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Ich schreibe gerade eine Geschichte. Die ist ein bisschen frivol, enthält Schweinskram, nur ein wenig. Oh je! Ich bin doch solch ein seriöses Kerlchen! Wieso denn plötzlich so etwas?

Peter, so heißt der Typ in meinem Text, macht sich seine Gedanken – aber was für welche! Er grübelt über Frauen im Speziellen, sich selbst im Besonderen und so. Und ausgerechnet an dem Tag, an dem die Geschichte in der Rohfassung fertig ist, besuche ich einen Poetry Slam in Sankt Peter. ‚Wo ist Hola?‘, heißt der. Ist das nicht ein Zufall?

Wer ist eigentlich Sankt Peter? Ist das der heilige Peter, dieser …, ja, genau der ist das oder der andere.

Ich habe Siri gefragt, wer Sankt Peter ist. Sie weiß es nicht. Hat mir sogar Sankt Peter-Ording angeboten. Das liegt doch ganz woanders, nicht mitten in Frankfurt!

Dagegen kennt Prof. Dr. G. Oogle, dieses Schlitzohr, gleich eine halbe Millionen Sankt Peters. Ich konnte mich leider für keinen entscheiden. Fräulein Dr. Wiki Pedia ist schlauer:

An der Kreuzung von Alte Gasse und Schäfergasse stiftete der 1381 verstorbene Frankfurter Ratsherr Peter Apotheker eine kleine Kapelle.

Das wird wohl die historische und namensgebende Quelle gewesen sein.

Uff, ich wollte meinem Typen sowieso einen anderen Namen geben. Peter, das klingt so bieder, so von 1973. Mein Peter denkt solchen Schweinskram! Wie wäre es mit Johannes, Paul, Benedikt oder Hieronymus? Auch Scheiße! Das kann man bei einer Dreckskramgeschichte ruhig mal so sagen. Nein, ich meine damit nicht die vorgeschlagenen Namen! Die passen nur nicht zu dem Typen in meiner Geschichte.

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes berichten. Nämlich von meinen Erlebnissen beim Poetry Slam in Sankt Peter.

Einmal quer durch Frankfurt, dann einmal links, einmal rechts, dann wieder links herum und die Treppe hoch. Schon bin ich da. So einfach ist das! Am Einlass erfolgt eine Taschenkontrolle wie auf dem Flughafen. Flüssigkeiten sind nicht erlaubt, wie auf dem Flughafen. Die Besucher sollen ihre Saufgelüste mit den an der Bar gereichten Getränken stillen. Beim letzten Mal hatte ich eine Wasserflasche unten in meiner Tasche unter der Regenjacke. Der Typ von der Kontrolle war ein wenig dusselig und hat sie nicht gefunden. Ich habe schon am Einlass gelacht. Beim Gehen sah ich eine riesige Kiste mit den konfiszierten Flaschen, die meisten mit den vom Discounter bekannten Etiketten. Die hat er dann wohl selbst ausgesüffelt oder wurden die bei der nächsten Veranstaltung an der Bar gereicht? Angeblich hätte man die auf dem Heimweg wieder mitnehmen können. Doch da fiel mir dieser Witz ein:

Sitzt einer im Biergarten und muss mal. Damit niemand heimlich aus seinem Bierglas trinkt, hängt er einen Zettel dran: „Habe reingespuckt!“. Als er zurückkommt, steht drauf: „Ich auch!“

Diesmal habe ich nichts dabei.

Ist so etwas nicht total verrückt? Demnächst gehe ich, bevor ich ein ***-Restaurant betrete, mit dem Chefkoch zusammen aufs Klo. Der überwacht, dass ich gepflegt kacke, zwei Kilo im Paket sind Norm, mehr ist erlaubt, damit genügend Platz im Bauch ist für sein angebranntes 5-Gänge-Menü. Wer ordentlich kackt, bekommt auch einen Extra-Gruß aus der Küche. Ein kräftiges Abführmittel, damit noch mehr reinpasst. Vorher wird bei der NSA angefragt, wie es um meine finanziellen Möglichkeiten bestellt ist, ob ich mir solch ein opulentes Menü überhaupt leisten kann. Bin ich klamm, schicken die mich mit leerem Magen sofort heim. Natürlich nicht, ohne die Gebühr fürs Klo samt Arbeitslohn für den Chefkoch entrichtet zu haben. Alles inklusive Mehrwert- und Kacksteuer. Die Kacke behalten sie. Das kenne ich vom Friseur. Die abgeschnittenen Locken geben sie mir nie mit nach Hause. Ach, die sind doch bek(n)ackt!

