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Was war denn das für ein Theater?

Ab und zu überkommt mich so ein inneres Verlangen nach Kulturellem. Im Sommer bieten sich diverse Freiluftveranstaltungen an. Also bin ich zusammen mit meinem Drahtesel in den Grüneburgpark zu Frankfurt getrabt. Genauer gesagt sind wir beide gefahren. Selbst dieser Esel ist noch nie getrabt. Sein ‚Ih-Aah‘ hört sich schon ziemlich angerostet an.

Eintrittskarte

Eintrittskarte

Rechtzeitig vor Beginn der Aufführung dieser drastischen Theaterbühne erwerbe ich mein Ticket. Das Ticket ist natürlich kein Ticket. Heute wird an allen Ecken und Enden gespart. Es ist ein Stempel auf den linken Handrücken. Die Landwirte machen das mit ihren Viechern ähnlich. Bei Pferden wird ein Zeichen auf die hintere Backe gebrannt. Das tut bestimmt mächtig weh! Da ergeht es Schweinen oder Schafen besser. Denen schreibt man die Nummer nur auf den Rücken. Anderes Getier bekommt eine Ohrmarke oder einen Fuß- oder Nasenring. Ohrmarke und Ring sind bei Menschen teilweise auch beliebt. Aber hier im Park gibt es nur einen lapidaren Stempel. Wenigstens kommt der auf den Handrücken.

Diese Stempelei kommen mir immer etwas merkwürdig vor. Das öffnet Mauscheleien mit den Eintrittsgeldern Tür und Tor. Wie rechnen die Ihre Einnahmen ab? Geht das frei nach Grimms ‚Aschenputtel‘

„Ein Euro ins Töpfchen, ein Scheinchen ins Kröpfchen“? Man weiß nicht, wie gut sich diese Compagnie mit Grimms Märchen auskennt, wie praktisch sie in Geldangelegenheiten veranlagt sind. Das sind auch nur Gedanken, die mir beim Stempeln immer durch den Kopf gehen. Vielleicht liegt das auch daran, dass mich das Wegbürsten der Stempelfarbe später ziemlich nervt.

Ich bin gerne etwas früher vor Ort. Da kann ich mir den Sitzplatz in aller Ruhe aussuchen. Ich möchte weit vorn sitzen. Es muss nicht unbedingt die erste Reihe sein. Vorn hat man auf jeden Fall den besten Überblick. Wenn man kurz vor knapp kommt, bleiben häufig nur die Stehplätze ganz weit hinten.

Überlebenspaket

Überlebenspaket

Als Erstes beschaffe ich mir am Versorgungszelt die nötigen Dinge des täglichen Überlebens. Eine Flasche Pils zum Ausgleich eventuellen Flüssigkeitsverlusts und ein Schokoriegel als Nervennahrung sollen es richten. Auf die Wiener Würstchen verzichte ich großzügig. Erstens habe ich bereits zu Hause gespeist und zweitens musste ich letztes Jahr nach einer Vorstellung wegen Bauchgrummelns mit Lichtgeschwindigkeit heimdüsen.

Dann suche ich mir mein Plätzchen. Es sind erst wenige Stühle besetzt. Doch reihenweise liegen Zettel mit der Aufschrift „RESERVIERT“ auf den Plätzen. Na, das kann ich vielleicht leiden! Aber in der vierten Reihe finde ich einen Platz, direkt am Mittelgang. Man weiß ja nie, was so im Laufe der Séance passiert. Da ist es gut, gleich am Rand zu sitzen und schnell wegrennen zu können. Mein Sitzkissen aus dem heimischen Gartenparadies soll meinen Popo vor Unterkühlung schützen. Man sagt ja, dass die Hämorriden nur auf die nächste Unterkühlung warten, um dann ihre ganze Gemeinheit zu entfalten. Zum Zeitvertreib habe ich ein Büchlein eingesteckt.

Langsam füllen sich die Plätze. Ich erhebe mich kurz, um mich mal zu strecken. Ich sitze den ganzen lieben langen Tag im Büro. Und jetzt am Abend hocke ich schon wieder auf einem Stuhl. Da besteht die große Gefahr, dass die Scharniere einrosten. Das muss ich unbedingt vermeiden. Ich schaue mich um, ob ich nicht vielleicht ein bekanntes Gesicht entdecke. Fehlanzeige auf der ganzen Linie.

