotels nicht einfach. Aber unsere Lisbeth, die Tochter von Tom und Tom, hat uns immer gute Dienste geleistet. Dank einer aktuellen Karte von Westeuropa hat sie jeden noch so kleinen Weg, jeden Kreisverkehr, jedes Hotel gefunden. Auf dem Zimmer angekommen, wollte ich als erstes die Akkus meiner Kamera für alle Fälle nachladen. Akku ins Ladegerät, Stecker in die Steckdose, so lautet die Theorie. In Irland gibt es ganz besonderen Strom. Der braucht drei Steckernippel. Da passt kein gewöhnlicher, deutscher Normstecker. Hier hat die EU mit ihrer Normungswut total versagt. Wenigstens entsprachen die Bananen auf dem Frühstücksbüffet krümmungstechnisch der europäischen Bananennorm DIN 08-15 BANO. Vom irischen Frühstück kann man das nicht sagen. In den meisten Hotels gab es zum Glück auch richtiges Frühstück, bestehend aus Toastbrot, Butter, Wurst und Käse, sowie Marmelade. Zutaten für die Körnerfresserchen gab es in jedem Hotel.

Vielleicht trägt das irische Frühstück auch dazu bei, dass die Geisterfahrer Geisterfahrer sind. Wenn ich das fetttriefende irische Frühstücksmahl gefuttert hätte, würde mein Bauch so drücken, dass ich nicht wüsste, wie ich im Auto sitzen und fahren sollte. Kein Wunder, dass die Iren immer auf die falsche Straßenseite flutschen.

Mein Irlandurlaub hatte also gleich von Anfang an das Potenzial, ein wunderbarer Urlaub zu werden.