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Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag meiner Einschulung. Das ist zu lange her. Aber er muss stattgefunden haben, sonst würde ich heute noch auf dem Klettergerüst im Kindergarten herumturnen.

Fest steht, dass ich mit der Zuckertüte im Großen und Ganzen zufrieden war. Ihre Größe und der Inhalt entsprachen im Großen und Ganzen meinen kindlichen Vorstellungen. Ja, etwas größer hätte sie ruhig ausfallen können. Notfalls hätte ich kräftige Unterstützung beim Transport beantragt. Unten drin, in der Spitze, hätte noch mindestens ein Pfund Bonbons Platz gehabt! Stattdessen steckte dort eine zerknüllte Tageszeitung. Das fand ich durchaus ein wenig enttäuschend. Erstens sieht das wirklich ausgesprochen unordentlich, dem feierlichen Anlass unangemessen aus. Zweitens konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht Lesen. Was sollte ich mit einer Zeitung anfangen? Und drittens war das eine totale Verschwendung dieses kostbaren Raumes.

DIY-Schultüte

DIY-Schultüte

Heute machen es sich die Eltern viel leichter. Sie schenken ihrem Kind einen DIY-Zuckertütenbausatz. Da kann es sich schon früh an die Gepflogenheiten dieses schwedischen Möbelhauses gewöhnen. Während Eltern und Anverwandten die Einschulung ihres Sprösslings fröhlich feiern, ist dieser erst einmal beschäftigt. Wahrscheinlich flattert der Bausatz sehr schnell in die äußerste Ecke des Kinderzimmers und der Nachwuchs widmet sich den wichtigen Dingen des Lebens.

Das Töchterchen kramt enttäuscht die Barbiepuppe hervor, kämmt sie gründlich und wechselt zwischendurch Kleidchen und Schuhe. Vielleicht darf Barbie zur Feier des Tages auch mal baden. Ist der ABC-Schütze allerdings der Sohnemann der Familie, nutzt dieser die Zeit, in der die Eltern beschäftigt sind, sehr kreativ. Er schaut derweil im Internet nach, wie das mit den Barbiepuppen funktioniert. Es gibt doch so viele davon. Alle seine kleinen Freundinnen, die mit ihm aus der Kindergartengruppe nun zu den Großen in die Schule kommen, haben solch eine Puppe. Irgendwie müssen sich die Püppchen doch Vermehren. Vielleicht findet er ein paar bunte Bilder, die ihm weiterhelfen. Er braucht Fakten! Nur damit kann er bei den Mädels punkten! Notfalls lässt er sich vom großen Bruder helfen. Der kennt sich aus, geht schon in die dritte Klasse.

So ein DIY-Zuckertütenbausatz spart Geld. Denn bis das Kind die Bauanleitung lesen kann, können heutzutage viele Jahre vergehen. Bis dahin ist ihm der Appetit auf Bonbon, Schokolade und Kekse vielleicht vergangen. Spätestens dann steht eine Doppelportion Hamburger, Pommes und Cola auf dem Programm. Die werden aus den Einnahmen fürs Zeitungsaustragen finanziert.

Schließlich muss so eine Bauanleitung ja auch richtig interpretiert werden!

Bauanleitungen haben unzählige Ehekrisen ausgelöst. Wenn dieses nordische Möbelhaus alle verschuldeten Unterhaltsforderungen erfüllen müsste, wäre es längst pleite. Stattdessen erleben die Kunden beim Zusammenbauen ihre ganz individuellen Pleiten. Sie müssen nun versuchen, die Krise trotz Wackelschrank ohne Seitenwand und mit den windschiefen Türen irgendwie zu bewältigen. Heulend auf dem neuen zweibeinigen Stuhl zu sitzen, bringt auch nichts. Das ist vor allem sehr unbequem, weil die Lehne falsch herum montiert wurde. Anders wollte sie einfach nicht passen und die drei fehlenden Schrauben müssen auch noch reklamiert werden. Die wahrscheinlich als Ersatz gelieferten 18er Winkelstücke nützen reinweg gar nichts.