Doch, was ist das? An den Stuhllehnen meiner ganzen Reihe, kleben diese gelben Zettel. Auf jedem steht ein Name drauf. Auch an meiner Sitzlehne klebt ein Zettel. Das hatte ich vorhin überhaupt nicht bemerkt. Ich war einfach zu sehr auf diese großen Zettel auf der Sitzfläche fixiert.

Andy

Andy

„Frechheit!“ schießt es mir durch den Sinn. Ich tue das in dieser Situation einzig Logische und Richtige. Ich entferne diesen Zettel von meinem Stuhl, knülle ihn in meine Hosentasche. Dieser Zettel hat an meinem Stuhl wirklich nichts zu suchen! Dann setze mich wieder gemütlich hin. Die Spannung steigt. Wie wird Andy reagieren, wenn er plötzlich keinen reservierten Platz findet? Es verspricht, ein spannender Abend zu werden. Ich wundere mich über mich. Ich bin doch so ein nettes Kerlchen! Das kann eigentlich gar nicht so fies sein! Oder doch?

Es sind keine fünf Minuten mehr, bis die Vorstellung beginnt. Der erfahrene Besucher solcher Open-Air-Aufführungen weiß natürlich, dass man Pünktlichkeit hier nicht wörtlich nimmt. Eigentlich ist Unpünktlichkeit etwas, was ich überhaupt nicht leiden kann. Man könnte sogar sagen, dass ich eine Unpünktlichkeits-Phobie habe. Wenn bei mir jemand, ohne sich zu melden, mehr als fünf Minuten zu spät kommt, hat er seine Minuspunkte weg. Die auszubügeln wird nicht einfach sein. Ich selbst komme natürlich auch äußerst ungern zu spät. Hier ist es mir jedoch relativ egal. Allerdings warte ich immer noch auf Andy und Co. Wo bleiben die nur?

Eine Meute junger Leute belagert mich. Sie suchen ihre Plätze. Einige werden fündig. Andere diskutieren emsig. Ich stelle mich tot. Nein, ich stelle mich nicht tot. Ich tue so, als ob ich intensiv in meinem Büchlein schmökere. Die Diskussion dreht sich darum, wie viele Plätze sie bestellt haben. Waren es fünf oder sechs Plätze? Außerdem scheinen sie wohl zu siebend gekommen zu sein, denn sie vermissen zwei Plätze und es sind in meiner Reihe genau fünf Plätze frei. Nur an fünf Plätzen klebt ein gelber Zettel.

„Na, so ein Pech aber auch!“ denke ich genüsslich. Da spricht mich einer der Herren schüchtern an. Ich beuge mich ein wenig vor – betont langsam. Er kann die Lehne meines Stuhles sehen. Ich schaue völlig überrascht und fragend zu ihm hoch. Er sieht, dass er an meiner Stuhllehne nichts sieht. Irgendetwas, mir Unverständliches, brummelt er in seinen nicht vorhandenen Jünglingsbart. Dann verzichtet er darauf, weiter mit mir zu sprechen. Das ist mir die liebste Variante. Ich vertiefe mich wieder in mein Buch. Zumindest tue ich so. Diese Theatervorstellung ist wirklich spannend. Ich darf jetzt keine Szene verpassen.

