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„Hey, wie geht’s? Lange nicht gesehen!“ ruft jemand mitten in dieser riesigen Einkaufsgalerie auf der Zeil in Frankfurt. Er stürmt auf mich zu. Er scheint mich gemeint zu haben!

Fast rennt er eine junge Frau mit ihrem Kinderwagen um. Er hat nur Augen für mich, ist kurz davor, mich mit seinen Pranken zu umarmen. Nein, danke, auf einen Bruderkuss lege ich keinen Wert! Lediglich die schwere Tüte mit seinem Einkauf hindert ihn daran, mich zu herzen. Und meine deutliche Zurückhaltung. Ein breites, glückliches Grinsen ziert sein Gesicht. Das ist nicht zu seinem Vorteil, rein optisch jedenfalls. Während er mir seine Rechte hinhält, ich diese etwas zögerlich ergreife, knallt seine Linke auf meine Schulter. Die Einkaufstüte hat er seiner Begleitung wortlos in die Hand gedrückt. So schnell konnte sich die Dame nicht wehren. Ich auch nicht.

Gute Mine zu bösem Spiel, nennt man das, was ich veranstalte. Ich ringe mir ein Lächeln ab und beginne hektisch alle Schubladen in meinem Denkkasten durchzuwühlen. Wer ist das nur? Woher kenne ich den? Sind wir uns in diesem Leben überhaupt schon einmal begegnet? Richtig sympathisch kommt der ja nicht daher!

Ich finde keine Spuren in meiner Erinnerung. Das hätte mich gewundert. Solche Typen mag ich nicht.

Seine Begleitung, eine gut gebaute, etwas rundliche, auch sonst leicht überdimensionierte Dame, reicht mir die Hand. Wir begrüßen uns artig, fast schüchtern. Wir beide kennen uns definitiv nicht. Sie ist nicht unsympathisch. Sie tut mir regelrecht leid, dass sie mit dieser Dampframme am Arm durch die Gegend und diesen Einkaufstempel ziehen muss. Er trägt eine überdimensionale, neu aussehende Plastiktüte mit Werbung aus diesem riesigen Elektromarkt drauf. In der Tüte muss etwas Größeres zu stecken. Sie schielt zu dem Klamottenladen rüber, scheint bisher einkaufsmäßig noch nicht zum Zuge gekommen zu sein.

Sie geben ein merkwürdiges Paar ab. Er ist bestimmt eins neunzig groß und dürr wie ein schmaler Besenstiel, ein sehr schmaler. Aber er hat Pranken, bei denen jeder Klodeckel neidisch wird. Die Energie, die er versprüht, hat er bei seinem Moppelchen abgesaugt. Das scheint eher von der gemütlichen Sorte zu sein. Ich frage mich, wie die zusammenpassen. An jeden Kreis kann man eine Tangente legen. Und wenn er am Berührungspunkt die Normale errichtet, … Das sind jetzt schweinische Gedanken eines Mathematikers, der ich nicht bin. Ich bin Ingenieur.

Jedenfalls passen die beiden überhaupt nicht zusammen – optisch, temperament- und sympathiemäßig. Die Dame müsste mal mit der Faust auf den Tisch hauen. Wenn der im Elektromarkt stöbert, könnte sie doch in diese Budike für die Bikinis gehen. Wie die Zwei aussehen, nagen sie nicht am Hungertuch und so ein Kleinteil kann ja wirklich nicht teuer sein! Ja, ich weiß, erstens sind kleine Bikinis immer und aus Prinzip teurer als große, zweitens bräuchte sie es eine Nummer größer und drittens würde das ziemlich bescheuert aussehen. Aber da sind ja noch andere Läden. Vielleicht überrascht sie ihn mal mit einem Teil aus dem Dessoussortiment? Da kippt der garantiert aus den Latschen und sie kann in Ruhe den Tatort anschauen und muss sich nicht bei dieser öden Bundesliga auf der Couch langweilen, bis er in seinem Sessel eingeschlafen ist. Der Abspann vom Tatort ist bei seinem Geschnarche auch nicht besonders eindrucksvoll. Die Steigerung kommt dann im Nachtprogramm. Da wird die Nacktarschszene im Tatort mit diesem Till S. zum dreiundzwanzigsten Mal wiederholt – diesmal mit schnarchender Taktvorlage.