Weg mit dem vermaledeiten Möbelkram und der Krise! Schafft alles direkt auf den Sperrmüll! Hoch leben die Gemüsekisten aus dem Supermarkt. Beim nächsten Familientreffen wird eine Kreativwerkstatt veranstaltet. Jeder darf eine Kiste bunt anmalen. Hinterher findet mit den restlichen Farben eine Schlacht statt – Jeder gegen Jeden. Und dann verschicken sie Selbstporträts an alle Freunde, Bekannten und Kollegen. Für den Vermieter wird rechtzeitig der Notarzt bestellt.

Ganze Familienfehden, wie dazumal bei Romeo und Julia, sind wegen der DIY-Bewegung schon ausgebrochen. Die Zuckertütenbausatzfabrikantenfamilie tritt gegen die Süßwarenherstellerfamilie an. Krieg nennt man das. Vor Jahren hat mal im tiefsten Sachsen ein Maschendrahtzaun samt Sträuchern mit hochexplosiven Knallerbsen einen heftigen Nachbarschaftsstreit ausgelöst. Er wurde anno dunnemals sogar besungen. Aber das ist nur Klacks gegen das, was nun passiert!

Jahre später werden die inzwischen postpubertierenden Kinder Esmeralda-Luise und Kevin knutschend in der letzten Sitzreihe des örtlichen Lichtspielbetriebs in einem FSK 18 Film überrascht. Sie hatten dummerweise nicht mitbekommen, dass nach dem ersten Werbeblock das Licht eingeschaltet wurde und die Eisverkäuferin durch die Reihen ging. Zwei Reihen vor ihnen saß Zacharias mit seiner derzeitigen Braut. Esmeralda-Luise und Kevin waren zu sehr in andere Tätigkeiten vertieft. Sie konnten deswegen keine Portion Popcorn zurückwerfen. Das hat Zacharias den Beiden sehr übel genommen. Schnell hat er den Vorfall abgelichtet und der Welt gezwitschert. Man munkelt, dass Kevins Hände die Blusenknopfbarriere längst, mit Leichtigkeit und ihrer Unterstützung überwunden hatten. Das Foto von Zacharias ist leider ein wenig unscharf geraten, lässt viel Raum für Spekulationen.

Der Familienzwist ist daraufhin eskaliert. Das SEK muss kommen und den Streit mit schweren Waffen schlichten. Die Sprösslinge sind sicherheitshalber nach Bielefeld evakuiert worden. Dort findet sie zum Glück niemand. Die Geschichte endet, im Gegensatz zum Vorbild von diesem alten Shakespeare zwar mit offener Bluse, aber mit einem Happyend. Seit Tagen versucht Esmeralda, die abgerissenen Knöpfe mit Klebeband wieder zu befestigen. Kevin war einfach zu ungestüm! Erst als sie zu Karls Universellem Kraftkleber greift und die Klebestellen großzügig einstreicht, fallen die Knöpfe nicht wieder ab. Allerdings ist die Bluse unbrauchbar, was Kevin jedoch mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet.

Neun Monate und sechs Jahre später geht der ganze Kladderadatsch mit der DIY-Schultüte wieder von vorne los!

Ein echtes Erlebnis mit Langzeitfolgen ist das Basteln einer Schultüte auf jeden Fall.

Es kann natürlich auch sein, dass der Nachwuchs aus Enttäuschung über dieses Präsent zur Einschulung einfach nur geschrien, gekreischt, getobt, zornig alle Bausatzmöbel umgeworfen hat, die gesplitterten Spanplatten, eine nach der anderen, durch das ursprünglich geschlossene Fenster geworfen hat, auf dem wunderbaren Schulranzen mit dem gelb-rot-grün karierten Frosch herumgetrampelt ist, mit den zerbrochenen Buntstiften Kater Frido gespickt hat, es zumindest zweimal erfolglos versucht hat, … Die Eltern sind einer unendliche Trauer und Verzweiflung anheimgefallen. Was ist denn so plötzlich in dieses kleine, süße Kind gefahren? Der Vater denkt, dass dies unmöglich an seinen Genen liegen kann. Irgendjemand anderes hatte da seine Hand oder wer weiß was mit im Spiel! Darüber haben sie dann vergessen, dass eigentlich für nächstes Jahr ein Geschwisterkind eingeplant war.

Jetzt wissen wir auch, weshalb Rothenburg an der Fulda, wo solche wundersamen Bausätze angeboten werden, bisher noch nicht zu einer Millionenstadt aufgestiegen ist.