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Gibt es Schlimmeres, als das Ende vom Urlaub?

Anastasia wacht auf und fühlt sie sich wie gerädert. Schweiß steht auf ihrer Stirn. Jetzt ins Büro zu gehen, erscheint ihr furchtbar, regelrecht unzumutbar. Wie schön war es, morgens ausschlafen zu können, dann gemütlich am Frühstücksbrötchen zu knabbern und einen zweiten Kaffee zu schlürfen, einen mit drei Stückchen Zucker und ganz viel Milch.

Irgendwann ist der schönste Urlaub zu Ende. Dieses Irgendwann kommt viel zu schnell und völlig überraschend.

Dreimal ist Anastasia in dieser Nacht wach geworden. Dabei konnte sie abends einfach nicht einschlafen. Zu viel ging ihr durch den Kopf. Die Erinnerung an den schönen Urlaub wechselte sich ab mit den Gedanken an die Arbeit, die sie nun wieder Tag für Tag erwartet. Kaum schläft sie, rast ein Krankenwagen laut die Straße entlang. An der nahen Kreuzung wird die Sirene immer extra laut gestellt, egal ob am Tag oder in der Nacht. Das ist Absicht! Als sie gerade eingeschlafen ist, wird sie erneut wach. Ein kräftiger Regen prasselt aufs Fensterbrett. „Ach ja, das Tief Xanthippe! Es wurde im Wetterbericht angekündigt! Dass es so schnell kommt, war nicht zu erwarten. Sicher drückt das viele Wasser aus der Kanalisation jetzt in den Keller.”, denkt Anastasia etwas ungehalten. Sie ist müde. Wie immer, wenn Regen aufs Fensterbrett trommelt, muss sie nun höchsteilig aufs Klo rennen. Und dann, kurz vor sechs, der Wecker gönnt ihr noch eine gute halbe Stunde Schlafenszeit, ist sie schweißgebadet hochgeschreckt.

„Was war das für ein Blödsinn, den ich da geträumt habe!“ stöhnt sie, rennt in die Küche und trinkt zur Erfrischung und Ablenkung einen kräftigen Schluck Leitungswasser. Prompt kleckert sie die Hälfte übers Nachthemd. Die Aufregung über diesen verrückten Traum hindert sie, sich zu ärgern. Stattdessen streift sie den nassen Fetzen ab, lässt ihn auf der Stelle mitten in ihrer Küche liegen und kriecht schnell wieder unter ihre Zudecke. Jede Sekunde Schlaf ist ein Schatz, den es zu retten gilt!

* * *

Anastasias Dienstreise zum Saturnmond Titan dauert nun schon dreiunddreißig Monate. Eigentlich wollte ihre Chefin mitkommen, aber dann hatte sie heftige Migräne. Und wenn eine Frau Kopfschmerzen hat, geht bekanntlich gar nichts. Anastasia soll auf dem Titan einen Roboter inspizieren, der nach dem seltenen Mineral Xenonistrat gräbt. Dieser Roboter verwechselt seit siebzehn Jahren taubes Gestein und Mineral, liefert seitdem nur noch wertlose Klamotten zur Erde. Bei den heutigen Spritpreisen ist das eine Katastrophe! Seitdem auf der Erde das Edelgas Xenon knapp geworden ist, hat man dieses interstellare Bergwerk mit dem nun verrückt gewordenen Roboter eingerichtet. Die Russen, mehr muss man sicher nicht sagen oder waren es die Chinesen, es könnten auch die Amis gewesen sein, sind bestimmt für die Xenonknappheit verantwortlich. Jedenfalls wird nun dieses Mineral auf dem Titan abgebaut.

„Was machst du denn hier?“ fragt Anastasia als sie Philippus Xhengis Xanthidis völlig überrascht auf dem Jupitermond trifft. Philippus ist ein ganz berühmter Musiker. Leider wird er auf der Erde seit dreiundneunzig Jahren vermisst. Trotzdem sind seine Platten noch heute der Renner. Seine Spezialität war das Quietschen der Straßenbahn in der Linkskurve am rechten Ufer der Pariser Seine auf dem Klavier täuschend echt zu imitieren und dazu das berühmte Elsässer Triangelorchester die Backgroundmusik spielen zu lassen. Einmal ist sogar ein Besucher bis zum Konzertende geblieben. Der hatte einen harten Arbeitstag hinter sich und war eingenickt, so wie Tausende jeden Morgen in der quietschenden Bahn bereits auf der Fahrt zur Arbeit in jeder Linkskurve in den Schlaf geschaukelt werden.