Für diese Gedanken benötige ich weniger als drei Sekunden. Da bin ich wirklich fix, eben ein Menschenkenner. Sie geben auf das eigentliche Problem nicht den Hauch einer Antwort. Ich muss weiter in mir recherchieren. Er unterbricht meine Gedankengänge resolut. Er fragt mich, ohne richtig Luft zu holen, wie es im Urlaub war. Ich schaue hoch zu ihm und entgegne ausweichend:

„Ja, war nicht schlecht, natürlich zu kurz. Das Essen war gut, sieht man ja!“ Meine linke Hand beschreibt fast unmerklich, aber vielsagend eine millimetergroße Kreisbewegung über meiner Bauchwölbung. Der kann bestimmt dreimal mehr futtern als reinpasst und nimmt dabei mindestens zehn Pfund ab! Das sind meine Lieblingstypen. Die sind bei mir unten durch, da haben sie noch nicht einmal „Piep“ gesagt! Was soll ich ihm sonst berichten? Das geht den nun wirklich nichts an! Wenn sich herausstellen sollte, dass wir uns doch irgendwie schon irgendwann irgendwo begegnet sind, kann ich ja eventuell mehr erzählen.

„Und selbst?“, frage ich, wobei ich diese Frage eigentlich hasse. Was bedeutet das? „Und selbst?“ Das ist kein ordentliches Deutsch. Das klingt nur scheinbar interessiert, vielleicht auch ein bisschen oberflächlich, eben weltmännisch. Der Typ, von dem ich immer noch nicht weiß, wer es ist, hat nichts Besseres verdient! Doch diese Floskel ist geeignet, ihm den Ball zuzuspielen, den er offensichtlich sehnsüchtig erwartet.

„Och, Griechenland ist ja in diesem Jahr so billig! Ein echtes Schnäppchen. Gesoffen haben wir, … Aber die Hitze war schon extrem …“ Er redet sich in Rage. Ich überlege, wer von meinen Bekannten, gerne trinkt und nach Griechenland reist. Mir fällt niemand ein, niemand der auch gerne viel trinkt. Ich habe nur nette Bekannte. So einer, wie der da, ist nicht vorgesehen!

„Du sagst ja gar nichts mehr?“ haut er mir an den Kopf. Ich erschrecke ängstlich mit der Befürchtung, den Ball zurückzubekommen. Ich habe Glück. „Bist wohl neidisch? Da musst du unbedingt mal hinfahren! Es war wirklich klasse!“ Er schwärmt weiter, behält den Ball. Der Dame scheint es etwas peinlich zu werden. Sie sagt nichts, nickt nur ab und zu. Dann regt er sich darüber auf, dass alle schon frühmorgens ihre Handtücher auf die Liegen am Pool platziert haben. Da solche Urlaube für mich nicht infrage kommen, ist mir diese Verhaltensweise bisher nur aus den Medien bekannt. Ich nahm eigentlich an, diese Meldungen sind stark überhöht.

„Typisch deutsch!“ sagt er. Seine Frau ergänzt, dass er das ja auch gemacht hat. Worauf er mit leicht ärgerlichem Gesichtsausdruck entgegnet, dass ihm ja wirklich nichts anderes übrig geblieben wäre. Sonst hätten ja alle Russen und Engländer sämtliche Liegen den ganzen Tag über blockiert. Die haben doch immer nur gepennt und gefressen. So konnten sie sich wenigstens mal ein Stündchen an den Pool legen. Länger war wegen der Sonne sowieso nicht drin.

„Das ist vielleicht ein Volk!“ empört er sich. Mir ist nicht klar, ob er die Griechen, Russen, Engländer oder Deutschen meint.

Der Typ nervt gewaltig. Soll er sagen, wer er ist oder woher wir uns kennen. Er ist ja auch nicht mehr der Allerjüngste. Der müsste doch wissen, dass man sich nicht an jede Schnapsnase, die man irgendwann mal getroffen hat, erinnern kann!