Sorry, eigentlich wollte ich heute keinen Schweinskram schreiben. Es ist pure Notwehr! Die haben mich quasi dazu gezwungen!

Die Leibesvisitation, wenigstens Tascheninspektion ist überstanden, dann muss ich nur noch der Obolus entrichten. Der ist überschaubar. Zur Belohnung gibt es einen Stempel auf die Backe. Sicherheitshalber ließ ich mir das Siegel auf den Handrücken, statt aufs Bäckchen drücken. Das war eine gute Idee, wie sich später noch zeigen wird.

An der Bar besorge ich mir ein Bier und eine Brezel. Sodann suche ich mir den besten der vielen freien Plätze aus. Ich gehe immer rechtzeitig, damit ich einen guten, bequemen Platz abbekomme. Nicht zu nah am Geschehen. Das nennt man Sicherheitsabstand, falls die Protagonisten eine feuchte Aussprache haben. Aber auch nicht zu weit entfernt von der Bühne. Als ich sitze, krümele ich die Salzkörner von der Brezel ab. Da ist mir immer zu viel von dran. Morgen früh wird hier sowieso gesaugt!

Der Veranstaltungsraum erinnert an ein übergroßes langgestrecktes Klassenzimmer mit dicken Rohren an der Decke. Die Rohre dienen der Krachableitung, waren allerdings vom vielen Gebrauch total verstopft. Zwei schicke, schwarze Lautsprechertürme, doppelt so hoch wie ein üblicher Haushaltskühlschrank mit ***-Tiefkühlfach und integriertem mechanischem Tür-zu-Licht-aus-Tür-auf-Licht-an-Schalter, nur eben in schwarz und lauter, vervollständigen die Einrichtung. Stühle, ein paar Tische und Sitzkissen brauche ich sicher nicht zu erwähnen. Upps, beinahe hätte ich die riesige Bühne vergessen, mehrere Meter breit und tief und hoch.

Es geht los mit warten. Ist doch klar, wenn man so früh kommt. Damit das nicht so dröge erscheint, wird Musik eingeblendet. Über Musikgeschmack kann man nicht streiten. Den hat man oder den hat man nicht. Und wenn man ihn hat, ist es ein guter, ein mittlerer oder ein ganz furchtbar schlimmer. Aber, was da am Anfang, bevor es losgeht, aufgelegt wird, ist einfach nur schön: schön doof, schön bescheuert, schön ach was weiß ich, … und vor allem schön laut. Bei dem Lärm wird das Bier in Sekundenbruchteilen schal, schade drum. Solch ein Krach bei einer Veranstaltung, die sich um Wörter, Texte dreht, ist schon krank! Der Sankt Peter muss bereits vor Beginn des Slams mit Blaulicht, Tatü-Tata und Hubschrauber in die HNO-Abteilung der Uniklinik gebracht werden. Die Ohrstöpsel wurden infolge die Bässe regelrecht durch die Trommelfelle geschossen – beidseitig, es ist Stereo. Nun hat er ein Problem. Als ihn Prof. Krachmacher-Krawallowsky fragt, was ihm fehlt, hat er mit den Schultern gezuckt. Er hat ja nichts verstanden. Daraufhin will ihn der Professor zum Orthopäden zum Check der Schulterknochen überweisen. Doch dann besinnt er sich eines Besseren und untersucht ihn selbst sehr gründlich. Am Ende der 14-stündigen Untersuchung (davon 13 Stunden, 59 Minuten und 22 Sekunden reine Wartezeit) steht fest: Die Polypen müssen raus. Da kann er froh sein, nicht in die Orthopädie gekommen zu ein. Dort hätte er bei einer 14-stündigen Untersuchung drei Tage warten müssen. Ich kenne mich da aus.

Ein großes Mischpult mit vielen kleinen, furchtbar kompliziert ausschauenden Reglern und Knöpfchen steht bereit, die schwarzen Lautsprechersäulen anzusteuern. Der DJ Sherm da Worm hat keine Haare. War da der Wurm drin? Doofes Wortspiel – wird sofort gestrichen! Bestimmt ist ihm die Wolle bei diesem Krach, den sein Tun verursacht, abgebrochen oder ausgefallen. Wahrscheinlich gingen ihm nicht nur die Haare aus, sondern auch der Musikgeschmack. Eine gute Idee wäre es gewesen, das Bühnenmikro an den kolossalen Reglerkasten anzuschließen. Dann hätte er die Verständlichkeit der späteren Wortbeiträge ein wenig abstimmen können. Es klang manchmal nicht absolut astrein. Und so richtig cool, mit der linken Hand die Regler regeln, nebenbei mit der rechten ganz lässig den feschen Mädels zuwinken, das macht schon was her! Diese Chance hat es nicht genutzt – schade!