„Ich spiele!“ antwortet der Musiker mit einem merkwürdigen Strahlen im Gesicht. Ja, er spielt auf einem ganz wundersamen Instrument. Es ähnelt einem Xylophon, das durch einen angerosteten Klapperatismus angetrieben wird. Es klingt fürchterlich. Philippus drückt ständig auf irgendwelche Knöpfchen. Nebenbei schlägt er mit einem stark abgenutzten Löffel aus dem Holz einer hundertjährigen Xingren den Takt. Aus diversen Ventilen entweicht ein mächtig stinkendes Gas. Anastasia ahnt, dass es eine Mischung aus Xenon und Pfefferminzaroma ist, gemischt mit dieser von verdorbenen Eiern bekannten Schwefelverbindung. In Anastasia keimt ein schlimmer Verdacht. Aber erst einmal muss sie sich um Philippus kümmern. Er scheint, so vermutet Anastasia, der Schlüssel zur Lösung aller Probleme zu sein.

„Was treibst du denn hier? Weshalb hast du die Erde verlasen?“

„Hier ist es doch herrlich! Schau, ist diese mächtige Bergregion nicht wunderschön?“. Philippus deutet in alle Richtungen zum Horizont. „Und stell dir vor, sie ist etwa so groß wie Australien und ich bin der Einzige, der hier lebt! Ein ganzer Kontinent für mich alleine.“

„Du hast sogar den ganzen Titan nur für dich.“

„Meinst du? So habe ich das noch nie gesehen. Ja! Du hast recht!“ jubelt der Musiker. „Dann bin ich ja Volk, Regierung und UNO in einem!“

„Wenigstens ist die Gefahr bei der nächsten Wahl unter fünf Prozent zu landen, relativ niedrig. Aber den verrückte Xenonroboter zählst du natürlich nicht mit!“

„Ach der! Der fährt doch immer nur hin und her und belädt die wöchentlichen Raumtransporter. Der zählt nicht.“

„Weshalb stinkt es hier eigentlich so penetrant nach faulen Eiern?“

„Das kommt von dem Raumtransporterpiloten Eugenius Xandner. Den habe ich mal ‚Straßenbahnschaffner‘ genannt. Ich hatte mal wieder eine Inspiration. Hinter diesem Ausruf verbarg sich ein wundervoller künstlerischer Gedanke. Du weißt schon, wie ich das gemeint habe!“ Anastasia nickt. Insgeheim überlegt sie, wem sie die Schallplatte von Philippus, ein Geschenk ihrer großen, unsterblichen Jugendliebe, vererben könnte. Ihr fällt niemand ein, den sie so wenig mag, dass er dieses Werk verdient hat. Ihre Cheffin kommt ihr in dieser Situation nicht in den Sinn. Die wäre bestimmt die Einzige, der Anastasia solch ein fantastisches Geschenk machen würde.

„Seitdem bewirft mich Eugenius immer mit den restlichen, längst überlagerten Eiern aus der Bordkantine seines Raumschiffs.“ ergänzt Philipus. Die Enttäuschung ist ihm immer noch anzusehen. Ein wahrer Künstler kann so etwas nicht verbergen.

„Weshalb bist du eigentlich ausgewandert?“

„Nun, das ist eine lange Geschichte. Mir ging es nach einem Konzert in Xanten mal nicht so gut. Kopfweh, Blutdruck, Xeroderma pigmentosum am Hintern, Schlaffheit und Wimpernzucken – schlimmer ging es kaum. Da war ich beim Orthopäden. Der hat die gefährliche Xanadusiengrippe bei mir diagnostiziert und mich sicherheitshalber in die Uniklinik von Timbuktu überwiesen. Die Grippe hat sich nicht bestätigt. Das ist doch typisch für diese Orthopäden! Die haben von nichts und garnichts keine Ahnung. Dafür haben sie in Timbuktu festgestellt, dass ich gleich drei X-Chormosomen habe, aber nur in der linken Körperhälfte. Was das zu bedeuten hat, weiß ich bis heute nicht. Ihre Geschwister, die Y-Biester versammeln sich alle vierzehn Tage im rechten Knie, so dass ich beim Laufen Schwierigkeiten habe. Aber das ist nicht schlimm, denn nach wenigen Stunden ist ihre Versammlung im Knie beendet und ich kann hier in Xanadu wieder spazieren gehen.“

„Kann es sein, dass da doch ein Hauch dieser Xanadusiengrippe in dir drin ist? Wieso bist du denn hierher nach Xanadu auf dem Titan ausgewandert?“

„Mir war plötzlich einfach danach! Du meinst, … Also dass dies doch von diesem grippalen Infekt kommt! Dass der komische Orthopäde, der mir dauernd mit seinem Hammer aufs Knie gehauen hat, recht gehabt hatte? Ich dachte von dessen Hämmern wäre nur die Y-Versammlung zurück geblieben.“