„Wie geht es eigentlich der, äh, wie hieß sie noch einmal? Na du weißt schon, wen ich meine!“

„Angela Merkel?“ werfe ich mit einem Anflug von Ironie ein. Er braucht geschlagene zwei Minuten, um sich wieder zu beruhigen. Er findet meine ‚Bemerkelung‘, wie er sie nennt, wahnsinnig lustig. Ich gewinne dadurch Zeit. Das nützt mir kein Jota. Ich bin mir inzwischen sicher, ihn nicht zu kennen. Dann erklärt er mir, dass er diese Spanierin meint. Die Flotte, die wir vor zwei oder drei Jahren an der Costa Brava kennengelernt haben. Er sagt natürlich, dass ich mich an die rangemacht hätte.

„Da war ich noch nie!“ Bevor ich ihm sagen kann, dass ich demzufolge diese Dame nicht kenne, fällt er wieder in ein wissendes, mehrminütiges Lachen.

„Verstehe! Du willst sie nicht mehr kennen. Na, das muss ja eine heiße Beziehungskiste gewesen sein. Hat deine Alte etwa Wind bekommen?“ Wen meint er mit ‚Alte‘? Das könnte im Ernstfall für ihn richtig unangenehm werden.

„Nein.“ entgegne ich und überlege nun nicht mehr, wer das sein könne, sondern, wie ich diesen lästigen Kerl wieder loswerde.

Ich habe eine Idee! Ja, manchmal kann ich echt fies sein!

„Na klar! Ja, jetzt erinnere ich mich! Die war in der Tat nicht schlecht. War regelrecht die Wucht in Tüten! Aber die Schwarzhaarige, mit der du an der Bar einen Drink nach dem anderen gekippt hast, war tatsächlich noch ‘nen Zahn schärfer! Und die hatte einen Stoßfänger … Ich habe dich wirklich beneidet!“ Während ich das sage, deute ich mit den Händen mehr als großzügig an, was ich meine und wünsche spontan keiner einzigen Frau dieser Welt solch eine Körbchengröße.

Das verfehlt seine Wirkung nicht. Sowohl ihm als auch seiner Begleiterin entgleisen schlagartig die Gesichtszüge. Die Blicke treffen sich funkensprühend direkt auf halbem Weg zwischen ihnen. Diese Blicke sagen alles! Sie schaut ihn vorwurfsvoll fragend von der Seite an. Sie atmet tief ein und wiegt jetzt fünf Tonnen. Er ist sprachlos, was mir durchaus angenehm ist. Er muss sich recken, um nasenmäßig mit ihrem Knie auf gleicher Höhe zu sein. Fast tut er mir leid, fast. Ich sollte die Situation entschärfen. Sein Familienfrieden ist in Gefahr. Der Dame, nicht ihm zuliebe, ergänze ich:

„Ich habe doch am Strand ein paar Fotos, von euch beiden gemacht, direkt hinter dem Rettungsschwimmerhaus, wo niemand sonst war. Die hatte ja so ein wahnsinnig knappes Teilchen an.“ Dabei deute ich mit Daumen und Zeigefinger an, wie irrsinnig klein dieser Stofffetzen war. Ich habe ja vor Jahren mal einen Rhetorik-Kurs besucht und war berüchtigt für die gestische und mimische Untermalung meiner Vorträge. „Soll ich dir die Bilder mal mailen, Ingo? Wie war deine Mailadresse noch mal?“ Ich hoffe, dass er nicht zufällig Ingo heißt. Das wäre jetzt echtes Pech für ihn.

„Ingo? Du scheinst mich zu verwechseln. Ich heiße doch nicht Ingo!“. Es scheint sich Erleichterung breitzumachen. Da hat er aber Glück gehabt.

„Und ich bin noch nie an ihrer Cosma Braga gewesen. Sie scheinen mich zu verwechseln. Guten Tag!“ Ich bin spontan zum ‚Sie‘ übergegangen. Das erschien mir angemessen. Die Verabschiedung beschränkt sich auf ein kurzes, weniger freundlich gemeintes Nicken. Ich höre im Weitergehen gerade noch ein

„Spinner!“

Aber das ist mir egal. Er hat jedenfalls jemanden, dem er sein

„Spinner!“

mitteilen kann. Vielleicht ist das mit dem schlechten Gewissen seinerseits gar nicht so weit hergeholt? Ich bin da schlechter dran.

„Spinner!“,

muss ich mehrfach laut und frei von schlechtem Gewissen in mich hinein denken.