Pünktlich mit 22 Minuten Verspätung geht es los. Zuerst tritt ein gewisser Dalibor auf die Bühne. Das ist so eine Art unvorbereiteter drittklassiger Alleinunterhalter. Der macht sich total zum Butterbrot! Der denkt, er ist ein Spaßvogel. Das mit dem Vogel ist nicht einmal falsch gedacht. Dann kommt ein wahnsinnig witziger Musik-Act. Dagegen klang sogar Dalibor wie die Amsel vom Paris. Tilmann Claas beherrscht zweieinhalb Griffe auf seiner Gitarre, hat sie richtig herum gehalten und singen kann man das irgendwie nicht nennen. Das ist eher, … Ja, was ist das eigentlich? Es ist so eine Mischung. Einerseits erinnert es an Mario B. nach dem 14. Bier, unter einer kalten Dusche stehend, nachdem ihn seine Alte verlassen hat und sämtlich Pornohefte der Nachbarschaft in die Briefkasten gesteckt hat. Natürlich ohne vorher das Adressetikett zu abzufuddeln. Andererseits klingt es mach dem Abendgruß des MDR-Sandmännchen. Letzteres wegen der Tiefgründigkeit der Texte. Und der Pullover, den der Musikus anhat, ist ein richtig geiles Teil: Pariser Mode aus der Vorsteinzeit gemischt mit Mutter Beimers buntem Nachthemd. Wer das nicht gesehen hat, hat nichts versäumt.

Doch dann geht es los. Sechs Barden, davon zwei Bardienen, stellen sich in zwei Gruppen mit ihren Texten dem Publikum. Das ist gut – wirklich! Da gibt es nichts zu meckern. Es macht Spaß, zuzuhören. Ich lache lauthals, applaudiere kräftig. Begeisterungsrufe überlasse ich anderen, jüngeren. Ich bin da eher ein zurückhaltender Mensch. Ich genieße in Ruhe. Ja, die Slammer sind wirklich gut! Deswegen bin ich gekommen und ich werde nicht enttäuscht. Nach der ersten Runde würde ich einem anderen Teilnehmer einen klitzekleinen Vorsprung vor dem Vorrundensieger gewähren. Aber das ist meine ganz persönliche Einschätzung. Das Publikum in seiner Gänze entscheidet ein wenig anders. Auch gut.

Nun kommt die Pause und mein Müssenmüssen meldet sich. Das eine schale Bier möchte in die Freiheit, fühlt sich in mir nicht mehr wohl. Also auf zum Klo. Da ist ein Schild, da geht es lang. Ich stehe in einem großen, fast dunklen und fast leeren Saal. Die Slammer lümmeln in einer Ecke auf weichen Sitzkissen. Welche der drei großen Türen führt zur Toilette? Ach, die da, die an der Schmalseite. Die lässt sich öffnen und ich befinde mich in einem hohen Vorraum. Da links geht es lang – Pustekuchen. Da sind nur zwei verschlossene Türen. Also zurück. Schon wieder Pustekuchen. Die Pforte lässt sich nicht öffnen. Eben bin ich doch erst hindurchmarschiert! Was tun? Ich rüttele an dieser Tür, mehrmals, entnervt, verzweifelt und mit letzter, mit allerletzter Kraft. Zu bleibt zu. Soll ich jetzt hier die letzten Tage meines viel zu kurzen, arbeitsreichen Lebens hungrig, durstig, frierend und mit drückender Blase verbringen? Ich schaue mich mit ganz, mit wirklich ganz allerletzter Kraft um. Dort, genau gegenüber, ist noch eine Tür. Sollte ich dorthin kriechen und mein Glück probieren? Oder soll ich mich lieber aufgeben, vergebens auf Hilfe hoffend, meinem einsamen, traurigen Ende entgegensehen, während nebenan lustig geslammt wird? Ich entschließe mich, einen letzten Versuch zu wagen. Viel Hoffnung habe ich nicht. Trotzdem! Petrus soll nicht sagen:

„Na hättest du mal die andere Tür ausprobiert, dann würdest du nicht schon jetzt hier Einlass begehren.“. Oh Wunder! Die Tür lässt sich öffnen – natürlich nur wegen Petrus! Ich stehe im Freien, vor der Kirche. GERETTET!!! Über eine breite Treppe komme ich in eine Art Park. Da meldet sich beim Anblick großer bewurzelter Dixiklos mit Blätterdach mein dringendes Bedürfnis, dass Auslöser für meine Irrfahrt, besser gesagt von dem Irrlauf war. Es löst sich unter Plätschern in Wohlgefallen auf. Das haben die nun davon! Normalerweise pinkle ich nicht mitten in der Stadt, noch dazu vor einer Kirche, an den Baum. Ich bin schließlich gut erzogen worden. Aber hierzu gehörte auch der Satz

„Mach dir nicht in die Hose! Das ist unangenehm, feucht, riecht und wird kalt – du könntest dich erkälten. Damit kannst du nicht unter die Leute!“ Dieses Problem ist nun also abgehakt. Ich flaniere wieder durch die Hauptpforte rein, muss mich natürlich zur Authentifizierung einloggen. Das passiert mittels Präsentation des Stempels auf dem Handrücken. Der Slam kann weiter gehen.

Nach der Pause kommen noch drei Slammer in der zweiten Gruppe an die Reihe. Ein Sieger kann einfach nicht ermittelt werden. Also landen alle drei zusammen mit dem Sieger aus Runde eins im Finale. Das ist gut so, denn das Publikum bekommt zwei zusätzliche Beiträge zu Gehör.

Vor der Finalrunde produziert sich der bunte Vogel mit seinem hübschen schräggestreiften Kanarienpullover noch einmal. Das ist der Preis dafür, dass wir das Finale sehen wollen. Nichts ist umsonst auf dieser Welt! Ich muss mich gewaltig am Riemen reißen, die Zähne fest zusammenbeißen, bei diesem Tilmann. Seine Texte sind diesmal echt Spitze, passen sehr zu seiner Darbietung:

„Hör auf, du selbst zu sein, sei jemand anders“ – Wie wäre es mit Costa Cordalis, Udo Jürgens oder Vicki Leandros? Als Jürgen Drews muss er ja nicht gleich kommen. Das wäre zu viel des Guten.

Die Ermittlung des Gesamtsiegers ist nicht einfach. Aber dann steht sie fest, die Siegerin. Sie heißt Tanasgol Sabbagh. Sie ist Iranerin, studiert in Marbach und sprach über ihre Iranische Heimat, wie schön die ist und die problematische politische Situation dort. Ein verdienter erster Platz!!!

Auch der Heimweg ist ein Erlebnis. Beim letzten Mal musste ich über eine meterhohe Mauer klettern. Alle Tore waren verschlossen. Indes Slamzuschauer helfen sich gegenseitig! Selbst die Dame mit ihrem Fahrrad haben wir mit vereinten Kräften über die Mauer gehievt. Diesmal ist es ähnlich. Aber ein Wissender führt uns um die Kirche herum zu einem geheimen unverschlossenen Ausgang an der Rückseite. Wobei die Frage, was ist Vorder- und was ist Rückseite bei einer Kirche, speziell bei dieser, hier nicht diskutiert werden soll.

Alles in allem war das also eine tolle Veranstaltung. So schnell werde ich sie nicht vergessen! Ich bin froh, mich auf den Weg durch die Stadt gemacht zu haben. Es war viel los, spannende Texte wurden vorgetragen. Der nächste Slam Wo ist Hola findet am 27. November an gleicher Stelle statt. Ich bin wieder mit dabei, mit leerer Flasche. Die kann nicht konfisziert werden. Bei dringendem Bedürfnis husche ich hinter einen Vorhang und stelle sie dann klammheimlich in einer stillen Ecke ab! Vorsicht ist die Mutter der Klobürste. Noch so einen Irrgarten überstehe ich nicht. Ich habe ja die heimliche Hoffnung, dass vielleicht ein Dixicontainer aufgestellt wird.

Wenn ich wieder über solch wundervolle, spannende Erlebnisse in Sankt Peter berichten kann, verrate ich auch, welchen Namen Peter, der in meiner Geschichte, abbekommen hat. Peter heißt er dann garantiert nicht mehr, das steht felsenfest, wie Sankt Peter!

 

Wo ist Hola (25. Sept. 2014):

Ort:                 Sankt Peter in Frankfurt
Moderation:       Dalibor Marković
Musik:              DJ Sherm da Worm
Musik-Act:        Tillmann Claas

Teilnehmer Vorrunde 1:
Nektarios Vlachopoulos       Sieger Runde 1
Sophie Holzberger
Lucas Fassnacht

Teilnehmer Vorrunde 2:
Frank Klötgen                    Sieger Runde 2
Tanasgol Sabbagh              Sieger Runde 2   Gesamtsiegerin
Stefan Dörsing                   Sieger Runde 2