Die Debatte geht weiter. Es ist unglaublich, was zwei nicht reservierte Plätze für Diskussionen auslösen können! Statt sich einfach irgendwo hinzusetzen, wird erst einmal lang und breit gelabert. Gängigen Klischees zufolge, ist Labern ja Frauenangelegenheit. Die Praxis belehrt eines Besseren. Sie könnten mich höflich fragen, ob ich mich auf einen anderen Plätz setze. Dann würden sie zumindest zu sechst beisammen sitzen und könnten dieses Gruppenerlebnis, die Schlacht des Grafen Dracula, gemeinsam auskosten. Nett, wie ich manchmal bin, würde ich bestimmt aufstehen. Das würde ihr Problem aber nur zur Hälfte lösen. Sie müssten den siebenten Mann – oder ist der siebente Mann eine Frau – auch irgendwo, notfalls ins Gras, hinsetzen. Ich will eine andere Idee beigesteuern. Die wäre, sich abwechselnd auf den Schoß zu nehmen. Ich befürchte allerdings, dass diese wackeligen Plastikstühle so etwas nicht ausgehalten. Alleine unter meinem Gewicht stöhnen die recht unanständig. Und diese eine Dame, die sich schon mal vorsorglich auf den ganz linken der reservierten Plätze gesetzt hat, möchte sicher niemand auf dem Schoß haben. Nicht weil sie unter Körpergeruch leidet. Sie vermittelt ganz einfach den Eindruck, einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Aber mich fragt niemand.

Nein, in die erste Reihe will man sich nicht setzen, da drüben, auf der anderen Seite des Mittelgangs, … Über diese Variante wird geschlagene zwei Minuten diskutiert, bis man sie als akzeptabel akzeptiert. Es ist gerade noch rechtzeitig. Eine Traube Besucher nähert sich freie Plätze suchend. Kommt das Wort ‚Besucher‘ eigentlich von ‚suchen‘?

„Wie geht das denn mit dem Reservieren?“ fragt die nun neben mir sitzende Dame. Sie fragt nicht mich, sondern den Herrn links neben sich.

„Wenn du einen der Schauspieler kennst, machen die das.“ So einfach ist es. Ist das nicht eine Frechheit, was hier praktiziert wird? Vielleicht bekommen die sogar noch die Kinderermäßigung an der Kasse, den Biene-Maja-Stempel auf die Backe.

* * *

Bühnenbild

Bühnenbild

Die Vorstellung beginnt. Das Bühnenbild ist bei dieser Truppe immer gleich. Lediglich der Vorhang wird für jedes Stück ausgewechselt. Er hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Er müsste gründlich gewaschen und stellenweise kunstgestopft werden. Aber was verlange ich von diesen Künstlern? Ein paar passende Utensilien liegen bereit. Ja, bei so einer Freiluftveranstaltung mit täglich wechselndem Programm muss man auch das Bühnenbild optimieren. Das kann ich verstehen. Aber ein wenig mehr Einfallsreichtum erwarte ich eigentlich. Schließlich nennen die sich ‚Künstler‘!

Es geht los

Es geht los

Gleich in der ersten Szene sieht man, dass die Kostüme, hier speziell die etwas überdimensionierte Hüte, recht ramponiert aussehen. So geht es weiter. Eine Tischdecke lag wohl eine Saison lang als Abtreter vor der Gartenlaube des Intendanten? So sieht sie jedenfalls aus.

Es ist Klamauk. Viel Kunst ist hier nicht zu sehen. Aber das kannte ich von früheren Aufführungen sowohl hier im Park als auch in ihrer Spielstätte, einer ehemaligen, ziemlich verstaubten Fabrikhalle. Ich ertrage ab und zu auch mal Klamauk. Ich mag ja auch Straßentheater. Es muss nicht immer diese sterile Theateratmosphäre, so wie in Bayreuth, sein!

Andy sitzt in Sichtweite von mir, auf der anderen Seite des Mittelgangs. Er hat seiner Platznachbarin seine Strickjacke über die Schulter gehängt. Er ist durch und durch Gentlemen und leidet nun ihretwegen. Ja, was tun wir Männer aufopferungsvoll nicht alles für die Frauen! Hoffentlich erkältet es sich nicht! Sein Arm liegt über ihrer Stuhllehne. Sein Blick geht seitwärts mit einer körpernahen Tendenz nach unten. Wo schaut er hin? Er scheint etwas unkonzentriert zu sein – zumindest, was dieses Theaterstück angeht. Ach ja, ich bin es auch. Aber er hat wenigstens einen netten Grund dazu.

Einmal im Jahr gehe ich hierher in den Park, um mir ein drastisches Bühnenstück anzuschauen. Vor Jahren haben sie für dreizehn Zuschauern gespielt. Da zog gerade eine große Gewitterwolke an Frankfurt vorbei. Sie haben trotzdem gespielt. Hut ab!