„Da ist viel mehr übrig geblieben, als du vermutest. Ich glaube, du solltest mal auf der Erde Urlaub machen. Ich nehme dich morgen wieder mit nach Hause. Außerdem warten deine Fans auf dich! Aber erst einmal reparieren wir den Roboter.“

„Da ist nicht viel zu reparieren. Du musst nur diese beiden Schläuche, den gelben Schlauch für das Xenonistrat und den dicken, roten für das taube Gestein tauschen. Dann funktioniert alles wieder wie früher. Ich brauchte doch das Xenon für den Antrieb meines mechanischen Xylophons! Aber sag mal, warten meine Fans wirklich noch?“

„Na klar! Du bist der berühmteste Star aller Zeiten. Du kommst noch vor den Original Wiesbadener Heidespatzen!“

„Oh Mann! Das ist doch der absolute Wahnsinn! Ich bin ein Star!“

* * *

In diesem Augenblick ist Anastasia aufgewacht. Das ist verständlich. Bei solch einem verrückten Traum ist das kein Wunder, eher pure Notwehr des Körpers. Sie ist in ihre Küche gerannt, hat einen Schluck Leitungswasser getrunken, ihr geblümtes Nachthemd bekleckert, hat es von ihrem Körper gefetzt und ist schlaftrunken zurück in ihr Bett gehetzt. Im selben Moment, zumindest erscheint es Anastasia so, klingelt der Wecker. Der bekommt einen Schlag auf den Kopf und Anastasias erster Arbeitstag nach dem Urlaub beginnt.

Schlimmer kann ein Urlaub nicht zu Ende gehen! Und noch schlimmer kann ein Tag nicht beginnen. Außer vielleicht, wenn ihre Chefin Ysolde Ypsilonius heute, … Aber das ist eine ganz andere Geschichte, eine mit ganz vielen Ypsilons.

* * *

Eine wichtige Frage bleibt. Wo kommt ein solcher Traum her, wie entsteht er? Bevor jetzt die Traumdeuter in Aktion treten, die Seele von Anastasia oder vielleicht sogar die des verrückten Autors dieser Geschichte in alle Einzeiteile zerlegen, anschließend entnervt versuchen, alle Teile wieder zusammen zu setzen und möglicherweise gar das eine oder andere äußerst wichtige Teilchen übrig behalten, verrate ich die Quelle dieses Traums.

Caroline veöffentlicht in Ihrem Blog http://schreiberlebentipps.wordpress.com/ regelmäßig Tipps und Aufgaben für Texte- und Geschichtenschreiber. Eine dieser Aufgaben heißt:

Verwende diese 5 Worte in deiner Geschichte:

X-Chromosom, Xanadu, Xanthippe, Xylophon, Xenon

Ok, das ist echt schwierig – aber der hübsche Buchstabe X gehört nun mal zum ABC😉

Als bei Caroline das A, B, … dran war, dachte ich immer „Kinderkram – pillepalle – Ich bin ein Mann! Macht so etwas bitte nicht mit mir!“ Aber das X, das hat mich irgendwie gereizt. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, eine entsprechende Geschichte zu schreiben! Es ist nur eine Schreibübung. Literarische Ansprüche sollen daran natürlich nicht gestellt werden!

Xanthippe ist der Name eines wunderhübschen Mädels: Klar, ohne das Attribut ‚wunderhübsch‘ geht das in dieser Geschichte nicht! Zugegeben, es ist ein Name, der heute nicht mehr so weit verbreitet ist. Genau genommen ist mir noch nie eine mit diesem lieblichen Vornamen begegnet. Aber die hübsche Xanthippe ist sehr musikalisch. Sie spielt meisterhaft auf dem Xylophon und mag den Hit ‚‘Xanadu‘. Vor ihrem Haus steht ein smaragdgrüner Ferrari mit Xenonlichtern. Mit diesem düst sie jeden Morgen ins Institut für biologische Erforschungen. Dort seziert sie X-Chromosomen, für die sie sich von Kindheit an begeistert! So einfach ist das. Man kann dies sogar in einen einzigen Satz quetschen. Das klingt dann noch verrückter als die Geschichte von Anastasia und Philippus. Und so sieht meine Satzgeschichte aus:

Während im Radio der Hit ‘Xanadu’ läuft, wirft Xante, die 4-jährige hyperaktive Nichte von Xanthippe, wutentbrannt ihr pinkfarbenes Xylophon an den linken Xenon-Scheinwerfer eines parkenden Autos, woraufhin Xaverius, Xantes Vater, spontan bereut, ein X-Chromosom vererbt zu haben.

Jetzt seid Ihr dran. Schreibt Caroline Eure X-Geschichte. Es kann sogar eine X-beliebige X-Geschichte sein. Hauptsache diese fünf X-Wörter sind darin enthalten.

Viel Spaß bei dieser Übung!