Diesmal bin ich von dem Stück sehr enttäuscht. Irgendwie kommt mir alles bekannt vor. Der Text ist ein wenig anders, aber das Stück an sich ähnelt allen anderen Stücken dieses Ensembles. Wenn man erst einmal auf die negative Schiene gerutscht ist, dann wird man nörgelig. Normalerweise bin ich recht großzügig. Ich rufe nicht gleich „Buh“. Jeder bekommt von mir eine Chance, wenn nötig auch eine zweite.

Das Ensemble besteht aus sechs oder sieben Schauspielern. Einer ist wohl fest angestellt, ist der Chef. Den würde ich aber mal zum Friseur schicken. Einfach ‘nen Meter ab von dem Gestrüpp. Dann dreimal Haare waschen mit einem starken Fettlöser. Schließlich noch etwas in Form schnippeln, dann föhnen. Fertig ist der Lack, besser gesagt ein halbwegs ansehnliches Männlein. Bei Gelegenheit würde ich ihn auf eine Schauspielschule schicken. Vielleicht hat der sogar ein verstecktes Talent? Auf jeden Fall würde ich ihm seine Lache, er hat zum Glück nur die eine, abgewöhnen. Wenn es das Budget hergibt, könnte er richtig Lachen üben. Also nicht ständig so lachen, wie ein tollwütiges, an Hodenverklemmung leidendes Nilpferd. Eher so, wie es die Spielsituation erfordert.

Mich nervt an diesem Dracula-Stück, dass ich den Eindruck habe, jede Szene schon in anderen Stücken gesehen zu haben. Jeder Schauspieler hat genau seine Art zu spielen. Und diese Art wird in jedem Stück praktiziert. Es ist einfach platt, niveaulos und langweilig – zu viel Klamauk, zu viel für mich, zu viel für den heutigen Abend. Die Vorstellung vor der Vorstellung, ich meine den Auftritt von Andy, entschädigt mich.

Eines verstehe ich absolut nicht. Teile des Publikums applaudieren zwischendurch. Auch die neben mir Sitzenden klatschen mehrmals. Ach so, die sind mit reservierten Plätzen bestochen worden, müssen sich revanchieren.

* * *

Ich muss zur Ehrenrettung dieses drastischen Theaterensembles unbedingt noch erwähnen, dass der Dramaturg einen echt guten Einfall hatte. Man könnte sagen, dieser Einfall war genial. Nach einer dreiviertel Stunde gab es eine Pause.

An meinem Fahrrad, ich hatte es am Zaun angebunden, lehnen mindestens drei andere Drahtesel. Ich will mich gerade ärgern, dass ich die nun erst einmal wegräumen muss. Da kommen drei Frauen und befreien meinen Drahtesel von der Last. Sie unterhalten sich dabei über das gesehene, halbe Stück. Was sie sagen, trifft die Nägel dieser Welt mittig auf die Birne. Ich gebe das jetzt nicht wieder. Das hier ist ein ordentlicher Text, da gehören solche vulgären Ausdrücke nicht hinein!

Die Wege im Park sind für diese Uhrzeit erstaunlich belebt. Wer wandert oder radelt denn hier im Dunkeln noch entlang?

* * *

Sorry, Andy! Und vielen Dank auch! Der Sitzplatz war gut. Ich konnte das Spektakel auf der Bühne gut sehen. Dadurch ist es aber auch nicht besser geworden. Du musstest wohl bis zum Ende ausharren. Da hat sich dieser Typ da auf der Bühne doch solche Mühe gegeben, Plätze für euch zu reservieren. Aber du hattest ja eine nette Sitznachbarin! Vielleicht solltet ihr bis zum nächsten Mal zählen üben, wenigstens bis zur Zehn! Und wenn ihr besonders clever sein wollt, schickt rechtzeitig einen bewaffneten Wachposten zu den reservierten Plätzen. Nimm bei deinem nächsten Theaterbesuch zwei Strickjacken mit. Die Papiertaschentücherindustrie ist auf deine Finanzspritze nicht angewiesen.

Außerdem ergibt das Vorkommnis genügend Stoff für eine Geschichte.

„Tschüss Andy – bis zum nächsten Jahr!“